Furie sucht Frieden

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Seit kurzem bin ich mit meinem Freund zusammen. Ich will ihn auf keinen Fall verlieren, er kümmert sich um mich, kauft mir Geschenke und ist lieb zu mir. Dabei weiß ich, dass ich schnell klammere. Ich bemühe mich, ihm Freiraum zu lassen. Jetzt hat er mir gesagt, dass sich unser Zusammensein für ihn wie eine Freundschaft anfühlt und nicht mehr. In dem Moment bin ich völlig ausgerastet, habe ihn angeschrien und Sachen geworfen. Im Grunde kann ich mich kaum daran erinnern, was passiert ist, nachdem er mir das gesagt hat. Ich bin total verzweifelt: Er kämpft um uns, ich bekomme mit, wie er versucht, sich über seine Gefühle klar zu werden – und ich raste so aus! Was soll ich nur tun?

Wiebke, 23

Hallo Wütende,

kann es sein, dass du ebenfalls um eure Verbindung kämpfst? Nur mit lauteren Mitteln und auf anderen Wegen?

Natürlich ist Wut teilweise eine gefährliche Emotion: Es kann viel kaputt gehen, und durchaus auch die Verbindung, um die du kämpfst. Wenn die Wut dich so sehr überrollt, dass du nicht mehr denken konntest, heißt das, du verlierst die Kontrolle und schießt vermutlich über dein Ziel hinaus.

Wut ist
eine wichtige Regung

Und doch ist Wut an sich – wie jede andere Emotion – eine wichtige und gesunde Regung. Wut wendet sich grundsätzlich
gegen eine drohende Gefahr, wie in deinem Beispiel den möglichen Beziehungs-Verlust.

Gefahr:
Wichtige Infos
gehen verloren!

Das eigentliche Problem liegt also nicht in der Wut, sondern darin, was durch sie kaputtgehen kann, wenn sie sich unkontrolliert Bahn bricht. Ein weiteres Problem birgt die  Tatsache, dass du von eurer eigentlichen Auseinandersetzung nichts mehr mitbekommen hast. Hier gehen dir wichtige Informationen verloren, die du vielleicht brauchst, um zu einer konstruktiven Klärung der Situation zu gelangen.

Wie also kann es dir gelingen, von der blinden Furie wieder zu einer denkfähigen Verteidigerin deiner Position zu werden?

Erst einmal musst du die wild flutenden Hormone so weit wieder loswerden, dass sich dein Denkorgan einklinken kann. Am Besten geht das durch irgendeine Art von Bewegung, möglichst mit viel Energieeinsatz. Die Natur es so eingerichtet, dass mit den Hormonen im Notfall viel Energie aktiviert wird, um einen Gegner auszuschalten oder ihm zu entkommen.

Da beides dir nicht weiterhilft, gilt es, dieser Energie zwar ein Ventil zu geben, aber ohne Schaden am Gegenüber und ohne andauernden Kontaktabbruch.

Also:

Verlasse den Raum, verlasse die Situation,
sorge für Abstand zum Wutauslöser.

Und dann renne um deinen Verstand. Er wird sich früher oder später wieder einschalten. Oder schreie deine Wut (im Wald, im Auto, in ein Kissen) heraus; boxe in Kissen/Matraze/gegen einen Sandsack/in die Luft; wirf (draußen und mit sicherem Abstand zu anderen) Steine oder Äste durch die Gegend. Es gehen auch Wutbälle, Kissen oder Stofftiere, deren Ziel die Wand eines anderen Zimmers ist. Hier musst du allerdings auf Zerbrechliches achten. Glas und andere Gegenstände machen zwar schön viel Krach, bergen aber Verletzungsgefahren und müssen hinterher auch noch ersetzt werden. Tobe dich aus durch springen, trampeln, tanzen; oder oder oder. (Auch das hast du im Grunde getan – allerdings gegen deinen Partner und mit Sachschaden).

Im weiteren Verlauf einer Entwicklung von Wutkontrolle kann sich die Progressive Muskelentspannung anbieten. Die braucht aber etwas Übung, um dann im Bedarfsfall greifen zu können. Infos hierzu findest du zum Beispiel im Internet, es gibt CD’s und Audioprogramme oder auch Kurse an vielen VHS‘ (Volkshochschulen).

Wenn du beginnst, wieder denken zu können, lasse dir noch Zeit, bevor du zurückkehrst in die Situation/zu der Person. Mache dir klar, worum es geht und was dein Ziel ist. Vielleicht brauchst du hierzu Hilfe, zum Beispiel durch eine Freundin, um dich nach und nach im neutralen Gespräch daran zu erinnern, welche Argumente ins Feld geführt wurden und worin das rote Tuch für dich liegt.

Mache dir klar,
worum es geht
und was dein Ziel ist

Dieser Prozess der Selbstfürsorge
und Wutverarbeitung
kann von einer halben Stunde bis zu mehreren Tagen dauern. Wenn es länger dauert, kann es sinnvoll sein, die andere Person darüber zu informieren, dass du die Situation gern bereinigen möchtest, aber im Moment noch nicht in der Lage dazu bist.

Was du tun kannst, um die Verbindung zu deinem Freund zu klären und zu festigen, das müsst ihr letztlich im Gespräch klären, wenn du dich beruhigt hast und wieder denken kannst: Was genau heißt es, wenn er sagt, er empfände „Freundschaft und nicht mehr“? Will er etwas ändern? Was? Wie? Und wie kannst du darauf antworten? Im Gespräch und im Leben?

Beides, sowohl der Umgang mit einer solchen Wut, als auch das Führen eines solchen Gespräches sind für die meisten Menschen große Herausforderungen!  

Ich wünsche Dir von Herzen, dass eure junge Verbindung stark genug ist, diese Herausforderungen zu meistern.
Katharina Hirsch

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