Zweiflerin? Zweifelsfrei!

Sehr geehrte Frau Hirsch,

ich hab da mal eine Frage. Haben Sie eigentlich auch Zweifel? Ich meine, Sie sind ja Psychologin und so. Gibt es da auch noch Sachen, die schwer für Sie sind? Ich weiß so oft nicht, was ich machen soll und meine Familie sagt was anderes als meine Betreuerin.

Hochachtungsvoll,
Emircan

Foto: pexels, by pixabay

Hallo Emircan,

um es direkt zu sagen: Ja, ich habe auch Zweifel. Wann immer das Leben mich vor eine Wahl stellt, muss ich genauso wie Du eine Entscheidung treffen.

Manchmal ist das leicht. Meistens habe ich dann schon über dieses Thema nachgedacht und/oder mit Freunden gesprochen. Oft habe ich eine ähnliche Entscheidung schon einmal getroffen, und ich weiß, was mir daran wichtig ist und wie ich es bekomme.

Pro- und
Contra-Liste

Manchmal ist das gar nicht leicht. Dann habe ich die Arbeit noch vor mir, von der ich auch aus meinem Studium und aus dem Leben insgesamt weiß: Verschiedene Wege können mir helfen. Leider gibt es nicht DIE EINE Technik, die absolute Klarheit bringt. Oft sind es eher mehrere Ansätze, die miteinander kombiniert den richtigen Weg zeigen.

Manchmal hilft eine Pro-und-Contra-Liste (Was ist gut daran? Was gefällt mir nicht/was geht nicht?).

Von Herzen
jammern, meckern,
hadern!

Manchmal muss ich ausgiebig jammern, meckern und hadern, bevor ich durch all die lauten Widerstände („ich will (nicht)/ich kann nicht/man sollte/es wird erwartet, dass…./es kann nicht sein…“) zu dem komme, was mir wirklich wichtig ist. Dann versuche ich, aus einer übergeordneten Ebene auf das Jammern, Meckern und Hadern zu schauen. Dabei hilft mir oft mein Tagebuch, weil ich dann alles noch einmal nachlesen kann.

Mit Freunden
reden.
Oder
jemandem,
der Ahnung hat

Manchmal können hier auch Freunde helfen. Oft merke ich jedoch, dass ich sie daran erinnern muss, erst einmal keine Lösungen zu präsentieren, sondern mir zuzuhören und zu versuchen, mich zu verstehen. Die Lösungen sind zwar oft sehr logisch, aber mein innerer Widerstand lässt noch nicht zu, diese Lösungen umzusetzen. Deswegen geht es erst einmal darum, dass ich unsicher sein darf, oder wütend oder traurig oder was auch immer. Es geht darum, dass ich (mich) fühlen darf, wie ich (mich) fühle, ohne das jemand versucht, das wegzumachen oder mir auszureden. Wenn das klar ist, dann kann es weitergehen (*weiter unten findest du ein Beispiel).

Manchmal kommt es auch vor, dass ich mich mit einer Sache nicht auskenne. Dann brauche ich den Rat von jemandem, der sich eben besser auskennt und der mir hilft, das Passende und das Nicht-Passende auseinanderzuhalten. Da kann es auch sein, dass Freunde oder Eltern nicht die richtigen Ansprechpartner sind, weil sie selbst keine Ahnung haben oder Vorstellungen, die nicht zu mir passen.

Bei deiner Frage habe ich den Eindruck, dass es im Grunde darum geht, wie du gute Entscheidungen für dich treffen kannst. Wenn also Deine Eltern dir sagen, was du tun sollst, und deine Betreuerin etwas anderes sagt, dann musst du ja für dich entscheiden, wessen Rat du folgen willst oder solltest. Da stellt sich für mich die Frage: Wessen Entscheidungen oder Vorschläge haben sich bisher so entwickelt, dass es dir hinterher möglichst gut ging?

Dafür kannst du dich an verschiedene Situationen und Entscheidungen erinnern. Am besten schriftlich, vielleicht in Form einer Tabelle:

Worum genau ging es?Auf wen hast du gehört? Wie hast du dich verhalten?Wie ist die Situation ausgegangen? Gut? Schlecht?Was genau war daran gut?Was genau war daran schlecht?

Ich glaube, es würde dir helfen, wenn du jemanden an deiner Seite hast, der wirklich nur will, dass es dir gut geht. Vielleicht kannst du diese Erinnerungsarbeit mit deiner Betreuerin zusammen machen?

Vielleicht findest du so heraus, wessen Vorschlag du eher vertrauen kannst. Vielleicht fallen dir mit der Zeit Sachen auf, die du selbst besonders wichtig findest, und auf die du bei der Entscheidung achten willst. So kommst du dann dahin, dass Entscheidungen mehr und mehr deine eigenen sind.

Ich wünsche dir von Herzen alles Gute,
Katharina Hirsch

* Hier noch ein Beispiel:
Neulich ging es bei mir um die Entscheidung, ob ich eine Sache angehe, für die ich regelmäßig eine weitere Strecke mit öffentlichen Verkehrsmitteln fahren müsste. Ich jammerte: „Der Weg ist so lang! – Auf öffentliche Verkehrsmittel ist kein Verlass! – Ich hab dann so wenig Bewegung. – Ich bin viel weniger flexibel. – Das kostet mich so viel Zeit! – …“.

Ich fing dann an, mir selbst beim Jammern zuzuhören. Mit der Zeit merkte ich zwei Sachen:

1. Das waren durchaus beachtenswerte Argumente. Aber wenn ich den ganzen Aufwand wirklich nicht wollte, dann könnte ich doch auch einfach sagen: „Nö, mach ich nicht.“ (An diese Möglichkeit erinnerte mich ein Freund). Das tat ich aber nicht. Also gab es etwas, das mir wichtiger war! Was genau war dieses Positive, das ich mit dieser Entscheidung verband? Ich überlegte noch einmal, fand das, was mir so wichtig war und stellte mir ganz absichtlich diesen Teil genau vor. Dabei achtete ich auf meine (positiven) Gefühle, und meine Lust darauf wurde mir noch deutlicher.

2. Die ganzen Sachen, über die ich jammerte, betrafen meine Möglichkeit, selbstbestimmt zu agieren! Mir war schnell klar, dass mir genau das sehr wichtig ist (hier kenne ich mich sehr gut), und ich bestätigte mir selbst, dass das ok ist. Nun konnte ich überlegen: Wie könnte ich den Weg für mich nutzen, welche meiner Bedürfnisse könnte ich doch irgendwie währenddessen erfüllen? Ich fand meine Lösungen, und nun freue ich mich auf das, was kommt. Sogar ein bisschen auf die Wege 😉

Was war passiert?

Indem ich mir erlaubte, zu jammern, nahm ich mich und die Herausforderungen bei der Entscheidung ernst. Nachdem mir das gelungen war, konnte ich – zum Teil allein, zum Teil mit Freunden – verschiedene Ideen entwickeln, wie ich die „Probleme“ angehen kann. Einige dieser Lösungen waren schon vorher da gewesen, aber erst musste ich mich ernst nehmen. Danach war der Rest – kein Problem mehr!

Karriere mit Hindernissen

Foto: von pixabay, auf pexels

Sehr geehrte Frau Hirsch,

mit 30 Jahren habe ich es schon weit gebracht! Zielgerade strebe ich eine Partnerschaft in einem privaten Bankhaus an. Gut 50 Stunden und mehr investiere ich dafür pro Woche.

Nun belasten mich zwei Sachen:
Zum einen möchte meine Freundin nicht einsehen, dass die Karriere nun einmal meine erste Priorität ist. Sie spricht immer häufiger über Heirat und Kinder.

Dabei, das ist Punkt zwei, ist es jetzt schon schwierig, mich ausreichend zu erholen, da ich seit einiger Zeit schlecht schlafe. In der Nacht kreisen meine Gedanken um die Karriere und einer Angst vorm Versagen. Diesen zusätzlichen Druck von ihr kann ich nicht gebrauchen.

Wie kann ich ihr klarmachen, was wirklich wichtig für mich ist und mich besser auf meine Arbeit konzentrieren?

Freundlichst,
K.B.

Sehr geehrter Karrierist,

sind Sie wirklich sicher, dass Sie Ihrer Freundin klarmachen möchten, dass sie absolut nicht das Wichtigste in Ihrem Leben ist?
Dann dürfte die Antwort doch recht leicht fallen: Sagen Sie es ihr.
Vermutlich werden Sie so den Freiraum gewinnen, sich voll und ganz, befreit von jeglicher Beziehungslast, auf Ihr Ziel zu konzentrieren.

Beim zweiten Teil Ihrer Frage wird es schon kniffliger. Denn wenn Sie schlecht schlafen, weil Sie befürchten, zu versagen, wird das Versagen umso wahrscheinlicher. Ihnen geht nach und nach die Lebens- und Arbeitsenergie verloren. Sie sagten es bereits.

Die Methoden, die mir einfallen, um Ihren Schlaf zu verbessern, werden sich allesamt auf die Zeit auswirken, die Sie für Ihr absolut wichtigstes Ziel aufbringen wollen. Denn Ihr Körper (Erschöpfung) und Geist (gedanklich nicht loslassen können) verlangen dringend nach Ausgleich, nach einer Work-Life-Balance, und zu dieser gehören: Pausen, wertvolle soziale Verbindungen, Bewegung (optimaler Weise in der freien Natur) und lauter solche Sachen, von denen Sie vermutlich nichts hören wollen.

Sollten Sie jedoch das Folgende noch lesen, so kann ich Ihnen sagen: Mit einem ausgeruhten, ausgeglichenen Geist lässt es sich vielfach effektiver denken und arbeiten, in der Folge besser schlafen und dann wieder arbeiten. Und ein bewegter, gekräftigter Körper trägt Sie mit viel mehr Leichtigkeit durch den Tag – und ebenfalls, da durch Aktivität entspannt – durch die Nacht. Eigentlich können Sie nur verlieren, wenn Sie weitermachen wie bisher. Und sehr viel gewinnen, wenn Sie sich erlauben, regelmäßig ein wenig Abstand zu nehmen.

Kommen Sie gern auf mich zurück.

Herzliche Grüße,
Katharina Hirsch

„Vielleicht irgendwann“

Hallo,

ich bin jetzt schon seit 8 Jahren mit meinem Freund zusammen. Es hat lange gedauert, bis es bei uns so richtig fest wurde, weil er sich nicht gerne festlegt. Ich habe aber gelernt, wie ich mit ihm umgehen muss. Mittlerweile wohnen wir zusammen. Ich bin 28 und sehne mich nach einem Baby. Wenn ich ihn darauf anspreche, drückt er sich und sagt: „ vielleicht irgendwann.“ Ich will aber nicht ewig warten! Es fällt es mir schon schwer, das Thema nicht anzusprechen, und ich fange jedes Mal an zu weinen.

Was soll ich tun?




Hallo Sehnsuchtsvolle,

deine Frage spricht von Druck und unbefriedigten Bedürfnissen. So scheint der Drang nach einem Baby in dir groß zu sein. Oder ist es vielleicht ein anderer Drang? Vielleicht nach etwas mehr Macht in der Beziehung? Danach, den eigenen Willen durchsetzen, (vielleicht auch einmal) den Ton und das Tempo vorgeben? Oder geht es dir vielleicht darum, gesehen, gehört, verstanden zu werden?

Manchmal entwickeln wir Menschen eigenartige Wege, um uns zu behaupten. Und wenn wir nicht bekommen, was wir brauchen (z.B. Aufmerksamkeit, Beachtung, Wertschätzung/Liebe usw.), versuchen wir häufig mehr vom Gleichen, anstatt neue Wege zu gehen.

Geht es also aktuell wirklich darum, jetzt ein Baby zu bekommen? Ich frage dich das ganz wertfrei. Denn wenn es so ist, dann kann ein Babywunsch wirklich sehr viel Macht und Druck in einer Frau entwickeln, um sich zu verwirklichen, und dafür auch nach außen drängen. Das hat die Natur grundsätzlich gut eingerichtet, um die Fortpflanzung sicher zu stellen. Rein biologisch (oder nüchtern) betrachtet, muss dann manchmal der eine oder andere potenzielle Partner ausscheiden, weil er sich als untauglich erweist.

Hier habe ich die entscheidende Frage für dich: Ist der Mann an deiner Seite der richtige Partner für dich und deine Zukunft(spläne)?

Wenn du dir unsicher bist, kannst du verschiedene Alternativen fantasieren: 

Wäre er der Richtige, wenn er kein Kind zeugen könnte? Wäre er es, wenn du kein Kind empfangen könntest? Wäre er der Richtige, um vielleicht gemeinsam andere Wege – wie eine Adoption – zu gehen? Wäre er ein guter Vater?

Und dann ist da noch sein „vielleicht irgendwann“:

Wäre er der Richtige, wenn er dauerhaft kein Kind wollen würde und du ihm zuliebe auf die Mutterschaft verzichten müsstest?

Worum also geht? Um deine bestehende Partnerschaft, um Mutterschaft oder um beides? Wenn du diese Frage für dich geklärt hast – und ich behaupte nicht, dass das leicht ist – dann hast du die Richtung, in die es weiter geht.

Ich wünsche dir von Herzen alles Gute,
Katharina