Ein Lob auf den Trotz

Trotz ist gut!
Er kann eine wichtige und gesunde Form der Selbstbehauptung darstellen.
Ich schätze ihn, wenn ich diese Funktion bei ihm erkenne.

Bei mir zeigt er sich, wenn mir jemand auf die Füße getreten ist, oder ich mich überrumpelt und nicht ernst genommen fühle.

Er verhilft zum Widerstand. Zum Einfordern von mehr Information, Anerkennung, gesehen und gehört werden, oder eben – sich nicht überrumpeln zu lassen.
Das halte ich für sinnvoll. Auch bei anderen!

Meine Neigung, mich trotzig zu geben, liegt nicht nur in meinem Charakter.
Er hatte auch ein starkes Vorbild, das manchmal von anderen wiedererkannt wird.
Und Trotz kann Spaß machen! Es lässt sich herrlich damit kokettieren.

Ich schob
den Trotz
zur Seite

Und doch gab es eine Zeit in meinem Leben, in der ich ihm nicht über den Weg traute. Ich befürchtete, mit meinen trotzigen Reaktionen zu übertreiben* – und dass ich keine Berechtigung dazu hätte. Außerdem hatte ich Angst, mir wichtige Menschen zu verprellen.
Also schob ich ihn zur Seite.

Das zeigte zweifelhafte Wirkung: Ich verblasste. Meine Lebendigkeit – und meine Lebensfreude. Auf der anderen Seite verlor sich die Beachtung meiner Interessen. Trotz ist eine kraftvolle Antwort auf das Leben – indem ich sie kleinzwang, gewannen Schwere und Schwermut an Gewicht.

Beides sind keine guten Begleiter. Sie führen in Hilflosigkeit und Depression.

Der Weg zurück fiel mir nicht leicht. Doch dabei begegnete mir unvermeidlich auch mein Trotz wieder. Ich begegnete ihm in der Vision meines ca. vierjährigen Selbst (auch gern als „Inneres Kind“ bezeichnet – aber ich hatte nicht nach ihm gesucht). Ich erkannte den Trotz in meinem rebellisch herausgestreckten Bauch (der mich gleichzeitig an den Bauch eines Buddha erinnerte).
An dieser Stelle kann ich herzlich über dieses Bild von mir selbst lachen – und gleichzeitig die Lebenskraft und den Durchsetzungswillen dieses jungen Menschleins bewundern, anerkennen und wertschätzen!
Ich habe keine bewusste Erinnerung daran, ob ich mich jemals wirklich bauchherausstreckend meiner Umwelt präsentiert habe. Doch die Vorstellung begeistert mich.

Mit der Zeit lernte ich meinen Trotz genauer kennen. Über die Wahrnehmung widerständischen Verhaltens hinaus lernte ich, meinen Gedanken mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Dabei kam ich zu der Überzeugung, dass jeder davon seine Berechtigung hat! Er hat einen verstehbaren Hintergrund. Hier ist es ein wesentlicher Trick, Gedanken ernst zu nehmen als Ausdruck von Bedürfnissen, Sorgen und Ängsten – aber nicht immer als aktuelle bzw. konkrete Wahrheit**.

Noch einmal auf den körperlichen Ausdruck geschaut, können sich Trotz und Widerstand auch in einem aufgeblähten Brustkorb zeigen. Allerdings ist das sehr anstrengend, denn um die Form zu halten, blockiere ich den Strom der Lebensenergie – die Atmung.
 So schadet dann das Festhalten am eigenen Trotz dem oder der Trotzenden mehr als dem Anderen, der das Anliegen selbst nicht einmal wahrnimmt, wenn es nicht deutlich ausgesprochen wird.
Ganz besonders schädigend ist dies alles, wenn es unterschwellig bleibt – nach außen nicht sichtbar und vielleicht nicht einmal stark genug, sich selbst als blockiert wahrzunehmen. Doch auch dann wird die Atemtiefe reduziert, und die Lebensenergie kann sich nicht richtig erneuern.

Irgendwann
hatte ich
die Wahl…

Für die Zukunft hatte ich irgendwann die Wahl: mich weiterhin zu verraten oder potenziell allein da zu stehen – aber zumindest im Fluß der Lebensenergie und im Einklang mit mir selbst. Da ich zu jener Zeit sowieso überwiegend alleine da stand, riskierte ich mehr Authentizität, als neue Menschen in mein Leben traten.
Heute habe ich einen größeren Freundeskreis als jemals zuvor. Es ist mehr als eine handvoll Leute, bei denen ich darauf vertraue, dass sie bei Bedarf für mich da sind. Erprobt, getestet und bewiesen.

Heute brauche ich meinen Trotz weit weniger als noch vor einigen Jahren. Indem ich ihm Raum gab, konnte ich durch die Reaktionen der Anderen auch erkennen, wann er in seiner Intensität vielleicht nicht nötig gewesen wäre. Ich konnte lernen, dass es reichen könnte, meine Forderungen ruhiger und mit mehr Selbstbewusstsein anzubringen. Und natürlich geht es beim gelingenden Menschsein darum, eine gesunde Balance zu finden aus der Beachtung und Befriedigung meiner eigenen Bedürfnisse und der Anforderungen und Wünsche von Außen.

Bleibt ein weiterer Punkt, der dazugehört: Auch wenn im Kopf alles klar ist, können letztlich emotionale Blockaden verhindern, einfach und natürlich nach außen zu bringen, was in einem steckt. Stoße ich auf solche letzten, emotionalen Hindernissen auf dem Weg zur gelassenen Selbstbehauptung, helfen mir Aufstellungsarbeit oder neuerdings die Technik des Brainspotting***.
Beides sind Wege, (unter anderem) Emotionen in einem sicheren Rahmen fließen zu lassen.
Und es ist immer das Fließenlassen von Emotionen, das wirkliche Veränderung bringt!

*Das ist durchaus auch möglich!

**Gelernt und abgewandelt durch die Lektüre von Safi Nidiayes Büchern und Anwendung der Technik der Körperzentrierten Herzensarbeit

***Brainspotting ist eine sehr gut funktionierende Methode, um Stress zu verarbeiten und Blockaden abzubauen. Dabei zeigen sich teilweise auch neue Perspektiven auf das eigene Leben. Dazu nächste Woche mehr.

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