Podcästchen: Gewinn durch Verlust

Irgendwo habe ich gelesen, dass es keinen Gewinn geben könne, wo kein Verlust entstehen könnte.
Und manchmal ergibt sich aus einem Verlust unerwartet ein Gewinn.
So wie in meiner kleinen Geschichte:

Und welche Erfahrung haben Sie/hast du mit einem Gewinn aus einem Verlust?
Bild von Gerd Altmann auf Pixabay

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Do more of what makes you happy!

In meinem Wohnzimmer hängt dieser Spruch – „do more of what makes you happy“ – aus Holz gefertigt. In Aufstellungen, die ich für mich mache, drehen sich immer wieder verschiedene „Personen“ und Anteile zu diesem Impulsgeber um.

Dabei stellt sich die Frage: Was macht glücklich?

Was macht Sie glücklich? Wissen Sie, was Sie glücklich macht?

Oder glauben Sie nur, es zu wissen?

Zu Beginn meines Lebens auf der Suche nach mir* versuchte ich mich an vertrauten Größen:
Energiearbeit, ein Malkursus, Verabredungen. Später kaufte ich ein Saxophon und nahm Unterricht, probierte mich an Gitarrenunterricht, belegte einen Salsakurs und anderes mehr. Nichts davon begann ich aus echter Lust auf die Aktivität. Es waren eher Versuche, etwas in Bewegung zu setzen.

Tatsächlich war ich auf der Suche nach Kontakt. Doch meistens interessierten mich die Menschen, denen ich begegnete, nur wenig. Ich fand mich kaum auf einer Wellenlänge mit ihnen. Aus dieser Zeit sind nur wenige Kontakte geblieben…

Erst als ich eine Entscheidung traf, die mir so viel Angst machte, dass ich einige Wochen lang nachts mit Panikattacken aufwachte – nach Bremen zurückzukehren – konnte ich bald nach der Umsetzung feststellen: Es war besser, hier zu sein – als nicht. Und für den Anfang reichte mir das!

In dieser Entscheidung steckten mein Herz und meine Sehnsucht. Nach Hause zurückkehren. Für meine Begriffe hatte ich viel zu verlieren, als ich sie traf – Hoffnung auf Zugehörigkeit. Denn wichtige alte Kontakte, an die ich hätte anknüpfen können, gab es nicht mehr.

Ich habe gewonnen!

Heute – nach ein paar weiteren Entscheidungen, die immer wieder einen ordentlichen Herzensanteil hatten und im Vorfeld durchaus mit Bammel einhergingen – habe ich einen größeren Freundeskreis als je zuvor! Auch beruflich bin ich auf meinem Weg, schon lange, obwohl manche ihn als unstet betrachten. Tatsächlich hat er sehr viel Konsistenz und für meine Entwicklung stimmige Schritte. Und beides hängt für mich eng zusammen – Beruf und Verbindungen. Aktuell rechne ich mit weiteren Verbesserungen.

Die Moral von der Geschicht?

  • Kopfentscheidungen machen (eher) nicht glücklich.
  • Entscheidungen, die das Potenzial haben, glücklich zu machen, können eine gehörige Portion Angst mit sich bringen. Vielleicht ist sogar gerade die Angst, trotz der man etwas wagt (!!!), ein wesentlicher Richtungsweiser – denn wo es etwas zu gewinnen gibt, gibt es vermutlich auch etwas zu verlieren.
  • Gleichzeitig ist es enorm hilfreich, sich auf den Teil zu konzentrieren, der ersehnt wird. Das mindert die Angst und motiviert zur Aktivität.

Vielleicht gibt es auch Menschen, die so klar mit ihrem Herzen verbunden sind und so sehr im Vertrauen, dass sie keine Angst, sondern nur Freude empfinden, wenn sie ihrem Herzen folgen. Aber ich stelle einmal in Frage, dass diese einen Blog wie meinen lesen 😉.

*Übrigens auch eine Form der Beziehung! Und zwar eine sehr wichtige!

Trauer einfach gemacht

Als meine Oma starb, ging einer der wertvollsten Menschen aus meinem Leben.

Natürlich (?) war ich traurig. Natürlich (?) habe ich geweint. Noch heute kommt es vor, dass ich an sie denke, eine Schnute ziehe und ein kindlicher Teil sagt: „Das ist doch blöd!“. „Das“ meint, dass sie nicht mehr da ist. Ein Anflug von Bedauern und vermissen. Zum Beispiel ihre megaweichen, dauergewellten Haare. Ihre weiche Haut. Ihre warmen Umarmungen. Ihr Haus. Ihr Dorf.
Meine Oma war eine Kuscheloma.

Ich hatte mir gewünscht, dass meine Kinder sie kennenlernen. Weil sie mir eine tolle Oma war.
Ihr Kommentar?
„Bis du Kinder bekommst, bin ich längst nicht mehr da!“
Das nahm ich ihr übel!

Ich war nicht wichtig genug, als dass sie leben würde… So sah ich es.

Mit der Trauer ist es, wie mit allen Gefühlen: Kommt sie EIN-fach, ist sie.
Genau das. Sie ist, wie sie ist. EIN-fach.
Und alles, was einfach ist, ist weniger schwer.
Weniger schwer, als wenn es verworren, verwickelt, vermischt ist.
Alles, was einfach ist, darf sein.
Alles, was einfach ist, damit lässt sich – eben einfach – umgehen. In eine Richtung. Auf eine Art. Und das macht es leichter.
Nicht unbedingt leicht.
Aber leichter.
Oft steckt sogar Kraft dahinter oder darin, und kann wie ein Geschenk wirken.
Einfach gefühlt und einfach gelebt, gehen Gefühle vorbei, und anschließend ist da wieder Platz und Kraft für das, was eben anschließend da ist und/oder ansteht.

Da ich mich von meiner Oma verabschieden konnte – da ich wußte, dass sie sterben würde – und auch wußte, dass sie „die Nase voll hatte“ – war die Tatsache, dass sie bald sterben würden, als es absehbar wurde und als sie schließlich gestorben war, relativ einfach.

Vorher jedoch – war ich stinkig. Persönlich verletzt, enttäuscht – und nicht bereit, sie gehen zu lassen!

Ich hatte Glück.
Ich konnte den Knoten lösen, bevor sie starb.

Es muss etwa ein Jahr zuvor gewesen sein, als ich begann, meinen Frust und meine Enttäuschungen in Briefe zu stecken. Briefe an jene, die mich frustriert und enttäuscht hatten. Jedes Mal, wenn ein Thema mich umtrieb, begann ich, dies in einen „Brief“ an den „Auslöser“ zu fassen.

Das eindrücklichste Erlebnis* hatte ich mit dem Sterben meiner Oma.

Ich schrieb ihr, dass ich sie liebe. Wie wichtig sie mir sei. Das sie mir eine tolle Oma gewesen war!
Wenn ich als Kind bei ihr geschlafen hatte, hatte der Tag mit einer Runde kuscheln ab 9 Uhr begonnen. (Davor weigerte sie sich, wach zu werden!)
Abends vorm Fernseher hatte ich ihr die Haare gebürstet oder sie mir die Beine gekrault.
Ihre Umarmungen waren nah und kuschelig gewesen.
Sie war sehr klar und fair ihren Enkelkindern gegenüber. So bekam z.B. jede(r) bis zum 18. Geburtstag einen gewissen Geldbetrag. Danach nicht mehr. Punkt.
Man wußte, woran man bei ihr war.
Ich fand das gut.
All das schrieb ich ihr.

Und dann kam in etwa dies:
„Du warst mir eine so gute Oma, dass ich mir nichts schöneres vorstellen kann, als dass meine Kinder dich kennenlernen. Und es ist dir egal!
Das nehme ich dir übel.“

Da ich begann zu weinen.

Ich weinte,
bis ich
nicht mehr weinte.
Und es war in Ordnung.

Ich las den Text mehrmals. Und jedes Mal steigerte sich mit den Zeilen der Schmerz bis zu dieser Stelle, wo sich die gefühlte Zurückweisung in Tränen und Schluchzen Bahn brach.

Nach einer Weile jedoch hörte der größte Kummer auf.
Ich las die Zeilen wieder, und ich stimmte jeder einzelnen zu. Dies alles war meine Wahrheit. Klar und echt.
Die Aussicht, dass meine Oma gehen wollte und bald gehen würde – es war damals schon abzusehen – blieb mit Bedauern um den Abschied behaftet.
Doch in mir hatte sich etwas geändert.

Ich änderte den Satz „Und das nehme ich dir übel“ in „Das nahm ich dir bis jetzt übel. Aber wenn du gehen möchtest, dann ist es jetzt für mich ok. Dann bin ich bereit, dich gehen zu lassen!“.

Und es war wahr.

Als es schließlich soweit war, da habe ich sehr geweint. Ich hatte sie gerade noch einmal besucht. Ich sehe mich noch, wie ich gemeinsam mit meiner Mutter auf dem Parkplatz stehe. Weinend. Wissend, dass es das letzte Mal gewesen sein würde.
Aber es war einfach. Ich weinte, bis ich nicht mehr weinte. Und dann fuhr ich.

Bei der Trauerfeier – weinte ich. Und lachte ich. Und es war in Ordnung.

Als ich nach 11 Jahren (1,5 Jahre später) wieder eine eigene Wohnung bezog, dachte ich:
‚So. Jetzt noch Oma anrufen, und dann bin ich angekommen!‘.
Doch dann fiel mir ein, dass Oma nicht mehr da ist.
Mist.
Ein Gedanke.
Eine Reaktion.
Bedauern.
Aber kein Schmerz. Kein Kummer. Kein Groll. Einfach: Mist.

Heute ist mir meine Oma nicht mehr so nah. Es ist soviel Leben passiert seither, indem sie kein Teil mehr war, dass ihr Platz in den alten Erinnerungen ist. Manchmal – sehr selten mittlerweile – grüße ich sie unvermittelt, dann ist sie eben doch für einen Augenblick ganz nah. Und ich genieße es. Schön, dass sie war. Und vielleicht ist sie ja irgendwie sogar noch. So fühlt es sich zumindeste für mich an. Als hätte sie mal eben bei mir vorbeigeschaut.

Ein Hauch von Bedauern kann dann aufkommen. Einen Atemzug lang, vielleicht zwei. Ich atme es ein, und ich atme es aus. Kurz, ganz automatisch und völlig in Ordnung. Schließlich ist das Leben ohne sie. Das ist blöd.  

Aber es ist einfach. Und vergeht. Ganz einfach.

*Ich habe seither viele, viele Male und Themen auf diese oder ähnliche Art behandelt. Dabei habe ich wieder und wieder erlebt, wie befreiend es wirkt, Unausgesprochenes zu formulieren und Verworrenes zu klären. Und es waren tiefergehende Themen dabei als diese Verletzung, von der ich hier schreibe – aber dies war die erste für mich so deutlich wirksame Erfahrung damit.

Brainspotting – Spritzenphobie adé!

Im Alter von 9 Jahren musste mir vom Kieferchirurgen ein überzähliger Zahn herausoperiert werden.
Als die zahnmedizinische Fachangestellte die aufgezogene Spritze über mich hinweg an den Arzt übergeben wollte, flog mein Arm nach oben – und die Spritze in hohem Bogen durch den Raum.
Ein purer Reflex!
Spritzen machen mir einfach großen Stress.
Der Kieferchirurg schimpfte mit mir. Mein Vater schimpfte mit dem Kieferchirurgen und dessen Mitarbeiterin. Danach ging alles seinen Gang.

Nur die Angst vor Spritzen hat sich nicht verändert.
Trotz vieler Anläufe mit versuchter Tapferkeit ist es klüger, dass ich mich hinlege, wenn mich jemand pieksen will. Sämtliche Versuche, mir bewußt zu machen, dass der Einstich in keinem Verhältnis zu meiner Angst steht, scheiterten bisher kläglich. Ich weiß, wie ich mich ablenken oder nach und nach runterregeln kann. Es geht schon. Immer mit einigem Aufstand. Nur – weg… ging die Angst bisher trotzdem nicht!

Ich weiß, dass ich damit nicht alleine bin. Etwa 3 Prozent der Menschen in Deutschland haben mit mehr oder weniger starker Angst vor Nadeln zu tun. Wie auch ich, können viele mit allerlei Tricks lernen, ihr Angst zu kontrollieren. Doch Angst-Kontrolle ist nicht das Gleiche, wie angstfrei zu sein. Kontrolle muss ich immer wieder ausüben. Angstfreiheit – ließe mich einfach entspannt bleiben. Ich will die Freiheit!

Spritzenphobie ist keine Kopfsache. Die Angst steckt in den Knochen, der Körper macht Alarm, er verkrampft, teilweise bis in die Gefäße. Die Anspannung kann Übelkeit bis hin zum Erbrechen verursachen, oder Ohnmacht. In der Regel wissen die Betroffenen, dass ihre Angst der Sache nicht angemessen ist. Helfen tut dieses Wissen nicht.

Oft war selbst die angstauslösende Situation objektiv „nur halb so schlimm“. Und auch wenn bei Einigen schlimme und wiederholte Erfahrungen mit Nadeln die Angst verursacht haben, sind es viel häufiger objektiv betrachtet harmlose Erlebnisse, die der Mensch jedoch als kleines Kind nicht einsortieren und verstehen konnte.
Manchmal entspringt die spätere Angst sogar einfach nur der Beobachtung eines spritzenphobischen Erwachsenen. In diesen Fällen ist sie am Modell gelernt. Eigentlich ist dies ein genialer Mechanismus – aber manchmal eben nicht.

Zum Glück lässt sich diese Phobie in den meisten Fällen ganz gut behandeln.
Viele schwören auf Verhaltenstherapeutische Techniken. Ich nicht. Denn dann hätte ich längst keine Angst mehr.
Andere lassen sich durch Hypnose mit Entspannung und Suggestionen helfen. Auch diese hat gute Erfolgsquoten, habe ich gehört.

Ich selbst habe auf Brainspotting gesetzt. Nachdem ich die Technik vor einiger Zeit kennengelernt habe und sie mich sofort theoretisch und praktisch überzeugt hat, ist sie mein aktuelles Lieblingswerkzeug geworden. Brainspotting kommt ohne Fremddeutung oder Input aus. Es arbeitet mit dem, was in der Person selbst ist. Und ich habe es erfolgreich bei meiner Spritzenphobie angewendet.

Brainspotting regt Verarbeitungsprozesse im Gehirn an, indem die eigenen, im Körper entstehenden Empfindungen und Reaktionen durch die Blickrichtung der Augen beeinflusst werden.
Dazu ruft man sich zuerst die zu bearbeitende Situation ins Gedächtnis. Ich stellte mir also vor, mir solle gleich eine Impfung verabreicht werden. Als Reaktion zog sich erst etwas in meinem Bauch zusammen, dann verschoben sich die Empfindungen rasch direkt hinein ins Rückenmark.

Durch die Blickrichtung werden die Empfindungen und Reaktionen verstärkt oder abgeschwächt. So können sie im sicheren Rahmen durchgearbeitet werden und sich abreagieren.

Da viele Menschen mit ihren Emotionen und dazugehörigen Körperreaktionen nicht so vertraut sind, ist es in der Regel sinnvoll, dies durch eine*n Therapeuten/Therapeutin anleiten und begleiten zu lassen. Zum Beispiel durch mich.

Erfahrungen und Erinnerungen können sich zeigen und ganz nach dem eigenen Verständnis neu miteinander in Verbindung gebracht werden. Ich selbst hatte keine inneren Bilder. Nur die Empfindungen.

Irgendwann beruhigt sich der Ablauf.

Und genau so war es – erst dachte ich noch „Holla, wann hört das denn auf?“, im nächsten Moment ließen die Körperreaktionen deutlich nach. Immer wieder rief ich mir die Einstiegsvorstellung ins Gedächtnis – aber die Reaktion wurde nicht mehr so stark und ließ weiter nach. Anfangs wurde es immer leichter bei der Vorstellung des Desinfektionstupfers, der mir näher kam. Dann auch bei dem Bild der Nadel.

Irgendwann atmete ich einmal tief durch und war mir sicher: Wegzuschauen würde ausreichen, um gut durch die Impfung zu kommen. Für totale Freiheit von jeglicher Anspannung würde ich mir später noch einmal Zeit nehmen. Das war mir gerade nicht so wichtig.

Die Theorie konnte ich wenig später und sehr unerwartet in der Praxis meines Hausarztes überprüfen.

Der Tupfer? Null problemo!
Die Nadel? Ich überlegte noch, ob das da gerade ein Pieks gewesen war, oder ob er noch käme – da war es schon vorbei.
Und ja, ich hatte weggesehen.
Aber: Keine Anspannung. Keine Kreislaufprobleme. Und schon gar kein Umkippen.

Mein Fazit: Ich liebe Brainspotting. Es ist einfach genial. Und wirkt nicht nur bei Spritzenphobie. Wenn Sie es auch ausprobieren oder als therapeutische Intervention nutzen wollen, rufen Sie mich gern an!

Ein Lob auf den Trotz

Trotz ist gut!
Er kann eine wichtige und gesunde Form der Selbstbehauptung darstellen.
Ich schätze ihn, wenn ich diese Funktion bei ihm erkenne.

Bei mir zeigt er sich, wenn mir jemand auf die Füße getreten ist, oder ich mich überrumpelt und nicht ernst genommen fühle.

Er verhilft zum Widerstand. Zum Einfordern von mehr Information, Anerkennung, gesehen und gehört werden, oder eben – sich nicht überrumpeln zu lassen.
Das halte ich für sinnvoll. Auch bei anderen!

Meine Neigung, mich trotzig zu geben, liegt nicht nur in meinem Charakter.
Er hatte auch ein starkes Vorbild, das manchmal von anderen wiedererkannt wird.
Und Trotz kann Spaß machen! Es lässt sich herrlich damit kokettieren.

Ich schob
den Trotz
zur Seite

Und doch gab es eine Zeit in meinem Leben, in der ich ihm nicht über den Weg traute. Ich befürchtete, mit meinen trotzigen Reaktionen zu übertreiben* – und dass ich keine Berechtigung dazu hätte. Außerdem hatte ich Angst, mir wichtige Menschen zu verprellen.
Also schob ich ihn zur Seite.

Das zeigte zweifelhafte Wirkung: Ich verblasste. Meine Lebendigkeit – und meine Lebensfreude. Auf der anderen Seite verlor sich die Beachtung meiner Interessen. Trotz ist eine kraftvolle Antwort auf das Leben – indem ich sie kleinzwang, gewannen Schwere und Schwermut an Gewicht.

Beides sind keine guten Begleiter. Sie führen in Hilflosigkeit und Depression.

Der Weg zurück fiel mir nicht leicht. Doch dabei begegnete mir unvermeidlich auch mein Trotz wieder. Ich begegnete ihm in der Vision meines ca. vierjährigen Selbst (auch gern als „Inneres Kind“ bezeichnet – aber ich hatte nicht nach ihm gesucht). Ich erkannte den Trotz in meinem rebellisch herausgestreckten Bauch (der mich gleichzeitig an den Bauch eines Buddha erinnerte).
An dieser Stelle kann ich herzlich über dieses Bild von mir selbst lachen – und gleichzeitig die Lebenskraft und den Durchsetzungswillen dieses jungen Menschleins bewundern, anerkennen und wertschätzen!
Ich habe keine bewusste Erinnerung daran, ob ich mich jemals wirklich bauchherausstreckend meiner Umwelt präsentiert habe. Doch die Vorstellung begeistert mich.

Mit der Zeit lernte ich meinen Trotz genauer kennen. Über die Wahrnehmung widerständischen Verhaltens hinaus lernte ich, meinen Gedanken mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Dabei kam ich zu der Überzeugung, dass jeder davon seine Berechtigung hat! Er hat einen verstehbaren Hintergrund. Hier ist es ein wesentlicher Trick, Gedanken ernst zu nehmen als Ausdruck von Bedürfnissen, Sorgen und Ängsten – aber nicht immer als aktuelle bzw. konkrete Wahrheit**.

Noch einmal auf den körperlichen Ausdruck geschaut, können sich Trotz und Widerstand auch in einem aufgeblähten Brustkorb zeigen. Allerdings ist das sehr anstrengend, denn um die Form zu halten, blockiere ich den Strom der Lebensenergie – die Atmung.
 So schadet dann das Festhalten am eigenen Trotz dem oder der Trotzenden mehr als dem Anderen, der das Anliegen selbst nicht einmal wahrnimmt, wenn es nicht deutlich ausgesprochen wird.
Ganz besonders schädigend ist dies alles, wenn es unterschwellig bleibt – nach außen nicht sichtbar und vielleicht nicht einmal stark genug, sich selbst als blockiert wahrzunehmen. Doch auch dann wird die Atemtiefe reduziert, und die Lebensenergie kann sich nicht richtig erneuern.

Irgendwann
hatte ich
die Wahl…

Für die Zukunft hatte ich irgendwann die Wahl: mich weiterhin zu verraten oder potenziell allein da zu stehen – aber zumindest im Fluß der Lebensenergie und im Einklang mit mir selbst. Da ich zu jener Zeit sowieso überwiegend alleine da stand, riskierte ich mehr Authentizität, als neue Menschen in mein Leben traten.
Heute habe ich einen größeren Freundeskreis als jemals zuvor. Es ist mehr als eine handvoll Leute, bei denen ich darauf vertraue, dass sie bei Bedarf für mich da sind. Erprobt, getestet und bewiesen.

Heute brauche ich meinen Trotz weit weniger als noch vor einigen Jahren. Indem ich ihm Raum gab, konnte ich durch die Reaktionen der Anderen auch erkennen, wann er in seiner Intensität vielleicht nicht nötig gewesen wäre. Ich konnte lernen, dass es reichen könnte, meine Forderungen ruhiger und mit mehr Selbstbewusstsein anzubringen. Und natürlich geht es beim gelingenden Menschsein darum, eine gesunde Balance zu finden aus der Beachtung und Befriedigung meiner eigenen Bedürfnisse und der Anforderungen und Wünsche von Außen.

Bleibt ein weiterer Punkt, der dazugehört: Auch wenn im Kopf alles klar ist, können letztlich emotionale Blockaden verhindern, einfach und natürlich nach außen zu bringen, was in einem steckt. Stoße ich auf solche letzten, emotionalen Hindernissen auf dem Weg zur gelassenen Selbstbehauptung, helfen mir Aufstellungsarbeit oder neuerdings die Technik des Brainspotting***.
Beides sind Wege, (unter anderem) Emotionen in einem sicheren Rahmen fließen zu lassen.
Und es ist immer das Fließenlassen von Emotionen, das wirkliche Veränderung bringt!

*Das ist durchaus auch möglich!

**Gelernt und abgewandelt durch die Lektüre von Safi Nidiayes Büchern und Anwendung der Technik der Körperzentrierten Herzensarbeit

***Brainspotting ist eine sehr gut funktionierende Methode, um Stress zu verarbeiten und Blockaden abzubauen. Dabei zeigen sich teilweise auch neue Perspektiven auf das eigene Leben. Dazu nächste Woche mehr.

Eigenverantwortung? Was soll der Sch…?

Heute geht es um Verantwortung.
Verantwortung für das eigene Leben.
Das ist eine ziemlich wichtige Sache, und auch in Beziehungen von Bedeutung – denn wer nicht bereit ist, sich seiner möglichen eigenen Verantwortung zu stellen, wird sich oft (und selbstverschuldet) in der Rolle des Opfers wiederfinden: „XY ist schuld“, „Wenn xy nicht passiert wäre, dann…“, „Was kann ich dafür, dass…“, „Es ist einfach unverschämt, zu erwarten, dass…“.

So erlebt es auch Alina*, eine meiner Teilnehmerinnen.
Immer wieder beschwert sie sich, wieviel Druck ihr gemacht werde. Jeder erwarte etwas von ihr. Ständig solle sie funktionieren!
„Das nervt“, sagt Alina. Dieser Druck!
Und erst recht die zuständige Sozialpädagogin, die in der Maßnahme tätig ist, und Alina schon so manchen Fehltag als entschuldigt eingetragen hat.
Dabei tut Alina ihr Möglichstes – doch sie wird einfach nicht rausgeschmissen!

Eigenverantwortung
kann wirklich
unbequem
sein!

Tatsächlich bestärke ich meine Kollegin in ihrer Taktik, Alinas bisherige Unfähigkeit, konsequent „nein“ zu sagen, für den in Aussicht stehenden Abschluss auszunutzen.
Gemein!**
Oder?

Zugegeben: die Sache mit der Eigenverantwortung kann wirklich unbequem sein!

Ich habe selbst oft genug mit dem Leben und diesen lästigen Anforderungen von Außen gekämpft. Auch ich fand mich schon wütend und hadernd in meiner Küche wieder, relativ frisch verliebt – doch zu meinem Missfallen gefordert, den (Arbeits-)Alltag allein zu bewältigen. In meinem Partner hatte ich eine bis dahin unbekannt starke Unterstützung für allerlei Situationen gefunden – und doch musste ich immer wieder darauf verzichten! Da gab es diese dämlichen Verpflichtungen, die ihn oder mich daran hinderten, zusammen zu sein.
So Sachen wie: Die Arbeit. Verabredungen. Unterschiedliche Sportinteressen. Ich hasste es!

Unsere Alternative hätte gehießen: Einfach alles sausen lassen und ab sofort nur noch glücklich beisammensein 😉Natürlich totaler Quatsch. Aus verschiedensten Gründen.
Aber…

Die Lösung? Ich erlaubte mir diesen „Quatsch“** in meinem Kopf und das Hadern und Zetern, bis ich damit durch war – ohne meine Verpflichtungen zu vernachlässigen. Mit im Spiel war ein Sack voller praktischer und sonstiger Argumente, die mir bekannt, aber nicht beliebt waren. ÜBERHAUPT NICHT beliebt!
Das eine oder andere hatte trotzdem Kraft…
Heute kann ich mich ein gutes Stück gelassener auf praktische Notwendigkeiten einlassen 😉

Niemand traf
die Entscheidungen,
die sie
getroffen sehen
wollte!

Mit dieser Grundhaltung des „so weit wie nötig gewähren lassen, weil es hilft“ muss ich lachen, als ich Greta Silver in dem Podcast „glücklich verkopft“ zum Thema „Glück, Krisen, Verletzlichkeit“ zuhöre. Sie berichtet davon, wie sie im Alter von 30 Jahren kapiert habe, dass sie selbst verantwortlich sei für ihr Leben. Urx.
Aus ihrer heutigen, gereiften Perspektive lacht auch sie, als sie berichtet: „Ich hatte heimliche Verträge laufen. Wenn der [Partner/Chef/…] mich richtig behandeln würde, dann wäre ich glücklich!“
Nur – es passierte nicht! Niemand rettete sie. Niemand traf die Entscheidungen, die sie getroffen sehen wollte. Das musste auch Greta Silver selber tun.
Wie auch ich stand sie vor einer Hürde, als sie begann, Selbstverantwortung zu übernehmen: „Ich habe richtig daran geknackt, dass ich keinem mehr die Schuld [für mein Unglücklichsein] geben konnte.“

Zugegeben: Manchmal tut es wirklich gut, jemand anderem die Schuld geben zu können!
(Danke Mama! – Ein glimpflich verlaufener Unfall, den ich verursachte, nachdem ich sie zuhause nicht angetroffen hatte. Wäre sie da gewesen… – Sie „nahm“ die „Schuld“ auf sich. Blödsinn – aber in dem Moment fühlte ich mich geborgen).
Doch letztlich kommt es darauf an zu wissen, wenn es nicht wahr ist!

Und natürlich gibt es Menschen und Situationen, die Unglück für andere verschulden – mit oder ohne Absicht. Aber das sind andere Themen, die zu anderer Zeit behandelt werden sollen…

Noch eine Anmerkung zu Alina:
Die Sozialpädagogin, die so viel Druck macht, tut ihr Möglichstes, Alinas ängstliche, trotzig vorgetragenen Anwandlungen von „Ich schaff das nicht, ich höre auf“ nicht anzunehmen. Denn Alina ist eine gute Schülerin und die Prüfungen stehen kurz bevor.

*Name geändert
**Ansonsten bestärke ich Alina darin, sich gegen unangemessene (!) Forderungen und Übergriffe zu wehren und biete ihr in unserem Kontakt – wann immer möglich – Entscheidungsalternativen.
***Ich weiß, dass Viele nicht unbedingt jedem, wenn überhaupt irgendwem, von solchen inneren Vorgängen erzählen. Genau aus diesem Grund erzähle ich davon. So können Sie sich vielleicht auch trauen, ehrlicher und freundlicher mit sich selbst zu sein. Und gerade Akzeptanz, So-Sein-Dürfen, kann ein machtvoller „Türöffner“ für Veränderung sein!

Späte Pubertät

Mit etwa 35 Jahren kam ich in die Pubertät.

Oder wieder. Oder so ähnlich.

Zum Zeitpunkt meiner „großen Trennung“ war ich 32 Jahre alt gewesen – gefühlt hatte ich mich seinerzeit noch immer wie etwa 20. Leider war es nicht jenes 20er-Lebensgefühl, das im Original mit der Überzeugung einherging, die Welt stünde mir offen und nichts könnte schief gehen. Nein – nachdem ich in die Partnerschaft eingetreten war, war ich kaum „älter“ geworden. Statt dessen hatte ich einen großen Teil meines Selbstwertgefühls und meiner Lebensfreude draufgegeben. Ich war geschrumpft, fühlte mich vielfach hilflos und vollkommen unwichtig.

Doch nun – mit 35 Jahren, Single, in stetiger Übung meiner Selbstannahme – hatte ich Land gewonnen. Durch meine emotionale Arbeit mit mir selbst** war ich erwachsener geworden und hatte eine gewisse Standfestigkeit erreicht. Indem ich mir meine Gedanken, Gefühle und Emotionen angesehen und erlaubt hatte – immer mit einigem Zeitaufwand, da dieser Akt in Eigenregie meistens eine gespaltene Angelegenheit ist –, war ich erwachsener geworden: Immerhin gefühlte 28 Jahre alt, und somit schon eher ernst zu nehmen! Zumindest nahm ich selbst mich so ernst, dass ich anfing, meine Mutter herauszufordern.

Ich widersprach – auf die aggressive Art. Ich fing an, mit ihr zu streiten. Ein „no go“ meiner Kindheit und Jugend (und ebenfalls in meiner Partnerschaft). Ich riskierte Knatsch. Ich riskierte erstmals, „sie zu verlieren“ (faktisch gesehen totaler Blödsinn, aber die Angst steckte mir in den Knochen).

Die natürliche Entwicklungs- und Ablösungs-Phase der Pubertät, die viele Familien vor deutliche Herausforderungen stellt, weil Jugendliche ihre Eltern und die bisherige Familien-Weltsicht in Frage stellen, war bei uns zu Hause harmlos ausgefallen: Hier und da hatte ich meinen Eltern ein paar Ansagen gemacht und mit vereinzelten Entscheidungen meine Mutter und vielleicht auch meinen Vater absichtlich vor den Kopf gestoßen – große Konflikte hatte es jedoch nicht gegeben.

Vor Schmerz und
Kummer
wurden mir die
Knie weich
und
die Beine schwach!

Nun aber erinnere mich an einen bestimmten Moment in meinem 35. Lebensjahr: Ich sehe mich an der Terassentür meiner kleinen Wohnung stehen, der Blick aus dem Fenster gerichtet – gerade hatte ich „Erfolg“ gehabt. Nach einem Streit mit meiner Mutter hatte sie sich verletzt aus unserem Telefonat zurückgezogen.

Während ein Teil von mir sich im Recht fühlte und sogar ein wenig stolz war, wurden mir vor Schmerz und Kummer die Knie weich und die Beine schwach.
Ich wußte in diesem Moment nicht, ob ich mich weiter auf den Beinen halten könnte.
Ich wußte nicht, ob ich meine Mutter nun verloren hätte.

Was ich wußte, war, dass sich etwas verändert hatte.

Etwas in mir hatte sich verändert – und für viele Jahre danach vermisste ich oft unsere frühere Verbundenheit. Trotzdem: Ich hatte es gewagt. Und ich wußte: Ich würde es überleben! Diese aktuellen Empfindungen, und im Zweifelsfall – ohne meine Mutter.

Wie gut, dass ich letzteres bisher nicht muss.

**Mehr über meine Arbeit mit mir und der Körperzentrierten Herzensarbeit folgt demnächst.

Aus purer Überzeugung: Walk & Talk

Natur ist gesund. Spätestens jetzt zu Corona-Zeiten spüren wir, wie gut die Natur uns tut! Endlich raus aus der Enge der eigenen vier Wände – selbst ein großes Haus fühlt sich irgendwann zu klein an, wenn sich das Leben nur noch dort abspielt! Ganz zu schweigen von einer Wohnung in der Stadt…

Dabei ist es längst wissenschaftlich nachgewiesen, das der Aufenthalt im Grünen uns nicht nur durch die Bewegung körperlich gut tut, sondern uns auch psychisch beruhigt. Aggressionen und Ärger werden besänftigt, Stress abgebaut, Ängste und Schmerzen können weniger werden, sogar die Konzentration steigt*. Und: „Je mehr Grün – also pflanzliches Grün – wir betrachten, umso weniger Stresshormone sind im Blut messbar“**.

Mir selbst war das (mehr oder weniger) schon als Jugendlicher klar – damals noch ganz ohne Studium oder Kenntnis irgendwelcher wissenschaftlichen Forschung.

Als Kind war ich häufig zu Fuß unterwegs. Wohin ich auch wollte, immer ging es am Waldrand entlang, teilweise auch am See, denn mit meiner Familie lebte ich in einem Feriendorf – abseits von den eigentlichen Dörfern der Gemeinde. Abgesehen von der Entfernung zur Schule oder meinen Freunden fand ich das auch gut so. Ich liebte den weiten Blick über die Täler und Hügel***, das zarte Grün und den Duft von Frühling, wenn die ersten Sträucher erblühten oder von Sommerregen. Im Herbst waren es die herrlich bunten Farben der Buchen-Misch-Wälder, die noch heute ein Gefühl von Weite und Freude in mir wecken können, und der modrige Geruch aus den Nadelwald-Bereichen, gemischt mit jenem von Pilzen…

(Den Winter mit seinen glatten Straßen mochte ich nicht so gerne).

Die Sache mit Walk & Talk entdeckte ich später, als ich mit einem Jungen zusammen war, dessen Zimmer lediglich zum Schlafen gedacht war. Sein Leben – und somit ein beachtlicher Teil unsere Verabredungen – spielten sich im Wohnzimmer und der Küche seiner Familie ab. Also gingen wir spazieren. – Wir gingen wirklich viel spazieren!

Dabei lernte ich, dass meine Gedanken – mehr als im Sitzen – „gerade aus“ liefen; ich sprang weniger in dem, was ich erzählte und unsere Gespräche waren „im Fluß“.

Natürlich hat mich das geprägt. Noch heute gehe ich gern (mit anderen) spazieren.

Stellt sich da noch die Frage, wieso ich eine Beratung im Gehen anbiete? Was auch immer passiert – es tut auf jeden Fall gut!

*https://www.die-gruene-stadt.de/gesundes-gruen.pdfx, am 11.04.21

**Prof. Harald Braem in Terra X – Die Magie der Farben, Teil 1

***Die Erinnerung nutze ich gern als „Augenentspannungsübung“ – mit geschlossenen Augen stelle ich mir vor, in die Ferne zu blicken, erinnere mich an die vertrauten Formen und Farben… Oft spüre ich die Entspannung bis in den Nacken, die Schultern und den Rücken hinein, bis in den ganzen Körper.

Grüße von Frank

Es wäre so etwas wie ein perfekter Osterpost gewesen – doch seit jeher hinke ich der Zeit ein wenig hinterher…

Frank war mein erster Freund. Damals war ich 13 Jahre alt, er 14. Für unser Alter blieben wir recht lange zusammen – fast ein Jahr. Anschließend gab es ein paar Kapriolen, die damit endeten, dass er mich zum Ende eines 2. Versuchs gegen eine meiner besten Freundinnen austauschte. Wenige Jahre später verließ ich meine alte Heimat – doch längst hatten sich die Wogen geglättet, und Frank blieb über die Jahre in meinem Herzen. „Frankie“, so nenne ich ihn längst in Gedanken, zauberte mir beständig ein Lächeln ins Gesicht. Seit meiner Jugend denke ich an jedem 27. Dezember an seinen Geburtstag und gratuliere ihm im Geiste.

Vor etwas über einem Jahr starb er ganz unerwartet. Ich erfuhr an meinem Geburtstag, wenige Tage später, davon. Soweit ich weiß, war sein plötzlicher Tod ein Schock für viele in der Gemeinde, in der er aktiv und integriert gelebt hatte. Beerdigt wurde er – wohl aufgrund seiner Wahlreligion – weit entfernt und ohne Beteiligungsmöglichkeit für jene, die mit ihm aufgewachsen waren.

Nun hatte ich ein beeindruckendes Erlebnis, und ich möchte es teilen – vielleicht kann dieser „Gruß von Frank“ auch andere Herzen berühren.

Seit fast einem Jahr lasse ich mich durch eine Supervisorin/Therapeutin unterstützen. Sie arbeitet mit Aufstellungen auf der individuellen Ebene, und diese lassen eine tiefe Emotionsarbeit und Einsichten zu, die über andere Wege sehr viel schwieriger zu erreichen sind.

Anfang März ging es in meiner Aufstellungsarbeit letztlich um Freiheit im Tun. Die ganze Zeit über geht es schon darum – fließen zu lassen, was in mir steckt, ohne mir selbst im Weg zu stehen. Fließen zu lassen, was mein Gegenüber braucht, ohne einer bestimmten Schule zu folgen. Frei zu sein von Zwängen, und doch produktiv, kreativ, Eingebungen folgend. Ehrlich zu sein und authenthisch, integer und konsequent, basierend auf Klarheit, Ausgerichtetsein und mit Freude. Meine Sorge, die mich zu diesem Termin getrieben hatte: Nicht genug in mir zu finden, um eine Kontinuität an den Tag zu legen, die nichts mit eiserner Disziplin oder leeren Routinen zu tun hat.

Nicht zum ersten Mal in einer Aufstellung fand ich mich im Angesicht des Totenreichs wieder – es ist mir nicht unheimlich. Ganz im Gegenteil: In einer mir vertrauten, undurchdringlichen Schwärze fand ich lange Zeit Ruhe, Erholung und Kraft! Meine Prozess-Begleiterin fragte mich, ob ich mir die ursprüngliche Erfahrung ansehen wolle, die mich dem Tod so nahe gebracht hatte. Ich wollte.*
Wenig später fand ich mich wieder bei der Aussage: „Ich könnte sterben, so scheiße ist das!“ Dann fühlte sich mein Körper an, als wolle er sich übergeben.

Plötzlich stieg mir ein Geruch in die Nase. Ich griff nach meinem üppigen Halstuch, und steckte meine Nase hinein. Es roch – nach Frank!

Ich schaute verblüfft und freudig überrascht auf! Dann steckte ich meine Nase wieder in das Tuch: Immer noch! Es roch nach Frank! Ich schnupperte in die eine Richtung und in die andere – es roch alles nach Frank! Ein sommerlich-süßer, schwerer Duft – ein Geruch, den ich seit meiner Jugend niemals vergessen habe. Er war sehr speziell. Ich habe ihn geliebt!

Katja Dikushina bot an, Frank in die Aufstellung** aufzunehmen, um zu erspüren, welche Energie hier zu Wort kommen wolle. Und so teilte sie/Frank mir mit, er habe gehen müssen, um frei zu sein. Es wäre ihm nicht möglich gewesen, sich so mitzuteilen, wie er gewollt hätte, und zu leben, wonach er sich gesehnt hätte. Doch nun sei er frei und es ginge ihm gut. (Ich hingegen könnte im Leben die ersehnte Freiheit finden und leben.)
Ich habe noch gefragt, was es mit seiner Beisetzung auf sich gehabt hätte, und die Antwort war, dass diese angemessen gewesen sei.

Es mag dahin gestellt sein, ob die Nachricht von Frank eine realitätsnahe Wahrheit enthält, die Franks Empfinden zu Lebzeiten entspricht. Ich weiß es nicht. Das müssen Menschen beurteilen, die ihn wirklich gut kannten und vielleicht etwas über seine Sehnsüchte wissen. Doch vielleicht ist ja etwas dran – und deswegen wollte ich es teilen. Möge es jene erreichen, denen es vielleicht ein Trost ist.

P.S. Am Ende unseres „Gespräches“ steckte ich meine Nase wieder in den Schal. Er roch einfach nur noch nach mir.
P.P.S. Seit der Aufstellung bin ich meinem Ziel auch wieder einen immensen Schritt näher gekommen!

*Dies ist eine andere Geschichte – die ausnahmsweise nicht weiter erzählt werden wird.

**In die Aufstellungsarbeit werden häufig Verstorbene oder auch abstrakte Energien aufgenommen – die Informationen, die sich so gewinnen lassen, haben oft sehr hohe Wahrheitsgehalte und verblüffende Effekte auf bestehende Systeme und lebende Menschen. Dies genauer zu beleuchten, würde hier jedoch viel zu weit führen und wird an vielen anderen Stellen erläutert.
Wobei: Wirklich verständlich wird dies nur in der konkreten Erfahrung.