Die verlorene Zukunft

Auf Kinder verzichten? Für ihn schon. Doch dann ist sie plötzlich schwanger.

Against all odds – allen Widrigkeiten zum Trotz

Am Telefon klingt ihre Stimme zart, fast zerbrechlich. Vor meinem inneren Auge sehe ich langes, hellblondes Haar, eine sehr zierliche Person – die Realität zeigt sich hinterher weniger ätherisch, der Beruf handfest, sowohl die soziale als auch die selbstunterstützende Kompetenz von überzeugender Klarheit.

Die Gesamtsituation beschreibt sie als komplex: schon länger liiert mit einem älteren Lebenspartner, für den weitere Kinder kein Thema mehr waren; gerade in einem neuen beruflichen Umfeld – und dann eine unerwartete, ungeplante Schwangerschaft.

„Ich dachte, ich hätte meinen Frieden damit gemacht, keine Kinder zu bekommen. Er war mir einfach wichtiger“, erzählt sie. Doch mit dem positiven Ergebnis sei ihr sofort klar gewesen, dass sie dieses hier haben wollte. Unbedingt, unumstößlich, „against all odds“, wie Phil Collins singt – allen Widrigkeiten zum Trotz!

Das Ende einer Zukunft

Der Partner hat sich noch nicht ganz zu seiner Haltung durchgerungen, die neue berufliche Situation ist noch ganz am Anfang, als sie erfährt, dass ihr Kind nicht mehr lebt. Sie muss es zur Welt bringen, ob sie will oder nicht.

Die Schwestern im Krankenhaus waren toll, sogar er war toll – „er war die ganze Zeit an meiner Seite!“ – doch nun geht das Leben weiter. Nur in ihrem Herzen trägt sie beständig den Schmerz um ihr totgeborenes Kind und um die potenzielle Zukunft. Dazu gesellt sich die Frage: Kann ich wirklich wieder zurück, kann ich wirklich auf ein eigenes Kind verzichten? Ihm zuliebe? Will ich das?

Was es zu klären gilt

Ich lasse sie erzählen. Bejahe den Konflikt, durch den sie gerade geht, als verständlich, als wichtig und herausfordernd. Hier geht es nicht nur um sie allein. Es geht um ihre Beziehung. Was diese trägt und was sie verschmerzen kann. Es geht um den Schmerz der eben erst geschenkten und so schnell wieder verlorenen Zukunft. Und es geht um die Frage, ob es jemals einen Menschen geben wird, den es nur durch sie geben kann. Es geht um die Sehnsucht nach Mutterschaft, um körperlich spürbares – wenn unerfüllt: schmerzhaftes! – Verlangen, um gänzlich andere Facetten von Leben, Fürsorge, Liebe, Entwicklung als die in einer reinen Paarbeziehung. Es kann um Neugier auf einen ganz bestimmten Menschen gehen und konkrete Vorstellungen – um ein Baby auf dem Arm, Kinderlachen und Kindertränen, die Welt aus Kinderaugen, leiten und lehren, anleiten und begleiten dürfen, und um so unendlich Vieles mehr und Unvorhersehbares.

Raum zum Heilen

Und während sie bei mir sitzt und erzählt, welchen Raum die Gedanken an ihr Kind einnehmen, obwohl sie doch gerade ein ganz neues Leben und ein ganz neues Umfeld kennenlernt, steigen die Tränen in ihr hoch. Sie erzählt von einem Teddy, den sie für ihr Baby gekauft hatte, und der nun allabendlich mit einer kurzen Geste nebenbei bedacht wird. Ich schlage ihr vor, dieser Geste ein wenig mehr bewusste Aufmerksamkeit zu schenken und lege ihr einen kleinen Platzhalter in die Hände. Sie nimmt ihn an und lässt sich auf ihre aufsteigenden Gefühle ein. Hier ist ein Platz, wo sie weinen kann.

Als sie geht, sagt sie: „Danke. Ich hatte befürchtet, meine Geschichte und meine Gefühle bekämen nicht genügend Raum. Doch ich konnte alles sagen, was mir wichtig war.“

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