Trauer einfach gemacht

Als meine Oma starb, ging einer der wertvollsten Menschen aus meinem Leben.

Natürlich (?) war ich traurig. Natürlich (?) habe ich geweint. Noch heute kommt es vor, dass ich an sie denke, eine Schnute ziehe und ein kindlicher Teil sagt: „Das ist doch blöd!“. „Das“ meint, dass sie nicht mehr da ist. Ein Anflug von Bedauern und vermissen. Zum Beispiel ihre megaweichen, dauergewellten Haare. Ihre weiche Haut. Ihre warmen Umarmungen. Ihr Haus. Ihr Dorf.
Meine Oma war eine Kuscheloma.

Ich hatte mir gewünscht, dass meine Kinder sie kennenlernen. Weil sie mir eine tolle Oma war.
Ihr Kommentar?
„Bis du Kinder bekommst, bin ich längst nicht mehr da!“
Das nahm ich ihr übel!

Ich war nicht wichtig genug, als dass sie leben würde… So sah ich es.

Mit der Trauer ist es, wie mit allen Gefühlen: Kommt sie EIN-fach, ist sie.
Genau das. Sie ist, wie sie ist. EIN-fach.
Und alles, was einfach ist, ist weniger schwer.
Weniger schwer, als wenn es verworren, verwickelt, vermischt ist.
Alles, was einfach ist, darf sein.
Alles, was einfach ist, damit lässt sich – eben einfach – umgehen. In eine Richtung. Auf eine Art. Und das macht es leichter.
Nicht unbedingt leicht.
Aber leichter.
Oft steckt sogar Kraft dahinter oder darin, und kann wie ein Geschenk wirken.
Einfach gefühlt und einfach gelebt, gehen Gefühle vorbei, und anschließend ist da wieder Platz und Kraft für das, was eben anschließend da ist und/oder ansteht.

Da ich mich von meiner Oma verabschieden konnte – da ich wußte, dass sie sterben würde – und auch wußte, dass sie „die Nase voll hatte“ – war die Tatsache, dass sie bald sterben würden, als es absehbar wurde und als sie schließlich gestorben war, relativ einfach.

Vorher jedoch – war ich stinkig. Persönlich verletzt, enttäuscht – und nicht bereit, sie gehen zu lassen!

Ich hatte Glück.
Ich konnte den Knoten lösen, bevor sie starb.

Es muss etwa ein Jahr zuvor gewesen sein, als ich begann, meinen Frust und meine Enttäuschungen in Briefe zu stecken. Briefe an jene, die mich frustriert und enttäuscht hatten. Jedes Mal, wenn ein Thema mich umtrieb, begann ich, dies in einen „Brief“ an den „Auslöser“ zu fassen.

Das eindrücklichste Erlebnis* hatte ich mit dem Sterben meiner Oma.

Ich schrieb ihr, dass ich sie liebe. Wie wichtig sie mir sei. Das sie mir eine tolle Oma gewesen war!
Wenn ich als Kind bei ihr geschlafen hatte, hatte der Tag mit einer Runde kuscheln ab 9 Uhr begonnen. (Davor weigerte sie sich, wach zu werden!)
Abends vorm Fernseher hatte ich ihr die Haare gebürstet oder sie mir die Beine gekrault.
Ihre Umarmungen waren nah und kuschelig gewesen.
Sie war sehr klar und fair ihren Enkelkindern gegenüber. So bekam z.B. jede(r) bis zum 18. Geburtstag einen gewissen Geldbetrag. Danach nicht mehr. Punkt.
Man wußte, woran man bei ihr war.
Ich fand das gut.
All das schrieb ich ihr.

Und dann kam in etwa dies:
„Du warst mir eine so gute Oma, dass ich mir nichts schöneres vorstellen kann, als dass meine Kinder dich kennenlernen. Und es ist dir egal!
Das nehme ich dir übel.“

Da ich begann zu weinen.

Ich weinte,
bis ich
nicht mehr weinte.
Und es war in Ordnung.

Ich las den Text mehrmals. Und jedes Mal steigerte sich mit den Zeilen der Schmerz bis zu dieser Stelle, wo sich die gefühlte Zurückweisung in Tränen und Schluchzen Bahn brach.

Nach einer Weile jedoch hörte der größte Kummer auf.
Ich las die Zeilen wieder, und ich stimmte jeder einzelnen zu. Dies alles war meine Wahrheit. Klar und echt.
Die Aussicht, dass meine Oma gehen wollte und bald gehen würde – es war damals schon abzusehen – blieb mit Bedauern um den Abschied behaftet.
Doch in mir hatte sich etwas geändert.

Ich änderte den Satz „Und das nehme ich dir übel“ in „Das nahm ich dir bis jetzt übel. Aber wenn du gehen möchtest, dann ist es jetzt für mich ok. Dann bin ich bereit, dich gehen zu lassen!“.

Und es war wahr.

Als es schließlich soweit war, da habe ich sehr geweint. Ich hatte sie gerade noch einmal besucht. Ich sehe mich noch, wie ich gemeinsam mit meiner Mutter auf dem Parkplatz stehe. Weinend. Wissend, dass es das letzte Mal gewesen sein würde.
Aber es war einfach. Ich weinte, bis ich nicht mehr weinte. Und dann fuhr ich.

Bei der Trauerfeier – weinte ich. Und lachte ich. Und es war in Ordnung.

Als ich nach 11 Jahren (1,5 Jahre später) wieder eine eigene Wohnung bezog, dachte ich:
‚So. Jetzt noch Oma anrufen, und dann bin ich angekommen!‘.
Doch dann fiel mir ein, dass Oma nicht mehr da ist.
Mist.
Ein Gedanke.
Eine Reaktion.
Bedauern.
Aber kein Schmerz. Kein Kummer. Kein Groll. Einfach: Mist.

Heute ist mir meine Oma nicht mehr so nah. Es ist soviel Leben passiert seither, indem sie kein Teil mehr war, dass ihr Platz in den alten Erinnerungen ist. Manchmal – sehr selten mittlerweile – grüße ich sie unvermittelt, dann ist sie eben doch für einen Augenblick ganz nah. Und ich genieße es. Schön, dass sie war. Und vielleicht ist sie ja irgendwie sogar noch. So fühlt es sich zumindeste für mich an. Als hätte sie mal eben bei mir vorbeigeschaut.

Ein Hauch von Bedauern kann dann aufkommen. Einen Atemzug lang, vielleicht zwei. Ich atme es ein, und ich atme es aus. Kurz, ganz automatisch und völlig in Ordnung. Schließlich ist das Leben ohne sie. Das ist blöd.  

Aber es ist einfach. Und vergeht. Ganz einfach.

*Ich habe seither viele, viele Male und Themen auf diese oder ähnliche Art behandelt. Dabei habe ich wieder und wieder erlebt, wie befreiend es wirkt, Unausgesprochenes zu formulieren und Verworrenes zu klären. Und es waren tiefergehende Themen dabei als diese Verletzung, von der ich hier schreibe – aber dies war die erste für mich so deutlich wirksame Erfahrung damit.

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