Späte Pubertät

Mit etwa 35 Jahren kam ich in die Pubertät.

Oder wieder. Oder so ähnlich.

Zum Zeitpunkt meiner „großen Trennung“ war ich 32 Jahre alt gewesen – gefühlt hatte ich mich seinerzeit noch immer wie etwa 20. Leider war es nicht jenes 20er-Lebensgefühl, das im Original mit der Überzeugung einherging, die Welt stünde mir offen und nichts könnte schief gehen. Nein – nachdem ich in die Partnerschaft eingetreten war, war ich kaum „älter“ geworden. Statt dessen hatte ich einen großen Teil meines Selbstwertgefühls und meiner Lebensfreude draufgegeben. Ich war geschrumpft, fühlte mich vielfach hilflos und vollkommen unwichtig.

Doch nun – mit 35 Jahren, Single, in stetiger Übung meiner Selbstannahme – hatte ich Land gewonnen. Durch meine emotionale Arbeit mit mir selbst** war ich erwachsener geworden und hatte eine gewisse Standfestigkeit erreicht. Indem ich mir meine Gedanken, Gefühle und Emotionen angesehen und erlaubt hatte – immer mit einigem Zeitaufwand, da dieser Akt in Eigenregie meistens eine gespaltene Angelegenheit ist –, war ich erwachsener geworden: Immerhin gefühlte 28 Jahre alt, und somit schon eher ernst zu nehmen! Zumindest nahm ich selbst mich so ernst, dass ich anfing, meine Mutter herauszufordern.

Ich widersprach – auf die aggressive Art. Ich fing an, mit ihr zu streiten. Ein „no go“ meiner Kindheit und Jugend (und ebenfalls in meiner Partnerschaft). Ich riskierte Knatsch. Ich riskierte erstmals, „sie zu verlieren“ (faktisch gesehen totaler Blödsinn, aber die Angst steckte mir in den Knochen).

Die natürliche Entwicklungs- und Ablösungs-Phase der Pubertät, die viele Familien vor deutliche Herausforderungen stellt, weil Jugendliche ihre Eltern und die bisherige Familien-Weltsicht in Frage stellen, war bei uns zu Hause harmlos ausgefallen: Hier und da hatte ich meinen Eltern ein paar Ansagen gemacht und mit vereinzelten Entscheidungen meine Mutter und vielleicht auch meinen Vater absichtlich vor den Kopf gestoßen – große Konflikte hatte es jedoch nicht gegeben.

Vor Schmerz und
Kummer
wurden mir die
Knie weich
und
die Beine schwach!

Nun aber erinnere mich an einen bestimmten Moment in meinem 35. Lebensjahr: Ich sehe mich an der Terassentür meiner kleinen Wohnung stehen, der Blick aus dem Fenster gerichtet – gerade hatte ich „Erfolg“ gehabt. Nach einem Streit mit meiner Mutter hatte sie sich verletzt aus unserem Telefonat zurückgezogen.

Während ein Teil von mir sich im Recht fühlte und sogar ein wenig stolz war, wurden mir vor Schmerz und Kummer die Knie weich und die Beine schwach.
Ich wußte in diesem Moment nicht, ob ich mich weiter auf den Beinen halten könnte.
Ich wußte nicht, ob ich meine Mutter nun verloren hätte.

Was ich wußte, war, dass sich etwas verändert hatte.

Etwas in mir hatte sich verändert – und für viele Jahre danach vermisste ich oft unsere frühere Verbundenheit. Trotzdem: Ich hatte es gewagt. Und ich wußte: Ich würde es überleben! Diese aktuellen Empfindungen, und im Zweifelsfall – ohne meine Mutter.

Wie gut, dass ich letzteres bisher nicht muss.

**Mehr über meine Arbeit mit mir und der Körperzentrierten Herzensarbeit folgt demnächst.

Aus purer Überzeugung: Walk & Talk

Natur ist gesund. Spätestens jetzt zu Corona-Zeiten spüren wir, wie gut die Natur uns tut! Endlich raus aus der Enge der eigenen vier Wände – selbst ein großes Haus fühlt sich irgendwann zu klein an, wenn sich das Leben nur noch dort abspielt! Ganz zu schweigen von einer Wohnung in der Stadt…

Dabei ist es längst wissenschaftlich nachgewiesen, das der Aufenthalt im Grünen uns nicht nur durch die Bewegung körperlich gut tut, sondern uns auch psychisch beruhigt. Aggressionen und Ärger werden besänftigt, Stress abgebaut, Ängste und Schmerzen können weniger werden, sogar die Konzentration steigt*. Und: „Je mehr Grün – also pflanzliches Grün – wir betrachten, umso weniger Stresshormone sind im Blut messbar“**.

Mir selbst war das (mehr oder weniger) schon als Jugendlicher klar – damals noch ganz ohne Studium oder Kenntnis irgendwelcher wissenschaftlichen Forschung.

Als Kind war ich häufig zu Fuß unterwegs. Wohin ich auch wollte, immer ging es am Waldrand entlang, teilweise auch am See, denn mit meiner Familie lebte ich in einem Feriendorf – abseits von den eigentlichen Dörfern der Gemeinde. Abgesehen von der Entfernung zur Schule oder meinen Freunden fand ich das auch gut so. Ich liebte den weiten Blick über die Täler und Hügel***, das zarte Grün und den Duft von Frühling, wenn die ersten Sträucher erblühten oder von Sommerregen. Im Herbst waren es die herrlich bunten Farben der Buchen-Misch-Wälder, die noch heute ein Gefühl von Weite und Freude in mir wecken können, und der modrige Geruch aus den Nadelwald-Bereichen, gemischt mit jenem von Pilzen…

(Den Winter mit seinen glatten Straßen mochte ich nicht so gerne).

Die Sache mit Walk & Talk entdeckte ich später, als ich mit einem Jungen zusammen war, dessen Zimmer lediglich zum Schlafen gedacht war. Sein Leben – und somit ein beachtlicher Teil unsere Verabredungen – spielten sich im Wohnzimmer und der Küche seiner Familie ab. Also gingen wir spazieren. – Wir gingen wirklich viel spazieren!

Dabei lernte ich, dass meine Gedanken – mehr als im Sitzen – „gerade aus“ liefen; ich sprang weniger in dem, was ich erzählte und unsere Gespräche waren „im Fluß“.

Natürlich hat mich das geprägt. Noch heute gehe ich gern (mit anderen) spazieren.

Stellt sich da noch die Frage, wieso ich eine Beratung im Gehen anbiete? Was auch immer passiert – es tut auf jeden Fall gut!

*https://www.die-gruene-stadt.de/gesundes-gruen.pdfx, am 11.04.21

**Prof. Harald Braem in Terra X – Die Magie der Farben, Teil 1

***Die Erinnerung nutze ich gern als „Augenentspannungsübung“ – mit geschlossenen Augen stelle ich mir vor, in die Ferne zu blicken, erinnere mich an die vertrauten Formen und Farben… Oft spüre ich die Entspannung bis in den Nacken, die Schultern und den Rücken hinein, bis in den ganzen Körper.

Grüße von Frank

Es wäre so etwas wie ein perfekter Osterpost gewesen – doch seit jeher hinke ich der Zeit ein wenig hinterher…

Frank war mein erster Freund. Damals war ich 13 Jahre alt, er 14. Für unser Alter blieben wir recht lange zusammen – fast ein Jahr. Anschließend gab es ein paar Kapriolen, die damit endeten, dass er mich zum Ende eines 2. Versuchs gegen eine meiner besten Freundinnen austauschte. Wenige Jahre später verließ ich meine alte Heimat – doch längst hatten sich die Wogen geglättet, und Frank blieb über die Jahre in meinem Herzen. „Frankie“, so nenne ich ihn längst in Gedanken, zauberte mir beständig ein Lächeln ins Gesicht. Seit meiner Jugend denke ich an jedem 27. Dezember an seinen Geburtstag und gratuliere ihm im Geiste.

Vor etwas über einem Jahr starb er ganz unerwartet. Ich erfuhr an meinem Geburtstag, wenige Tage später, davon. Soweit ich weiß, war sein plötzlicher Tod ein Schock für viele in der Gemeinde, in der er aktiv und integriert gelebt hatte. Beerdigt wurde er – wohl aufgrund seiner Wahlreligion – weit entfernt und ohne Beteiligungsmöglichkeit für jene, die mit ihm aufgewachsen waren.

Nun hatte ich ein beeindruckendes Erlebnis, und ich möchte es teilen – vielleicht kann dieser „Gruß von Frank“ auch andere Herzen berühren.

Seit fast einem Jahr lasse ich mich durch eine Supervisorin/Therapeutin unterstützen. Sie arbeitet mit Aufstellungen auf der individuellen Ebene, und diese lassen eine tiefe Emotionsarbeit und Einsichten zu, die über andere Wege sehr viel schwieriger zu erreichen sind.

Anfang März ging es in meiner Aufstellungsarbeit letztlich um Freiheit im Tun. Die ganze Zeit über geht es schon darum – fließen zu lassen, was in mir steckt, ohne mir selbst im Weg zu stehen. Fließen zu lassen, was mein Gegenüber braucht, ohne einer bestimmten Schule zu folgen. Frei zu sein von Zwängen, und doch produktiv, kreativ, Eingebungen folgend. Ehrlich zu sein und authenthisch, integer und konsequent, basierend auf Klarheit, Ausgerichtetsein und mit Freude. Meine Sorge, die mich zu diesem Termin getrieben hatte: Nicht genug in mir zu finden, um eine Kontinuität an den Tag zu legen, die nichts mit eiserner Disziplin oder leeren Routinen zu tun hat.

Nicht zum ersten Mal in einer Aufstellung fand ich mich im Angesicht des Totenreichs wieder – es ist mir nicht unheimlich. Ganz im Gegenteil: In einer mir vertrauten, undurchdringlichen Schwärze fand ich lange Zeit Ruhe, Erholung und Kraft! Meine Prozess-Begleiterin fragte mich, ob ich mir die ursprüngliche Erfahrung ansehen wolle, die mich dem Tod so nahe gebracht hatte. Ich wollte.*
Wenig später fand ich mich wieder bei der Aussage: „Ich könnte sterben, so scheiße ist das!“ Dann fühlte sich mein Körper an, als wolle er sich übergeben.

Plötzlich stieg mir ein Geruch in die Nase. Ich griff nach meinem üppigen Halstuch, und steckte meine Nase hinein. Es roch – nach Frank!

Ich schaute verblüfft und freudig überrascht auf! Dann steckte ich meine Nase wieder in das Tuch: Immer noch! Es roch nach Frank! Ich schnupperte in die eine Richtung und in die andere – es roch alles nach Frank! Ein sommerlich-süßer, schwerer Duft – ein Geruch, den ich seit meiner Jugend niemals vergessen habe. Er war sehr speziell. Ich habe ihn geliebt!

Katja Dikushina bot an, Frank in die Aufstellung** aufzunehmen, um zu erspüren, welche Energie hier zu Wort kommen wolle. Und so teilte sie/Frank mir mit, er habe gehen müssen, um frei zu sein. Es wäre ihm nicht möglich gewesen, sich so mitzuteilen, wie er gewollt hätte, und zu leben, wonach er sich gesehnt hätte. Doch nun sei er frei und es ginge ihm gut. (Ich hingegen könnte im Leben die ersehnte Freiheit finden und leben.)
Ich habe noch gefragt, was es mit seiner Beisetzung auf sich gehabt hätte, und die Antwort war, dass diese angemessen gewesen sei.

Es mag dahin gestellt sein, ob die Nachricht von Frank eine realitätsnahe Wahrheit enthält, die Franks Empfinden zu Lebzeiten entspricht. Ich weiß es nicht. Das müssen Menschen beurteilen, die ihn wirklich gut kannten und vielleicht etwas über seine Sehnsüchte wissen. Doch vielleicht ist ja etwas dran – und deswegen wollte ich es teilen. Möge es jene erreichen, denen es vielleicht ein Trost ist.

P.S. Am Ende unseres „Gespräches“ steckte ich meine Nase wieder in den Schal. Er roch einfach nur noch nach mir.
P.P.S. Seit der Aufstellung bin ich meinem Ziel auch wieder einen immensen Schritt näher gekommen!

*Dies ist eine andere Geschichte – die ausnahmsweise nicht weiter erzählt werden wird.

**In die Aufstellungsarbeit werden häufig Verstorbene oder auch abstrakte Energien aufgenommen – die Informationen, die sich so gewinnen lassen, haben oft sehr hohe Wahrheitsgehalte und verblüffende Effekte auf bestehende Systeme und lebende Menschen. Dies genauer zu beleuchten, würde hier jedoch viel zu weit führen und wird an vielen anderen Stellen erläutert.
Wobei: Wirklich verständlich wird dies nur in der konkreten Erfahrung.

Heute schon gezweifelt?

Bild von Gerd Altmann auf Pixabay

Zweifel sind bei vielen Menschen nicht sonderlich beliebt.
Das kann ich verstehen. Zweifel zu bearbeiten ist durchaus herausfordernd!
Doch spätestens im Rückblick sind sie nicht das eigentliche Problem.

In meinem Leben gab es lange Zeit Menschen, die sagten: „Zweifel doch nicht dauernd! Mach dir nicht so viele Gedanken!“. Manchmal gibt es sie sogar heute noch.

Früher bewirkte diese Aufforderung, dass ich mich nun wirklich schlecht fühlte! Da waren nicht nur diese Zweifel, die mich verunsicherten – sie schwirrten in meinem Kopf herum, von links nach rechts, von vorne nach hinten, kreuz und quer und sie machten mich eng in der Brust, weil ich den Atem anhielt bei dem Versuch, eine Antwort zu finden – und jetzt war das auch noch falsch?! Ich sollte das einfach sein lassen?! Ja – wie denn???? Woher bekäme ich dann die Antwort, nach der ich suchte? Die Sicherheit, die Orientierung, die Idee, wie weiter vorgehen???
Die Anderen schienen einfach zu wissen, was sie zu tun hatten. Sie schienen zu wissen, was richtig war. Sie schienen zu wissen, worauf sie sich verlassen konnten. Irgendwie schienen sie alles zu wissen. Nur ich nicht. Ich war anscheinend nicht richtig – denn ich hatte ja Zweifel.

Klingt irgendwie vertraut?

*Bei den Zeugen Jehovas zum Beispiel werden Zweifel einzelner Anhänger mit Beten und dem Lesen von Bibelversen beantwortet. [Immerhin. Anm. KH]. Zweifel seien ein Zeichen für Glaubensunsicherheiten, heißt es. Naja… Stimmt ja auch. Schade nur (meine Worte! Für mache ist es eine wirkliche Katastrophe!), dass die Zeugen Jehovas anscheinend nur den Weg des Gehorsams akzeptieren – ‚denk wie wir! Sei wie wir! Ansonsten bist du für uns gestorben.‘ Das ist nicht sonderlich lebenstauglich.**

Denn Zweifel sind nicht das Problem!

Zweifel sind ein Zeichen dafür, dass jemand sich weiterentwickelt (hat). Ein Mensch mit Zweifeln hat über den Tellerrand seines bisherigen Universums hinausgeschaut, und dort etwas anderes entdeckt, als das, was bisher vertraut war und was bisher als richtig angesehen wurde. Bisher hat „es“ so funktioniert. Nun gibt es etwas, das anscheinend dazu nicht passt. Ups! Und jetzt?

Genau das sind Zweifel.

Es kann sein, dass das Altbekannte auch hinterher in meiner Welt noch absolute Gültigkeit hat. Und wenn ich in meiner alten Welt bleiben will, dann darf auch alles so bleiben, wie es bisher war. Vielleicht hat das Altbekannte in meiner Welt nach der Überprüfung immerhin noch eine relative Gültigkeit. Und auch das ist in Ordnung. Deswegen sind Zweifel nicht böse. Sie sind nicht per se eine Gefahr für den Status Quo. Ganz im Gegenteil – sie können sogar das Vertrauen in die bisherige Seins- und Lebensweise stärken. Wenn diese sich auch weiterhin als passend, stimmig, funktionierend erweist.

Wenn aber ich mich verändert habe, oder meine alte Welt, oder meine alte Welt irgendwie nicht gut (für mich) ist – dann führen die Zweifel dazu, neue Wege und neue Lösungen zu suchen. Und das ist absolut sinnvoll. Oft anstrengend. Manchmal schmerzhaft (ja, ist leider so). Vielleicht lang dauernd. Aber: sinnvoll.

Sicherheitshalber noch ein Hinweis: Im Kreis denken – auch grübeln genannt – führt nicht ans Ziel! Weiterdenken ist angesagt. Ausprobieren ist angesagt. Überprüfen ist angesagt. Wie genau das gehen kann, ist eine andere Geschichte und wird an anderer Stelle erzählt (z.B. hier).

Der Gewinn erfolgreichen in-Frage-Stellens?
Mehr Klarheit. Mehr innere Sicherheit. Mehr Gelassenheit. Zunehmende Lebenserfahrung. Leichtere Entscheidungen. Vielleicht auch noch dies und das. Und am Ende: Weisheit (falls ich mich irre – beweisen Sie mir das Gegenteil 😉 )

Ach ja – wie es mir heute geht, wenn Menschen mir sagen: „Zweifel doch nicht dauernd!“?
Gut! Irgendwann habe ich angefangen, meine Zweifel beim Schopf zu packen, meine Fragen zu stellen und Antworten zu suchen. In mir und meinen Gedanken und Emotionen, oder in Büchern, Lexika, Filmen, You-Tube, etc. Manchmal auch direkt bei Menschen. Und wenn mir heute jemand sagt, „Zweifel doch nicht dauernd“, dann erzähle vielleicht, wozu Zweifel gut sind. Oder ich denke über ihn: „Ok, du hast keine Ahnung!“ 😉

*Ein Beitrag von Sophie Jones, einer Aussteigerin bei den Zeugen Jehovas, hat mich zum Thema dieses Textes inspiriert.
**Infos von Sophie Jones am 02.04.2021 in der NDR Talk Show, Kommentare von mir!

Über den Anfang vom Ende eines ziemlich unglücklichen Lebens

Bild von John Hain auf Pixabay

Im Jahr 2006 hatte ich die Nase voll. Ich hatte einfach keine Lust mehr, mir selbst etwas vorzumachen. In meinem Tagebuch.

Bisher hatte stets eine Stimme aus dem Off meine Hand gelenkt, und meine Worte. Ich schrieb nicht für mich – ich schrieb für eine imaginäre Leserschaft meiner Zeilen. Auch meine inneren Monologe wandten sich an ein gesichtloses Publikum. In meinen eigenen Gedanken, in meinem Kopf, war ich nie frei, nie authentisch. In meiner inneren Welt war ich nie einfach nur ich.

Gleichzeitig litt ich an einer schlimmen Sorte von Einsamkeit: Jener in einer Beziehung. Vielfach ungesehen, ungehört, unerfüllt. Die innere und äußere Leere machten mir seit Jahren immer mehr zu schaffen.

Und dann gab es noch den eigentlichen Gamechanger: Ich griff mir ein Buch von Safi Nidiaye, „Aufwachen – und Lachen“, aus meinem Regal und las es zum wiederholten Mal. Laut Untertitel steht darin „der einfache Weg zur Freiheit von Ärger, Angst und Leid“ beschrieben. Und diesmal – wie auch immer mir das gelungen ist, mit kopfmäßiger Disziplin hatte es jedenfalls nichts zu tun – befolgte ich endlich die absolute Regel #1 bei Selbsthilfebüchern: „Du musst es auch anwenden. Lesen allein reicht nicht.“

Ekel – eine Emotion,
die Schädliches aus
dem eigenen System
herausbefördern will

Das erste schwer zu greifende Gefühl, das ich nach Safi’s Methode in mir entdeckte, war – Ekel!
Dazu hatte ich mir stundenlang bei einem meiner inneren Monologe zugesehen und zugehört. Ein Arbeitskollege war mir seinerzeit immer wieder zu sehr auf die Pelle gerückt, und ich hatte es nicht geschafft, ihn um mehr Abstand zu bitten oder gar, diesen klar und deutlich von ihm zu fordern!

Während ich mir also selbst bei meiner inneren Aufregung zusah, fragte ich mich immer wieder: „Worum genau geht es hier? Was ist das für ein Gefühl?“.

Schließlich überkam mich die Einsicht: Dieser körperliche Abstand zwischen uns, der mir viel zu gering war, verursachte mir Ekel – eine Emotion, die etwas möglicherweise schädliches aus dem eigenen System herausbefördern will. Hatte ich zuvor in dem ganzen Lamentieren auch mit mir selbst gehadert, war ich mit der Erkenntnis sofort auf meiner Seite! Was für eine Erlösung! 

Als der Mann mir eine Weile später am Kaffee-Automaten wieder einmal zu nah kam, fauchte ich ihn völlig unerwartet (auch für mich) an, er solle gefälligst einen Schritt zurücktreten!

Die Sache mit dem „ehrlich Tagebuch schreiben“ und die Arbeit darum, meine Emotionen kennen- und annehmen zu lernen – für mich gehören beide zusammen; sie gingen und gehen Hand in Hand. Heute greife ich fast immer zu Stift und Zettel, Tagebuch oder Laptop, wenn eine Situation mich nicht loslässt, und schreibe los: In ganzen oder in abgebrochenen Sätzen, in Stichworten, in Wiederholungen – manchmal Seitenlang – in ungehobelter Sprache, mit Schimpfworten oder sanft und freundlich, wenn nötig stümperhaft, suchend, schreibend, was ich eben gerade greifen kann…. Wie auch immer: Sobald ich auf den Punkt ausgedrückt habe, was ich wirklich fühle und denke, atme ich tief durch, entspanne – und das Thema ist abgehakt.

Was das mit dem Anfang vom Ende meines ziemlich unglücklichen Lebens zu tun hat?

Dies waren die ersten Schritte zu mir selbst, die anderes nach sich zogen: Kurz darauf ging meine leider viel zu lange viel zu unglückliche Partnerschaft mit einem Knall in die Brüche. Wir hatten nie gestritten. Aber an jenem Tag ließ ich erstmals ganz authentisch meinen Frust auf eine Situation, die unser Miteinander betraf, raus. Auch er muss von uns sehr frustriert gewesen sein, denn ihm platzte die Hutschnur und er reduzierte augenblicklich die Kommunikation mit mir auf das absolut unumgänglichste Mindestmaß – „Hallo“ und „Tschüß“, „Guten Morgen“ und „Gute Nacht“, manchmal „Danke“. Ich weiß bis heute nicht, wie die letzten Monate unseres Zusammenseins für ihn waren. Nach zwei Wochen Schweigen floh ich aus unserer Wohnung. Und das wars. Das war der Anfang vom Ende meines ziemlich unglücklichen Lebens.

Als nächstes folgte die Entscheidung, mich so lange mit mir selbst zu beschäftigen, bis ich wüßte, wo im Leben ich wirklich hinwollte und was mir ganz persönlich wichtig ist, damit ich es nie wieder vergessen würde – und schon gar nicht in einer neuen Partnerschaft! Ich habe es mir nicht einfach gemacht, es war nicht leicht und schon gar nicht „mal eben“, aber ich bin immer weiter gegangen. Und um es mit Michael Ende und mit Worten aus der Unendlichen Geschichte zu sagen: „Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein anderes Mal erzählt werden.“

Frustkiller für die Freundschaft

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Liebe Frau Hirsch,
mein Leben ist das totale Chaos: Meine Oma ist schwer krank. Vielleicht muss sie in ein Heim. Mein Opa sucht eine neue Wohnung. Ich warte auch darauf, dass mein Vater, mein Bruder und ich umziehen. Wir wohnen wir bei der Freundin von meinem Vater. Ich habe Angst vor ihr, weil sie mich immer fertig macht. Mein Vater hat gesagt, er macht mit ihr Schluss und wir ziehen weg. Aber jetzt will sie eine große Wohnung, und er redet wieder nicht mit uns. Wir haben schon unsere Tante gefragt, damit sie ihn fragt. Das macht sie auch.
Das alles ist in meinem Kopf und ich breche abends zusammen und weine mich in den Schlaf. Meine beste Freundin versucht schon dauernd, mich aufzuheitern. Das schlimme ist, dass ich dann wütend werde und ich lasse meinen Frust an ihr aus. Sie sagt, sie kann das ab.
Aber ich will das nicht mehr! Wie kriege ich das hin?

Hallo Überforderte,
gleich mehrere Lebensbereiche stehen bei dir vor einer Veränderung, und es klingt so, als könntest du einfach nur abwarten was passiert. Das ist eine schwierige Situation. Die meisten Menschen mögen es nicht, wenn sie keinen Einfluss auf Wichtiges haben. Das passende Gefühl dazu heißt „ohnmächtig“ oder auch „hilflos“, und dies wieder macht oft wütend.

Nun hast du ein paar Menschen, die dich unterstützen wollen: Deine Tante, die mit deinem Vater reden will und deine Freundin, die sich im Moment einiges von dir gefallen lässt und sich Mühe gibt, dich an die schönen Seiten im Leben zu erinnern. Dein Bruder sitzt mit dir in einem Boot und auch dein Vater versucht anscheinend sein Mögliches, damit es dir gut geht.
So weit hast du in dem ganzen Chaos schon mal eine gute Ausgangslage – du bist nicht allein, und somit passt „hilflos“ letztlich nicht zur tatsächlich vorhandenen Situation. Und trotzdem kann es sich manchmal so anfühlen.

Sie möchte, dass es
dir gut geht!

Nun sehe ich eine andere Herausforderung, mit der du es zu tun haben könntest: Durch die ganzen Unsicherheiten schleppst du einiges an emotionalem Gewicht mit dir herum – Ohnmacht und Hilflosigkeit fühlen sich oft wie Bleigewichte an, die den Körper „runterziehen“, ihn schwer machen – jede Bewegung, jede Regung schwer machen.
Und während du dich so abschleppst, möchte deine Freundin, dass du leicht und fröhlich bist. Sie möchte, dass es dir gut geht.
Dabei hat sie nicht die Macht, dir Erleichterung zu verschaffen. Sie kann die Situationen nicht lösen. Sie glaubt sicherlich, dass es dir hilft, wenn du so tust, „als ob“ es dir gut ginge. Vielfach können wir lesen oder hören, dass dies helfen soll.

Teilweise stimmt das auch:
Kurzfristig kann uns das ablenken. Sollte sich in der Zwischenzeit etwas wichtiges weiterentwickeln und verändern, dann funktioniert diese Taktik auch auf lange Sicht.

Andererseits ist sie manchmal sehr, sehr anstrengend. Und auch hier kann wieder Wut aufkommen, um sich davor zu schützen. Hier zwei Ansätze zur Entlastung:

Punkt 1: Bitte deine Freundin, dir zu erlauben, traurig zu sein und „durchzuhängen“. Bitte sie, dich so zu nehmen, wie du (jetzt gerade) bist. Das ist vielleicht schwierig für sie. Für dich aber ist es leichter, als auf das Gewicht noch mehr obendrauf zu packen. Oft ergibt sich aus einer bewussten Zeit des „sich hängen lassens“ so viel Entspannung, dass sich der Körper und die Psyche erholen können und für einen Weile auch wieder leicht(er) sein können.

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Schon hier kann es sein, dass du deinen Frust nicht mehr an ihr auslassen musst. Falls der Frust aber doch noch regiert, weil die Situation selbst sich noch nicht verändert hat, kommen wir zu …

Punkt 2: Ich gehe davon aus, dass die Variante, den Frust an deiner Freundin auszulassen, für den Moment hilft. Sonst würdest du sie vermutlich nicht mehr anwenden. In diesem Fall bietet es sich an, diesen Frust an eine andere „Adresse“ loszulassen. Wo und wie könntest du dich also ohne Schaden an anderer Stelle entlasten?

Herrlich meckern lässt es sich zum Beispiel beim Staubsaugen mit dem Teppich, der jetzt so richtig kräftig abgebürstet wird – obendrein wird er praktischer Weise gleich sauber und gestaute Energie aus deinen Muskeln kann abgebaut werden.
Viele Hausarbeiten oder körperliche Aktivitäten eignen sich, einem vorgestellten Gegenüber die Meinung zu erzählen. Je bewusster du dabei bist, dir also selbst zuhörst und weißt, dass du „in Wahrheit“ gerade mit XY statt mit dem Teppich rummeckerst, umso wirkungsvoller ist das Ganze. So können wir nämlich gleichzeitig zu einem Freund/einer Freundin für uns selbst werden, wenn wir uns zustimmen oder mit uns Mitgefühl haben können. Wir können manchmal aber auch feststellen, dass wir gerade ganz schön unfair sind, und weil es ja nur der Teppich ist, können wir einfach nochmal neu ansetzen. Vielleicht gelingt es mit ein bischen Zeit, das zu sagen, was wirklich auf der Seele liegt.

Und natürlich tut es manchmal einfach gut, etwas kaputt zu machen. Aber weil auch das nur eine kurzfristige emotionale Entlastung bringt, aber keine langfristige Lösung, sollte es etwas sein, das du hinterher nicht mehr brauchst!

Ein konstruktiver Mittelweg kann dies hier sein:
Zuerst schreibst du deinen Frust auf ein Blatt Papier.
Hinterher zerreißt du es bis in kleinste Fitzelchen. Herrlich!

Was hier passieren kann: Das Aufschreiben an sich hat oft eine stark entlastende Wirkung! Wenn du es schaffst, wirklich in Worte zu fassen, was dich nervt, ergibt sich vielleicht eine direkte Selbstbestätigung („Genau! So ist das nämlich!“).
Anschließend kann vermutlich der sachlich-logische Menschenverstand wieder gehört und beachtet werden.

Vielleicht findest du auch eine ganz andere Form zum Frustabbau – ohne deine Freundin anzugreifen. Und wenn sich die Situationen im Außen dann Stück für Stück klären, wird auch dein Frust weniger werden.

Ich wünsche dir von Herzen alles Gute,
Katharina Hirsch

Furie sucht Frieden

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Seit kurzem bin ich mit meinem Freund zusammen. Ich will ihn auf keinen Fall verlieren, er kümmert sich um mich, kauft mir Geschenke und ist lieb zu mir. Dabei weiß ich, dass ich schnell klammere. Ich bemühe mich, ihm Freiraum zu lassen. Jetzt hat er mir gesagt, dass sich unser Zusammensein für ihn wie eine Freundschaft anfühlt und nicht mehr. In dem Moment bin ich völlig ausgerastet, habe ihn angeschrien und Sachen geworfen. Im Grunde kann ich mich kaum daran erinnern, was passiert ist, nachdem er mir das gesagt hat. Ich bin total verzweifelt: Er kämpft um uns, ich bekomme mit, wie er versucht, sich über seine Gefühle klar zu werden – und ich raste so aus! Was soll ich nur tun?

Wiebke, 23

Hallo Wütende,

kann es sein, dass du ebenfalls um eure Verbindung kämpfst? Nur mit lauteren Mitteln und auf anderen Wegen?

Natürlich ist Wut teilweise eine gefährliche Emotion: Es kann viel kaputt gehen, und durchaus auch die Verbindung, um die du kämpfst. Wenn die Wut dich so sehr überrollt, dass du nicht mehr denken konntest, heißt das, du verlierst die Kontrolle und schießt vermutlich über dein Ziel hinaus.

Wut ist
eine wichtige Regung

Und doch ist Wut an sich – wie jede andere Emotion – eine wichtige und gesunde Regung. Wut wendet sich grundsätzlich
gegen eine drohende Gefahr, wie in deinem Beispiel den möglichen Beziehungs-Verlust.

Gefahr:
Wichtige Infos
gehen verloren!

Das eigentliche Problem liegt also nicht in der Wut, sondern darin, was durch sie kaputtgehen kann, wenn sie sich unkontrolliert Bahn bricht. Ein weiteres Problem birgt die  Tatsache, dass du von eurer eigentlichen Auseinandersetzung nichts mehr mitbekommen hast. Hier gehen dir wichtige Informationen verloren, die du vielleicht brauchst, um zu einer konstruktiven Klärung der Situation zu gelangen.

Wie also kann es dir gelingen, von der blinden Furie wieder zu einer denkfähigen Verteidigerin deiner Position zu werden?

Erst einmal musst du die wild flutenden Hormone so weit wieder loswerden, dass sich dein Denkorgan einklinken kann. Am Besten geht das durch irgendeine Art von Bewegung, möglichst mit viel Energieeinsatz. Die Natur es so eingerichtet, dass mit den Hormonen im Notfall viel Energie aktiviert wird, um einen Gegner auszuschalten oder ihm zu entkommen.

Da beides dir nicht weiterhilft, gilt es, dieser Energie zwar ein Ventil zu geben, aber ohne Schaden am Gegenüber und ohne andauernden Kontaktabbruch.

Also:

Verlasse den Raum, verlasse die Situation,
sorge für Abstand zum Wutauslöser.

Und dann renne um deinen Verstand. Er wird sich früher oder später wieder einschalten. Oder schreie deine Wut (im Wald, im Auto, in ein Kissen) heraus; boxe in Kissen/Matraze/gegen einen Sandsack/in die Luft; wirf (draußen und mit sicherem Abstand zu anderen) Steine oder Äste durch die Gegend. Es gehen auch Wutbälle, Kissen oder Stofftiere, deren Ziel die Wand eines anderen Zimmers ist. Hier musst du allerdings auf Zerbrechliches achten. Glas und andere Gegenstände machen zwar schön viel Krach, bergen aber Verletzungsgefahren und müssen hinterher auch noch ersetzt werden. Tobe dich aus durch springen, trampeln, tanzen; oder oder oder. (Auch das hast du im Grunde getan – allerdings gegen deinen Partner und mit Sachschaden).

Im weiteren Verlauf einer Entwicklung von Wutkontrolle kann sich die Progressive Muskelentspannung anbieten. Die braucht aber etwas Übung, um dann im Bedarfsfall greifen zu können. Infos hierzu findest du zum Beispiel im Internet, es gibt CD’s und Audioprogramme oder auch Kurse an vielen VHS‘ (Volkshochschulen).

Wenn du beginnst, wieder denken zu können, lasse dir noch Zeit, bevor du zurückkehrst in die Situation/zu der Person. Mache dir klar, worum es geht und was dein Ziel ist. Vielleicht brauchst du hierzu Hilfe, zum Beispiel durch eine Freundin, um dich nach und nach im neutralen Gespräch daran zu erinnern, welche Argumente ins Feld geführt wurden und worin das rote Tuch für dich liegt.

Mache dir klar,
worum es geht
und was dein Ziel ist

Dieser Prozess der Selbstfürsorge
und Wutverarbeitung
kann von einer halben Stunde bis zu mehreren Tagen dauern. Wenn es länger dauert, kann es sinnvoll sein, die andere Person darüber zu informieren, dass du die Situation gern bereinigen möchtest, aber im Moment noch nicht in der Lage dazu bist.

Was du tun kannst, um die Verbindung zu deinem Freund zu klären und zu festigen, das müsst ihr letztlich im Gespräch klären, wenn du dich beruhigt hast und wieder denken kannst: Was genau heißt es, wenn er sagt, er empfände „Freundschaft und nicht mehr“? Will er etwas ändern? Was? Wie? Und wie kannst du darauf antworten? Im Gespräch und im Leben?

Beides, sowohl der Umgang mit einer solchen Wut, als auch das Führen eines solchen Gespräches sind für die meisten Menschen große Herausforderungen!  

Ich wünsche Dir von Herzen, dass eure junge Verbindung stark genug ist, diese Herausforderungen zu meistern.
Katharina Hirsch

Ein lebenswertes Leben

Ich (32) lebe allein und finde das gut so. Ich liebe mein Leben, meinen Job und reise gern. Früher hat das meine Familie beeindruckt, aber jetzt reden alle nur noch von der geplanten Hochzeit meiner jüngeren Schwester. Mir graut es vor dem Fest und der Frage, wann es bei mir so weit sei. Ich fühle mich wie eine Versagerin. Dabei weiß ich nicht einmal, ob ich überhaupt heiraten will.
Theresa

Hallo Allein-Reisende,

Ihre Schwester wird heiraten – und Sie fühlen sich als Versagerin, während Sie ihr Single-Leben (angeblich?) genießen.
Was für eine gute Gelegenheit, die Frage nach den eigenen Ehewünschen und jenem möglichen Versagen einmal (wieder) auf den Prüfstand zu stellen.

Denken Sie weiter!

In früheren Zeiten war es für eine Frau tatsächlich bedeutsam, einen Mann zu finden, der sie finanziell versorgte und ihre Sicherheit garantierte. In der Gesellschaft hatte eine alleinstehende Frau einen weniger angesehenen Stand als die Verheiratete.
Auch heute sind es vor allem alleinstehende Frauen, die von sozialer Isolation und Armut im Alter bedroht sind.
Trotzdem ist es schon früher Frauen gelungen, auf sich selbst gestellt zu überleben. Heute können wir Frauen in Deutschland uns (fast) als gleichberechtigt betrachten, und ohne weiteres „unseren Mann“ alleine stehen.

Und wie steht es um die seligmachende, ewige Zweisamkeit? Im vergangenen Jahr (2019) wurden laut dem Statistischen Bundesamt rund 150.000 Ehen in Deutschland geschieden – über ein Drittel der Anzahl an Ehen, die neu geschlossen wurden. Die aktuell durchschnittliche Lebensdauer einer Ehe: knapp 15 Jahre.

Die Ehe ist kein Garant für ein lebenswertes Leben.

Was wäre,
wenn…?

Eine gelingende Ehe zu führen, bedeutet, sich festzulegen und einzulassen. Auf einen Menschen, mit dem gemeinsam man die Aufgaben des Lebens dann angehen muss.
Häufig legen sich (junge) Menschen auf dieses Abenteuer fest, noch bevor sie das Leben oder sich selbst gut genug kennen, um auch nur zu ahnen, was auf sie zukommen könnte oder worin die persönlichen Herausforderungen in ihnen selbst bzw. ihrem Gegenüber bestehen. Wenn es dann schwierig wird, zeigt sich oft: Der andere Mensch, auf den sie sich festgelegt haben, macht die Sache nicht leichter.

Worin genau also könnte ein Versagen bestehen? Darin, sich die Zeit zu nehmen, sich selbst und die Welt kennenzulernen? Darin, zu prüfen, was für Sie ein passender Lebensentwurf sein könnte, der möglichst langfristig funktioniert? Darin, ein mögliches Gegenüber auf den Prüfstand zu stellen, ob es zu ihren Lebensplänen passt? …?

Und dann zu der eigentlichen, neugierigen Frage: Was wäre, wenn Ihre Antwort darauf hieße „Ich weiß es noch nicht“?
Was könnte wirklich passieren? Seien Sie konsequent. Denken Sie weiter, statt nur „mir graut davor“. Wie könnten die Menschen tatsächlich darauf reagieren?
Stellen Sie als Trockenübung ein paar Theorien auf – inklusive positiver Entwicklungen. Die sind nämlich auch möglich.

Ich wünsche Ihnen von Herzen alles Gute,
Katharina Hirsch

Vertrauensfragen

Hallo,
mit 40 Jahren bin ich nach einer kurzen, gescheiterten Ehe wieder allein und kinderlos. Meine Ehe endete in einem Alptraum. Begonnen hat sie als Affaire. Als wir dann schließlich heirateten, dachte ich, alles sei gut. Dann stellte sich heraus, dass mein Mann auch mich die ganze Zeit über betrogen hatte! Und das mit mehreren Frauen. Ich habe die Scheidung eingereicht, was mein Mann überhaupt nicht verstehen wollte. Das Ende vom Lied: Er ist bereits wieder verheiratet. Aber was wird aus mir? Was wird aus meinen Träumen von Haus, Ehepartner, Kind? Wie kann ich jemals wieder einem anderen Mann vertrauen? Wie kann ich jemals wieder auf meine eigene Urteilsfähigkeit vertrauen?

Tatjana B.

Hallo Enttäuschte,
eine wichtige Frage: Wie kannst du (wieder) auf deine eigene Urteilsfähigkeit vertrauen? Ich denke, dies ist der Dreh- und Angelpunkt, alles andere folgt dem nach.

Also wie? Indem du sie überprüfst. Worauf gründest du deine Urteile? Welche Merkmale erscheinen dir wesentlich? Welche davon erweisen sich über die Zeit als verlässlich und bei welchen solltest du vorsichtig sein?

Es wird eine ganze Weile dauern. Denn dazu brauchst du Erfahrungen, aus denen du lernen kannst.

Dies können neue Erfahrungen mit neuen Menschen sein.
Mehr und schneller lernst du jedoch aus der Vergangenheit. Immerhin hast du schon ein paar Jahre Lebenserfahrung und somit vermutlich auch einiges an Beziehungserfahrungen gesammelt. Hieraus kannst du bestimmt tief schöpfen.

Lerne aus
bisherigen
Beziehungen

Es müssen nicht nur Liebesbeziehungen zu Männern sein. Auch deine Erfahrungen mit Bekannten, Kolleginnen und Kollegen, Freundinnen, Schulkameraden, Familie etc. können dir helfen, dein Urteilsvermögen zu überprüfen. Wo erinnerst du dich an bestimmte Situations- oder Charaktereinschätzungen? Wo lagst du damit richtig und wann hast du dich geirrt? Kannst du bestimmte Muster erkennen, wenn du an verschiedene Erlebnisse oder Menschen denkst? Und schließlich hast du auf einen Mann gebaut, bei dem aus bestimmten Gründen glaubtest, für ihn „die Eine“ zu sein. Wie konnte er dir diesen Eindruck vermitteln? Welche seiner Handlungen haben dir Sicherheit vermittelt? Gab es anders herum vielleicht Momente, in denen du dich unsicher fühltest, aber beschlossen hast, nicht dieses Gefühl zu hinterfragen, sondern ihm zu vertrauen?

Mit diesen und ähnlichen Fragen kannst du dir deinen Erfahrungsschatz an Beurteilungen anschauen, und viel über dich und die (bisherige) Zuverlässigkeit deiner Urteilsfähigkeit lernen.

Was ich aber auch erwähnen möchte:
Es gibt Menschen, die grundsätzlich vertrauen.
Und es gibt solche, die so tun, „als ob“.

Jene, die tatsächlich zutiefst vertrauen, hatten vermutlich das Glück, dass sie in einem vertrauenswürdigen Umfeld aufgewachsen sind.

Auch solchen Menschen kann es passieren, dass sie irgendwann an jemanden geraten, der dieses Vertrauen enttäuscht. Das ist dann eine Lektion, die sie eben zum Glück erst später in ihrem Leben zu lernen haben, auf der Basis vieler guter Erfahrungen. Auch sie müssen für eine neue Stabilisierung ihres Selbstvertrauens vielleicht prüfen, wo Erwartungen und Erfahrungen nicht zusammenpassten, und was darauf hätte hinweisen können, dass es diesmal anders ist. Vielleicht schütteln sich solche Menschen auch nur kurz, weil sie sich darüber bewusst sind: „Ich habe so viele gute Erfahrungen gemacht, jetzt habe ich einmal Pech gehabt. Beim nächsten Mal wird es wieder anders sein.“

Und dann gibt es jene, die so tun „als ob“.

Das sind vielleicht Menschen, denen von ihrem Umfeld schon früh und konsequent erzählt wurde, dass sie vertrauen haben sollen – auch wenn ihre Erfahrung sagte: VORSICHT!
Doch wenn diese Menschen sich auf ihre Erfahrung beriefen, oder das dazugehörige unsichere Gefühl und zweifelnde Gedanken benannten, hieß es in ihrem Umfeld, sie lägen falsch. Ihnen wurde systematisch beigebracht, sich selbst zu misstrauen und ihre Wahrnehmungen zu ignorieren!

Für sie ist es ein wirklich hartes Stück Arbeit, sich aus einer solchen Erfahrungsspirale herauszulösen und Selbstvertrauen (hier: Vertrauen in das eigene Urteil) zu entwickeln. Sie müssen einerseits komplett neu lernen, dass sie sich vertrauen dürfen, vielleicht sogar müssen – und gleichzeitig stehen in einem solchen Fall immer die Beziehungen zu den Menschen auf dem Spiel, die sagten, man läge falsch.

Das kann Manche(r) alleine schaffen. Viel einfacher – und immer noch sehr schwer! – ist es jedoch mit einer langfristigen wohlwollenden Begleitung. Hier ist es eine Psychotherapie durchaus angemessen oder zumindest die Unterstützung durch einen Coach.

Ich wünsche Dir von Herzen alles Gute,
Katharina Hirsch

Zweiflerin? Zweifelsfrei!

Sehr geehrte Frau Hirsch,

ich hab da mal eine Frage. Haben Sie eigentlich auch Zweifel? Ich meine, Sie sind ja Psychologin und so. Gibt es da auch noch Sachen, die schwer für Sie sind? Ich weiß so oft nicht, was ich machen soll und meine Familie sagt was anderes als meine Betreuerin.

Hochachtungsvoll,
Emircan

Foto: pexels, by pixabay

Hallo Emircan,

um es direkt zu sagen: Ja, ich habe auch Zweifel. Wann immer das Leben mich vor eine Wahl stellt, muss ich genauso wie Du eine Entscheidung treffen.

Manchmal ist das leicht. Meistens habe ich dann schon über dieses Thema nachgedacht und/oder mit Freunden gesprochen. Oft habe ich eine ähnliche Entscheidung schon einmal getroffen, und ich weiß, was mir daran wichtig ist und wie ich es bekomme.

Pro- und
Contra-Liste

Manchmal ist das gar nicht leicht. Dann habe ich die Arbeit noch vor mir, von der ich auch aus meinem Studium und aus dem Leben insgesamt weiß: Verschiedene Wege können mir helfen. Leider gibt es nicht DIE EINE Technik, die absolute Klarheit bringt. Oft sind es eher mehrere Ansätze, die miteinander kombiniert den richtigen Weg zeigen.

Manchmal hilft eine Pro-und-Contra-Liste (Was ist gut daran? Was gefällt mir nicht/was geht nicht?).

Von Herzen
jammern, meckern,
hadern!

Manchmal muss ich ausgiebig jammern, meckern und hadern, bevor ich durch all die lauten Widerstände („ich will (nicht)/ich kann nicht/man sollte/es wird erwartet, dass…./es kann nicht sein…“) zu dem komme, was mir wirklich wichtig ist. Dann versuche ich, aus einer übergeordneten Ebene auf das Jammern, Meckern und Hadern zu schauen. Dabei hilft mir oft mein Tagebuch, weil ich dann alles noch einmal nachlesen kann.

Mit Freunden
reden.
Oder
jemandem,
der Ahnung hat

Manchmal können hier auch Freunde helfen. Oft merke ich jedoch, dass ich sie daran erinnern muss, erst einmal keine Lösungen zu präsentieren, sondern mir zuzuhören und zu versuchen, mich zu verstehen. Die Lösungen sind zwar oft sehr logisch, aber mein innerer Widerstand lässt noch nicht zu, diese Lösungen umzusetzen. Deswegen geht es erst einmal darum, dass ich unsicher sein darf, oder wütend oder traurig oder was auch immer. Es geht darum, dass ich (mich) fühlen darf, wie ich (mich) fühle, ohne das jemand versucht, das wegzumachen oder mir auszureden. Wenn das klar ist, dann kann es weitergehen (*weiter unten findest du ein Beispiel).

Manchmal kommt es auch vor, dass ich mich mit einer Sache nicht auskenne. Dann brauche ich den Rat von jemandem, der sich eben besser auskennt und der mir hilft, das Passende und das Nicht-Passende auseinanderzuhalten. Da kann es auch sein, dass Freunde oder Eltern nicht die richtigen Ansprechpartner sind, weil sie selbst keine Ahnung haben oder Vorstellungen, die nicht zu mir passen.

Bei deiner Frage habe ich den Eindruck, dass es im Grunde darum geht, wie du gute Entscheidungen für dich treffen kannst. Wenn also Deine Eltern dir sagen, was du tun sollst, und deine Betreuerin etwas anderes sagt, dann musst du ja für dich entscheiden, wessen Rat du folgen willst oder solltest. Da stellt sich für mich die Frage: Wessen Entscheidungen oder Vorschläge haben sich bisher so entwickelt, dass es dir hinterher möglichst gut ging?

Dafür kannst du dich an verschiedene Situationen und Entscheidungen erinnern. Am besten schriftlich, vielleicht in Form einer Tabelle:

Worum genau ging es?Auf wen hast du gehört? Wie hast du dich verhalten?Wie ist die Situation ausgegangen? Gut? Schlecht?Was genau war daran gut?Was genau war daran schlecht?

Ich glaube, es würde dir helfen, wenn du jemanden an deiner Seite hast, der wirklich nur will, dass es dir gut geht. Vielleicht kannst du diese Erinnerungsarbeit mit deiner Betreuerin zusammen machen?

Vielleicht findest du so heraus, wessen Vorschlag du eher vertrauen kannst. Vielleicht fallen dir mit der Zeit Sachen auf, die du selbst besonders wichtig findest, und auf die du bei der Entscheidung achten willst. So kommst du dann dahin, dass Entscheidungen mehr und mehr deine eigenen sind.

Ich wünsche dir von Herzen alles Gute,
Katharina Hirsch

* Hier noch ein Beispiel:
Neulich ging es bei mir um die Entscheidung, ob ich eine Sache angehe, für die ich regelmäßig eine weitere Strecke mit öffentlichen Verkehrsmitteln fahren müsste. Ich jammerte: „Der Weg ist so lang! – Auf öffentliche Verkehrsmittel ist kein Verlass! – Ich hab dann so wenig Bewegung. – Ich bin viel weniger flexibel. – Das kostet mich so viel Zeit! – …“.

Ich fing dann an, mir selbst beim Jammern zuzuhören. Mit der Zeit merkte ich zwei Sachen:

1. Das waren durchaus beachtenswerte Argumente. Aber wenn ich den ganzen Aufwand wirklich nicht wollte, dann könnte ich doch auch einfach sagen: „Nö, mach ich nicht.“ (An diese Möglichkeit erinnerte mich ein Freund). Das tat ich aber nicht. Also gab es etwas, das mir wichtiger war! Was genau war dieses Positive, das ich mit dieser Entscheidung verband? Ich überlegte noch einmal, fand das, was mir so wichtig war und stellte mir ganz absichtlich diesen Teil genau vor. Dabei achtete ich auf meine (positiven) Gefühle, und meine Lust darauf wurde mir noch deutlicher.

2. Die ganzen Sachen, über die ich jammerte, betrafen meine Möglichkeit, selbstbestimmt zu agieren! Mir war schnell klar, dass mir genau das sehr wichtig ist (hier kenne ich mich sehr gut), und ich bestätigte mir selbst, dass das ok ist. Nun konnte ich überlegen: Wie könnte ich den Weg für mich nutzen, welche meiner Bedürfnisse könnte ich doch irgendwie währenddessen erfüllen? Ich fand meine Lösungen, und nun freue ich mich auf das, was kommt. Sogar ein bisschen auf die Wege 😉

Was war passiert?

Indem ich mir erlaubte, zu jammern, nahm ich mich und die Herausforderungen bei der Entscheidung ernst. Nachdem mir das gelungen war, konnte ich – zum Teil allein, zum Teil mit Freunden – verschiedene Ideen entwickeln, wie ich die „Probleme“ angehen kann. Einige dieser Lösungen waren schon vorher da gewesen, aber erst musste ich mich ernst nehmen. Danach war der Rest – kein Problem mehr!