Was der Körper mit dem Denken zu tun hat

Auf der Suche nach einem Anfang für meinen Text – oder überhaupt einem Thema – lasse ich den Blick durch den Raum gleiten. Gerade eben war mir aufgefallen, dass ich unbewegt aus dem Fenster sah – aber bisher war mir von dort noch keine Idee über den Weg gelaufen, keine Eingebung ins Gehirn getropft.

Bewusst – und zu meiner Überraschung sogar gegen einen Widerstand! – bewegte ich den Kopf zur anderen Seite. Plötzlich schossen mir Erinnerungen an meine Schulzeit durch die Gehirnwindungen: Obwohl meine Klasse mehrere Jahre lang den gleichen Klassenraum belegte, saßen wir – also: zumindest ich – immer mal woanders.

Somit hatte ich auch immer mal wieder einen anderen Blick: auf den Raum, in die Gegend, auf meine Klassenkameraden und so weiter.

Lustig, was einem so alles durch den Kopf gehen kann…

Als Schülerin hatte ich kein Problem damit, bei einer Klassenarbeit erst einmal mehrere Minuten lang in die Gegend zu starren, während sich das Material in meinem Kopf zusammensortierte. Heute fühle ich mich faul, wenn ich mir diese Zeit nehmen will… tz.

Aber ich bin abgeschweift. Wo war ich noch?

Ach ja – auf der Suche nach einem Thema oder gar Textanfang. Und die Kopfbewegung hatte ich willentlich eingeleitet, weil die Änderung der Blickrichtung verändern kann, was mir in den Sinn kommt.

Fachlich weiß ich das, seit ich der Methode des Brainspotting begegnet bin. Schließlich eignet sich Brainspotting nicht nur, um psychisch belastendes Material (mehr oder weniger bewusst) abzuarbeiten und zu sortieren, sondern auch, um kreative Verbindungen hervor zu rufen.

Rein sachlich – kann das vermutlich jede(r) an sich selbst beobachten, wenn sie/er bei inneren Suchprozessen nach Gedanken und Erinnerungen genug Aufmerksamkeit für die Beobachtung ihres/seines Tuns aufbringen kann.

Was ist dann zu beobachten?

Da sind Augenbewegungen nach rechts und links, oben und unten – als suchten wir ganz konkret nach etwas. Tun wir ja auch. Nur statt des Autoschlüssels nach etwas in unseren Gehirnwindungen.

Manchmal fangen wir an zu zwinkern, fast, als würden wir eine Strichliste abchecken oder vielleicht Haken an „gefundenes“ oder neu zu integrierendes Material setzen. Das passiert auch, wenn wir vielleicht nicht einmal einen konkreten Gedanken ausmachen können.

Gelegentlich macht auch der Kopf dabei mit.

Ich selbst beobachte, dass sogar mein Körper sich einklinkt und in Bewegung kommt. Dabei tue ich mir manchmal den größten Gefallen, wenn ich dies zulasse. Das wirkt dann wie ein tatsächlicher – äußerer – Stellungswechsel zu der zu betrachtenden Sache oder einem Argument, einer Perspektive…

Erlaube ich meinem Körper, sich zu beteiligen, können meine Gedanken besser fließen. (Es darf allerdings auch nicht zu viel werden – sonst wirkt es ablenkend vom Denkprozess). Hemme ich hingegen meinen Körper komplett – so kommt auch mein Denken ins Stocken. Oder die fehlende Körperbewegung wird durch gesteigerte Augenbewegung kompensiert. Beides fühlt sich dann wiederum anstrengend und unangenehm an.

Dazu fällt mir dann wiederum mein Lieblingsangebot des „Walk & Talk“ ein, und dass es wissenschaftlich als hilfreich erwiesen ist, Themen beim ziellosen Schlendern (im Grünen) zu durchdenken.

Sag ich doch – dann kommt alles viel besser in den Fluß…

Wobei im Gegensatz dazu beim Brainspotting der Fokus auf einen konkreten Punkt gehalten wird… Hm, nein, diesen Ansatz verfolge ich jetzt nicht weiter. Da bekomme ich ja gleich einen Knoten in den Kopf…

Aber vielleicht hast du/haben Sie ja eine andere Meinung dazu!?

Herzliche Grüße,
Katharina Hirsch

Podcästchen: Wie aus Fehlern Helfer werden

Es ist ziemlich unbeliebt, Fehler zu machen. Verständlich. Dabei lernen wir gerade aus ihnen!

Foto: Arek Socha auf Pixabay

Podcästchen: Mit Pu im Nebel

Eine kleine Geschichte aus dem „Tao Te Pu“ von Benjamin Hoff – er erklärt den Taoismus mit Hilfe von der Figur „Pu, der Bär“ und dessen Freunden. Hier lese ich eine kleine Geschichte, die mir besonders gut gefiel. Ich mag Pu’s Logik und seine einfache Verbindung zur Welt.
Welche Stelle spricht dich besonders an?

Bild von Enrique Meseguer auf Pixabay

Ein wertvoller Impuls von Mr. Rogers

„Würden Sie etwas mit mir machen?“, fragt Tom Hanks in seiner Rolle als „Der wunderbare Mr. Rogers“ sein Gegenüber, den Journalisten Lloyd Vogel. „Eine kleine Übung, die ich hin und wieder mache: Wir denken eine Minute an Leute, die uns mit ihrer Liebe zu dem gemacht haben, was wir sind.“

Wann haben Sie zuletzt daran gedacht, wie die Begegnung mit einem bestimmten Menschen Sie beeinflusst, geprägt, vielleicht verändert hat?

Mir fallen dazu Musikstücke ein, die ich durch andere kennengelernt habe – und die dazugehörigen Interpreten, die mich danach eine Weile begleitet haben oder noch immer bereichernd auf mein Leben einwirken.

Ich denke an das „ist OK, Schatz“ einer früheren Freundin und Kommilitonin, deren akzeptierende Haltung mir heute ein aktiver Anker und eine Bestärkung für die Erfahrung ist, was Akzeptanz eben bewirkt – Entspannung und Öffnung für Richtungswechsel. Im Denken, Fühlen, Handeln können.

Die Neigung eines Ex, das Zeit-Magazin-Rätsel „Um die Ecke gedacht“ zu lösen und das Lexikon zu Rate zu ziehen hat mich gelehrt, nachzusehen. Zu überlegen: Wer oder was kann mir jetzt bei meiner Suche nach einer Antwort weiterhelfen? In der Schule habe ich das interessanter Weise nicht gelernt – obwohl ich gern zur Schule gegangen bin.

Ich mag also diesen Impuls, den Mr. Rogers da gibt. Die Übung bietet enorm viel an:

  • Sich einfach zu erinnern;
  • Sich an wertvolle Momente zu erinnern;
  • Sich zu erinnern und die Erinnerung zu genießen, zu schätzen, darin einzutauchen und damit aufzuladen;
  • In der Erinnerung Geschichte, eine Basis, innere Schätze zu finden;
  • Sie kann Halt geben, weil wir uns an Verbindungen und förderliche Beziehungen erinnern können, die uns fühlen lassen, nicht allein zu sein – nicht allein gewesen zu sein.
  • Sie kann Trost bringen, wenn wir erkennen: In der Erinnerung an Begegnungen in der Vergangenheit ist das damalige Gegenüber zu einem Teil in uns selbst geworden. Eine positive Erinnerung, die in uns lebt – auf immer – und weiterwachsen kann.

Lassen Sie uns eine Minute lang an Menschen denken, die uns mit ihrer Liebe zu dem gemacht haben, wie wir heute sind.

*Foto: Michal Jarmoluk auf Pixabay

Podcästchen: Dein Licht in der Dunkelheit

Egal, wie tief die Dunkelheit ist – sie hat keine Chance gegen (dein) Licht Bild: sasint auf Pixabay

Do more of what makes you happy!

In meinem Wohnzimmer hängt dieser Spruch – „do more of what makes you happy“ – aus Holz gefertigt. In Aufstellungen, die ich für mich mache, drehen sich immer wieder verschiedene „Personen“ und Anteile zu diesem Impulsgeber um.

Dabei stellt sich die Frage: Was macht glücklich?

Was macht Sie glücklich? Wissen Sie, was Sie glücklich macht?

Oder glauben Sie nur, es zu wissen?

Zu Beginn meines Lebens auf der Suche nach mir* versuchte ich mich an vertrauten Größen:
Energiearbeit, ein Malkursus, Verabredungen. Später kaufte ich ein Saxophon und nahm Unterricht, probierte mich an Gitarrenunterricht, belegte einen Salsakurs und anderes mehr. Nichts davon begann ich aus echter Lust auf die Aktivität. Es waren eher Versuche, etwas in Bewegung zu setzen.

Tatsächlich war ich auf der Suche nach Kontakt. Doch meistens interessierten mich die Menschen, denen ich begegnete, nur wenig. Ich fand mich kaum auf einer Wellenlänge mit ihnen. Aus dieser Zeit sind nur wenige Kontakte geblieben…

Erst als ich eine Entscheidung traf, die mir so viel Angst machte, dass ich einige Wochen lang nachts mit Panikattacken aufwachte – nach Bremen zurückzukehren – konnte ich bald nach der Umsetzung feststellen: Es war besser, hier zu sein – als nicht. Und für den Anfang reichte mir das!

In dieser Entscheidung steckten mein Herz und meine Sehnsucht. Nach Hause zurückkehren. Für meine Begriffe hatte ich viel zu verlieren, als ich sie traf – Hoffnung auf Zugehörigkeit. Denn wichtige alte Kontakte, an die ich hätte anknüpfen können, gab es nicht mehr.

Ich habe gewonnen!

Heute – nach ein paar weiteren Entscheidungen, die immer wieder einen ordentlichen Herzensanteil hatten und im Vorfeld durchaus mit Bammel einhergingen – habe ich einen größeren Freundeskreis als je zuvor! Auch beruflich bin ich auf meinem Weg, schon lange, obwohl manche ihn als unstet betrachten. Tatsächlich hat er sehr viel Konsistenz und für meine Entwicklung stimmige Schritte. Und beides hängt für mich eng zusammen – Beruf und Verbindungen. Aktuell rechne ich mit weiteren Verbesserungen.

Die Moral von der Geschicht?

  • Kopfentscheidungen machen (eher) nicht glücklich.
  • Entscheidungen, die das Potenzial haben, glücklich zu machen, können eine gehörige Portion Angst mit sich bringen. Vielleicht ist sogar gerade die Angst, trotz der man etwas wagt (!!!), ein wesentlicher Richtungsweiser – denn wo es etwas zu gewinnen gibt, gibt es vermutlich auch etwas zu verlieren.
  • Gleichzeitig ist es enorm hilfreich, sich auf den Teil zu konzentrieren, der ersehnt wird. Das mindert die Angst und motiviert zur Aktivität.

Vielleicht gibt es auch Menschen, die so klar mit ihrem Herzen verbunden sind und so sehr im Vertrauen, dass sie keine Angst, sondern nur Freude empfinden, wenn sie ihrem Herzen folgen. Aber ich stelle einmal in Frage, dass diese einen Blog wie meinen lesen 😉.

*Übrigens auch eine Form der Beziehung! Und zwar eine sehr wichtige!

Besser leben in Schlechtwetterzeiten

Zu leben mit Trauer, Kummer und Gram, nach einem Verlust, vielleicht einer Trennung, ist wahrlich nicht einfach.

Und dann ist da noch die Sache mit dem Wetter…

Schlechtes Wetter kann ein Segen sein. Oder ein Fluch.
Sonnenschein kann ein Segen sein. Oder ein Arsch*.

Und so sind manche manchmal dankbar für trübe Tage – wenn die eigene Stimmung sich deckt mit dem Grau da draußen; wenn sie gedeckelt wird von einem wolkenverhangenen Himmel vor der Tür. Mit ein wenig Glück ist es dann möglich, im Haus zu bleiben, in der Wohnung, im Bett. Wenn nicht – auch egal. Angeblich.

Sich einigeln zu können und nichts zu müssen, sich verweigern zu können ist manchmal ein Vorteil des Single-Daseins. Die Anforderungen bleiben flach. Der Preis: Aufmunterungen obligen der eigenen Verantwortung.

Dabei zeigt sich immer wieder eins: Dem Raum geben, was gerade ist – der Trauer, der Schwere, der Trübnis – ohne Gegenwehr, einfach nur da sein lassen… tut oft gut. Immer mal wieder wandelt sich dann das Einheitsgrau, der Kummer, die Schwäche, in einen Hauch von Lebendigkeit oder auch mehr – denn so ist sie, die Natur von Sein. Veränderlich. Und sei es in Nuancen.

Das zu wissen, kann helfen. Wenn es denn helfen darf. Im Trüb des Verlustes oder des Mangels, aber auch im Erlauben von etwas mehr Leichtigkeit, wenn sie sich zeigt oder gar im Ausprobieren von manch doch (was ein Scheiß*) hilfreicher Technik…

Die Natur von Sein:
Veränderlich.
Und sei es in Nuancen

Wie in Momenten, wenn es dann doch greift, dieses angebliche „Egal“, das in Wahrheit gar nicht egal ist, wenn man doch hinaus muss… Vielleicht mit Widerstand, Widerwillen, schwer und schlapp – und wenn es dann spürbar wird: Wetter ist Leben. Draußen ist (mehr) Licht. Selbst an grauen Tagen.

Ob ich will oder nicht: Rausgehen verändert etwas. Und irgendwie tut es gut – und ganz besonders an Tagen, an denen die Sehnsucht groß ist nach ein klein wenig Leichtigkeit, aber die Kraft gering für eine selbstinduzierte Stimmungsaufhellung.

In solchen Momenten sind jene im Vorteil, die in Gemeinschaft leben… Wenn Andere Sinn und Kraft geben; Andere, für die es sich zu leben lohnt, aufzustehen lohnt, auch in schweren Zeiten.
Doch wenn das graue Wetter da draußen eine zusätzliche Last bildet auf der Schwere des Seins, und es solch eine Wohltat wäre, ein klein wenig mehr Licht und Leichtigkeit zu erleben… Dann ist es ein Fluch.

Dann wäre oder ist Sonne von Nöten, und besonders hilfreich. Denn wenn sie scheint, wenn sie die Wohnung zum Leuchten bringt und Farbe hinein, wenn ihr Licht und ihre Kraft den Schleier der Schwermut durchwebt und Farbe ins Gemüt bringt, dann ist sie ein Segen, der den ganzen Tag aufhellt.

Und doch, blankem Hohn gleich, kann sich ein sonniger Morgen dem schweren Herzen aufdrängen: „Hey, da bin ich! Das lachende Leben! Freude, Geselligkeit, Licht, …“.

Arsch!*

Wenn die Kraft gerade nicht da ist, all das zu sein: freudig, gesellig, lachend. Was für eine Herausforderung, gar Überforderung kann da eine muntere Wetterlage sein! Wenn die Menschen um einen herum angesteckt sind, elektrisiert, aufgeladen von Licht und Wärme und guter Laune – dann ist es so anstrengend, so zu tun, als könne man mithalten, wo man es in Wahrheit doch gar nicht kann!

Und so bleibt es dabei – es wirkt erleichternd, dem Raum zu geben, was gerade ist. Im eigenen Gemüt, an diesem Tag. Und seien es drei Minuten auf der Toilette bei der Arbeit – den Kopf vielleicht in die Hände gestützt, die Augen geschlossen, getragen vom Möbel – nur für einen kleinen, bewussten Moment. Am besten wissend, ihm mehr Raum zu geben zu einer Zeit, da es möglich ist. In einer Zeit der zurückgezogenen Ruhe oder mit einem zugewandten Gegenüber. In einem Gespräch oder bei einem Ritual der Selbstfürsorge oder der Erinnerung, einer Meditation oder einer kleinen Yogareihe…

Und dem Wetter danken – oder ihm sagen: Du kannst mich mal!

*Fluchen und Schimpfworte nutzen, entstresst. Mehr dazu hier oder auch hier.

Gegen die Angst vor Gefühlen

Meine Absicht war es, an dieser Stelle einen Text zu schreiben mit der Überschrift „Gefühle sind nicht gefährlich!“.

Doch das kann ich so nicht. Denn leider ist es nicht wahr. Im Angesicht viel zu vieler Menschen, die entweder andere unterwerfen oder sich selbst einfach nur erhöhen wollen, ist es gefährlich, Gefühle zu zeigen! Viel zu viele Menschen toben sich an jenen aus, die nicht die körperliche und emotionale Stärke haben, sich erfolgreich gegen sie zu wehren.

Ich kann das so nicht schreiben, weil ich gerade mit einer jungen Frau arbeite, die jeglichen Kontakt zur Gegenwart verliert (dissoziiert), sobald es darum geht, sich selbst zu spüren. Dabei wird sie diese Hürde überwinden müssen, um heil zu werden und ein gutes Leben führen zu können*. Einst war die psychische Fähigkeit, sich von den Gefühlen abzuspalten, ihr einziger Schutz, um psychisch – und vielleicht sogar überhaupt – zu überleben. Heute erleidet sie Panikattacken und jeder Tag bedeutet für sie eine einzige Herausforderung.

Und doch haben Sie den Unterschied vielleicht schon bemerkt:

Gefühle an sich… sind nicht gefährlich!
Gefühle zu zeigen kann gefährlich sein.
Manche Menschen sind gefährlich, weil sie ihre Gefühle rücksichts- und gnadenlos ausagieren oder Gewalt anwenden, um ihre tatsächlichen – und vermeintlich schwachen – Gefühle zu verbergen. Meistens ganz besonders vor sich selbst.

Gegen
innere Leere
hilft nur eins:
Fühlen

Und doch liegt genau hier – im Verbergen von Gefühlen, auch und vor allem vor sich selbst – der Kern für Empfindungen von innerer Leere. Von Verlorenheit. Von innerem Tot-sein. Von Schmerz und der Ahnung um Falsch-heit.

Und dagegen gibt es nur ein Heilmittel.
Fühlen.
Gefühle zulassen.
Gefühle ausdrücken.

Das geht auch sozial-verträglich. Selbst wenn es erst gelernt werden muss.
Sogar mit Wut. Mit Scham. Bei Schuldgefühlen. Auch wenn letztere besonders schwer als Gefühl auszuhalten sind. Deswegen braucht es manchmal auch gezielt Unterstützung von außen. Durch Menschen, denen man vertraut.
Gefühle sind informativ. Sie versetzen uns in Bewegung.
Gefühle zu vermeiden verursacht statt dessen – immer Schmerz!

Dabei ist die Natur von Gefühlen, von Emotionen, grundsätzlich sehr vergänglich, sehr fließend!
Das lässt sich schon an dem Wort „Emotion“ ablesen, dessen Ursprung im lateinischen, „ex-movere“ liegt. Es bedeutet: „heraus-bewegen“.

Manche Gefühle lassen uns auf ein Ziel zugehen. Andere lassen uns von einer Gefahr wegstreben. Wieder andere lassen uns ein Hindernis angreifen. Wer dies nicht spürt, nicht wahrnimmt, nicht annimmt, bewegt sich vielleicht in die falsche Richtung – oder erstarrt.

Verschiedene Gefühle und Emotionen haben dabei unterschiedliche Informationen für uns:
So zeigt mir meine eigene Wut, das ich gerade einen mir wichtigen Wert, jemanden oder etwas bedroht sehe. Das will ich nicht zulassen!
Mein Gegenüber wird aus meiner gezeigten Wut hoffentlich schlussfolgern, mich nicht weiter zu reizen!
Wenn ich jedoch meine Wut nicht spüre, kann es sehr schwierig sein, zu wissen, was im Leben mir wirklich wichtig ist. In der Folge kann ich mich hilflos fühlen.
Wenn Wut nicht sein darf – wie soll ich etwas verteidigen, das mir wichtig ist?

Hilflosigkeit – vor allem ungefühlt, unbeachtet, unbeantwortet – kann wiederum in Depression münden.

Oder in Angst.

Angst ist die andere Möglichkeit, auf eine Bedrohung zu reagieren. Angst vor Verlust. Angst um Unversehrtheit. Angst vor Schmerz. Angst vor …
Angst initiiert die Bewegung in die entgegengesetzte Richtung als Wut es tut – Angst lässt uns flüchten.
Wer hingegen seine Angst nicht spürt, wird unvorsichtig. Er wird vielleicht zu viel riskieren – nämlich genau das, wovor die Angst warnt. Gesundheit. Sicherheit. Beziehungen. Erfolg. Das Leben….
Erst wer gelernt hat, mit seiner Angst zusammen zu arbeiten, wird sich auf eine Gefahr vorbereiten. Das Umfeld, wenn es freundlich ist, steht mir bei einem Angstthema zur Seite.

Liebe ist ein Gefühl der Annäherung und des Wohlwollens.
Freude eines des Gelingens und des Kontaktes.
Trauer zeigt einen Verlust an.
Ekel signalisiert, dass hier etwas vorliegt, dass meinem System (körperlich oder ideologisch) schaden könnte.

Gefühle sind nicht gefährlich.
Gefühle sind Leben.
Gefühle sind lebensnotwendig.

*Mit ihr arbeite ich in meinem hauptberuflichen Kontext. Dieser (finanzierte) Rahmen wird in wenigen Monaten wegfallen. Da sie betont, wie sehr ihr unsere Gespräche und meine Unterstützung gut tun, möchte ich ihr auch danach unsere Zusammenarbeit anbieten. Mit Ihrer/Deiner Spende können Sie/kannst Du diese Zusammenarbeit unterstützen.

Heute schon gezweifelt?

Bild von Gerd Altmann auf Pixabay

Zweifel sind bei vielen Menschen nicht sonderlich beliebt.
Das kann ich verstehen. Zweifel zu bearbeiten ist durchaus herausfordernd!
Doch spätestens im Rückblick sind sie nicht das eigentliche Problem.

In meinem Leben gab es lange Zeit Menschen, die sagten: „Zweifel doch nicht dauernd! Mach dir nicht so viele Gedanken!“. Manchmal gibt es sie sogar heute noch.

Früher bewirkte diese Aufforderung, dass ich mich nun wirklich schlecht fühlte! Da waren nicht nur diese Zweifel, die mich verunsicherten – sie schwirrten in meinem Kopf herum, von links nach rechts, von vorne nach hinten, kreuz und quer und sie machten mich eng in der Brust, weil ich den Atem anhielt bei dem Versuch, eine Antwort zu finden – und jetzt war das auch noch falsch?! Ich sollte das einfach sein lassen?! Ja – wie denn???? Woher bekäme ich dann die Antwort, nach der ich suchte? Die Sicherheit, die Orientierung, die Idee: wie weiter vorgehen???
Die Anderen schienen einfach zu wissen, was sie zu tun hatten. Sie schienen zu wissen, was richtig war. Sie schienen zu wissen, worauf sie sich verlassen konnten. Irgendwie schienen sie alles zu wissen. Nur ich nicht. Ich war anscheinend nicht richtig – denn ich hatte ja Zweifel.

Klingt irgendwie vertraut?

*Bei den Zeugen Jehovas zum Beispiel werden Zweifel einzelner Anhänger mit Beten und dem Lesen von Bibelversen beantwortet. [Immerhin. Anm. KH]. Zweifel seien ein Zeichen für Glaubensunsicherheiten, heißt es. Naja… Stimmt ja auch. Schade nur (meine Worte! Für mache ist es eine wirkliche Katastrophe!), dass die Zeugen Jehovas anscheinend nur den Weg des Gehorsams akzeptieren – ‚denk wie wir! Sei wie wir! Ansonsten bist du für uns gestorben.‘ Das ist nicht sonderlich lebenstauglich.**

Denn Zweifel sind nicht das Problem!

Zweifel sind ein Zeichen dafür, dass jemand sich weiterentwickelt (hat). Ein Mensch mit Zweifeln hat über den Tellerrand seines bisherigen Universums hinausgeschaut, und dort etwas anderes entdeckt, als das, was bisher vertraut war und was bisher als richtig angesehen wurde. Bisher hat „es“ so funktioniert. Nun gibt es etwas, das anscheinend dazu nicht passt. Ups! Und jetzt?

Genau das sind Zweifel.

Es kann sein, dass das Altbekannte auch hinterher in meiner Welt noch absolute Gültigkeit hat. Und wenn ich in meiner alten Welt bleiben will, dann darf auch alles so bleiben, wie es bisher war. Vielleicht hat das Altbekannte in meiner Welt nach der Überprüfung immerhin noch eine relative Gültigkeit. Und auch das ist in Ordnung. Deswegen sind Zweifel nicht böse. Sie sind nicht per se eine Gefahr für den Status Quo. Ganz im Gegenteil – sie können sogar das Vertrauen in die bisherige Seins- und Lebensweise stärken. Wenn diese sich auch weiterhin als passend, stimmig, funktionierend erweist.

Wenn aber ich mich verändert habe, oder meine alte Welt, oder meine alte Welt irgendwie nicht gut (für mich) ist – dann führen die Zweifel dazu, neue Wege und neue Lösungen zu suchen. Und das ist absolut sinnvoll. Oft anstrengend. Manchmal schmerzhaft (ja, ist leider so). Vielleicht lang dauernd. Aber: sinnvoll.

Sicherheitshalber noch ein Hinweis: Im Kreis denken – auch grübeln genannt – führt nicht ans Ziel! Weiterdenken ist angesagt. Ausprobieren ist angesagt. Überprüfen ist angesagt. Wie genau das gehen kann, ist eine andere Geschichte und wird an anderer Stelle erzählt (z.B. hier).

Der Gewinn erfolgreichen in-Frage-Stellens?
Mehr Klarheit. Mehr innere Sicherheit. Mehr Gelassenheit. Zunehmende Lebenserfahrung. Leichtere Entscheidungen. Vielleicht auch noch dies und das. Und am Ende: Weisheit.

Ach ja – wie es mir heute geht, wenn Menschen mir sagen: „Zweifel doch nicht dauernd!“?
Gut. Denn ich weiß ja: Es bringt mich weiter. Und manchmal – denke oder sage ich auch einfach: Ok.

*Ein Beitrag von Sophie Jones, einer Aussteigerin bei den Zeugen Jehovas, hat mich zum Thema dieses Textes inspiriert.
**Infos von Sophie Jones am 02.04.2021 in der NDR Talk Show, Kommentare von mir!