Frustkiller für die Freundschaft

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Liebe Frau Hirsch,
mein Leben ist das totale Chaos: Meine Oma ist schwer krank. Vielleicht muss sie in ein Heim. Mein Opa sucht eine neue Wohnung. Ich warte auch darauf, dass mein Vater, mein Bruder und ich umziehen. Wir wohnen wir bei der Freundin von meinem Vater. Ich habe Angst vor ihr, weil sie mich immer fertig macht. Mein Vater hat gesagt, er macht mit ihr Schluss und wir ziehen weg. Aber jetzt will sie eine große Wohnung, und er redet wieder nicht mit uns. Wir haben schon unsere Tante gefragt, damit sie ihn fragt. Das macht sie auch.
Das alles ist in meinem Kopf und ich breche abends zusammen und weine mich in den Schlaf. Meine beste Freundin versucht schon dauernd, mich aufzuheitern. Das schlimme ist, dass ich dann wütend werde und ich lasse meinen Frust an ihr aus. Sie sagt, sie kann das ab.
Aber ich will das nicht mehr! Wie kriege ich das hin?

Hallo Überforderte,
gleich mehrere Lebensbereiche stehen bei dir vor einer Veränderung, und es klingt so, als könntest du einfach nur abwarten was passiert. Das ist eine schwierige Situation. Die meisten Menschen mögen es nicht, wenn sie keinen Einfluss auf Wichtiges haben. Das passende Gefühl dazu heißt „ohnmächtig“ oder auch „hilflos“, und dies wieder macht oft wütend.

Nun hast du ein paar Menschen, die dich unterstützen wollen: Deine Tante, die mit deinem Vater reden will und deine Freundin, die sich im Moment einiges von dir gefallen lässt und sich Mühe gibt, dich an die schönen Seiten im Leben zu erinnern. Dein Bruder sitzt mit dir in einem Boot und auch dein Vater versucht anscheinend sein Mögliches, damit es dir gut geht.
So weit hast du in dem ganzen Chaos schon mal eine gute Ausgangslage – du bist nicht allein, und somit passt „hilflos“ letztlich nicht zur tatsächlich vorhandenen Situation. Und trotzdem kann es sich manchmal so anfühlen.

Sie möchte, dass es
dir gut geht!

Nun sehe ich eine andere Herausforderung, mit der du es zu tun haben könntest: Durch die ganzen Unsicherheiten schleppst du einiges an emotionalem Gewicht mit dir herum – Ohnmacht und Hilflosigkeit fühlen sich oft wie Bleigewichte an, die den Körper „runterziehen“, ihn schwer machen – jede Bewegung, jede Regung schwer machen.
Und während du dich so abschleppst, möchte deine Freundin, dass du leicht und fröhlich bist. Sie möchte, dass es dir gut geht.
Dabei hat sie nicht die Macht, dir Erleichterung zu verschaffen. Sie kann die Situationen nicht lösen. Sie glaubt sicherlich, dass es dir hilft, wenn du so tust, „als ob“ es dir gut ginge. Vielfach können wir lesen oder hören, dass dies helfen soll.

Teilweise stimmt das auch:
Kurzfristig kann uns das ablenken. Sollte sich in der Zwischenzeit etwas wichtiges weiterentwickeln und verändern, dann funktioniert diese Taktik auch auf lange Sicht.

Andererseits ist sie manchmal sehr, sehr anstrengend. Und auch hier kann wieder Wut aufkommen, um sich davor zu schützen. Hier zwei Ansätze zur Entlastung:

Punkt 1: Bitte deine Freundin, dir zu erlauben, traurig zu sein und „durchzuhängen“. Bitte sie, dich so zu nehmen, wie du (jetzt gerade) bist. Das ist vielleicht schwierig für sie. Für dich aber ist es leichter, als auf das Gewicht noch mehr obendrauf zu packen. Oft ergibt sich aus einer bewussten Zeit des „sich hängen lassens“ so viel Entspannung, dass sich der Körper und die Psyche erholen können und für einen Weile auch wieder leicht(er) sein können.

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Schon hier kann es sein, dass du deinen Frust nicht mehr an ihr auslassen musst. Falls der Frust aber doch noch regiert, weil die Situation selbst sich noch nicht verändert hat, kommen wir zu …

Punkt 2: Ich gehe davon aus, dass die Variante, den Frust an deiner Freundin auszulassen, für den Moment hilft. Sonst würdest du sie vermutlich nicht mehr anwenden. In diesem Fall bietet es sich an, diesen Frust an eine andere „Adresse“ loszulassen. Wo und wie könntest du dich also ohne Schaden an anderer Stelle entlasten?

Herrlich meckern lässt es sich zum Beispiel beim Staubsaugen mit dem Teppich, der jetzt so richtig kräftig abgebürstet wird – obendrein wird er praktischer Weise gleich sauber und gestaute Energie aus deinen Muskeln kann abgebaut werden.
Viele Hausarbeiten oder körperliche Aktivitäten eignen sich, einem vorgestellten Gegenüber die Meinung zu erzählen. Je bewusster du dabei bist, dir also selbst zuhörst und weißt, dass du „in Wahrheit“ gerade mit XY statt mit dem Teppich rummeckerst, umso wirkungsvoller ist das Ganze. So können wir nämlich gleichzeitig zu einem Freund/einer Freundin für uns selbst werden, wenn wir uns zustimmen oder mit uns Mitgefühl haben können. Wir können manchmal aber auch feststellen, dass wir gerade ganz schön unfair sind, und weil es ja nur der Teppich ist, können wir einfach nochmal neu ansetzen. Vielleicht gelingt es mit ein bischen Zeit, das zu sagen, was wirklich auf der Seele liegt.

Und natürlich tut es manchmal einfach gut, etwas kaputt zu machen. Aber weil auch das nur eine kurzfristige emotionale Entlastung bringt, aber keine langfristige Lösung, sollte es etwas sein, das du hinterher nicht mehr brauchst!

Ein konstruktiver Mittelweg kann dies hier sein:
Zuerst schreibst du deinen Frust auf ein Blatt Papier.
Hinterher zerreißt du es bis in kleinste Fitzelchen. Herrlich!

Was hier passieren kann: Das Aufschreiben an sich hat oft eine stark entlastende Wirkung! Wenn du es schaffst, wirklich in Worte zu fassen, was dich nervt, ergibt sich vielleicht eine direkte Selbstbestätigung („Genau! So ist das nämlich!“).
Anschließend kann vermutlich der sachlich-logische Menschenverstand wieder gehört und beachtet werden.

Vielleicht findest du auch eine ganz andere Form zum Frustabbau – ohne deine Freundin anzugreifen. Und wenn sich die Situationen im Außen dann Stück für Stück klären, wird auch dein Frust weniger werden.

Ich wünsche dir von Herzen alles Gute,
Katharina Hirsch

Furie sucht Frieden

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Seit kurzem bin ich mit meinem Freund zusammen. Ich will ihn auf keinen Fall verlieren, er kümmert sich um mich, kauft mir Geschenke und ist lieb zu mir. Dabei weiß ich, dass ich schnell klammere. Ich bemühe mich, ihm Freiraum zu lassen. Jetzt hat er mir gesagt, dass sich unser Zusammensein für ihn wie eine Freundschaft anfühlt und nicht mehr. In dem Moment bin ich völlig ausgerastet, habe ihn angeschrien und Sachen geworfen. Im Grunde kann ich mich kaum daran erinnern, was passiert ist, nachdem er mir das gesagt hat. Ich bin total verzweifelt: Er kämpft um uns, ich bekomme mit, wie er versucht, sich über seine Gefühle klar zu werden – und ich raste so aus! Was soll ich nur tun?

Wiebke, 23

Hallo Wütende,

kann es sein, dass du ebenfalls um eure Verbindung kämpfst? Nur mit lauteren Mitteln und auf anderen Wegen?

Natürlich ist Wut teilweise eine gefährliche Emotion: Es kann viel kaputt gehen, und durchaus auch die Verbindung, um die du kämpfst. Wenn die Wut dich so sehr überrollt, dass du nicht mehr denken konntest, heißt das, du verlierst die Kontrolle und schießt vermutlich über dein Ziel hinaus.

Wut ist
eine wichtige Regung

Und doch ist Wut an sich – wie jede andere Emotion – eine wichtige und gesunde Regung. Wut wendet sich grundsätzlich
gegen eine drohende Gefahr, wie in deinem Beispiel den möglichen Beziehungs-Verlust.

Gefahr:
Wichtige Infos
gehen verloren!

Das eigentliche Problem liegt also nicht in der Wut, sondern darin, was durch sie kaputtgehen kann, wenn sie sich unkontrolliert Bahn bricht. Ein weiteres Problem birgt die  Tatsache, dass du von eurer eigentlichen Auseinandersetzung nichts mehr mitbekommen hast. Hier gehen dir wichtige Informationen verloren, die du vielleicht brauchst, um zu einer konstruktiven Klärung der Situation zu gelangen.

Wie also kann es dir gelingen, von der blinden Furie wieder zu einer denkfähigen Verteidigerin deiner Position zu werden?

Erst einmal musst du die wild flutenden Hormone so weit wieder loswerden, dass sich dein Denkorgan einklinken kann. Am Besten geht das durch irgendeine Art von Bewegung, möglichst mit viel Energieeinsatz. Die Natur es so eingerichtet, dass mit den Hormonen im Notfall viel Energie aktiviert wird, um einen Gegner auszuschalten oder ihm zu entkommen.

Da beides dir nicht weiterhilft, gilt es, dieser Energie zwar ein Ventil zu geben, aber ohne Schaden am Gegenüber und ohne andauernden Kontaktabbruch.

Also:

Verlasse den Raum, verlasse die Situation,
sorge für Abstand zum Wutauslöser.

Und dann renne um deinen Verstand. Er wird sich früher oder später wieder einschalten. Oder schreie deine Wut (im Wald, im Auto, in ein Kissen) heraus; boxe in Kissen/Matraze/gegen einen Sandsack/in die Luft; wirf (draußen und mit sicherem Abstand zu anderen) Steine oder Äste durch die Gegend. Es gehen auch Wutbälle, Kissen oder Stofftiere, deren Ziel die Wand eines anderen Zimmers ist. Hier musst du allerdings auf Zerbrechliches achten. Glas und andere Gegenstände machen zwar schön viel Krach, bergen aber Verletzungsgefahren und müssen hinterher auch noch ersetzt werden. Tobe dich aus durch springen, trampeln, tanzen; oder oder oder. (Auch das hast du im Grunde getan – allerdings gegen deinen Partner und mit Sachschaden).

Im weiteren Verlauf einer Entwicklung von Wutkontrolle kann sich die Progressive Muskelentspannung anbieten. Die braucht aber etwas Übung, um dann im Bedarfsfall greifen zu können. Infos hierzu findest du zum Beispiel im Internet, es gibt CD’s und Audioprogramme oder auch Kurse an vielen VHS‘ (Volkshochschulen).

Wenn du beginnst, wieder denken zu können, lasse dir noch Zeit, bevor du zurückkehrst in die Situation/zu der Person. Mache dir klar, worum es geht und was dein Ziel ist. Vielleicht brauchst du hierzu Hilfe, zum Beispiel durch eine Freundin, um dich nach und nach im neutralen Gespräch daran zu erinnern, welche Argumente ins Feld geführt wurden und worin das rote Tuch für dich liegt.

Mache dir klar,
worum es geht
und was dein Ziel ist

Dieser Prozess der Selbstfürsorge
und Wutverarbeitung
kann von einer halben Stunde bis zu mehreren Tagen dauern. Wenn es länger dauert, kann es sinnvoll sein, die andere Person darüber zu informieren, dass du die Situation gern bereinigen möchtest, aber im Moment noch nicht in der Lage dazu bist.

Was du tun kannst, um die Verbindung zu deinem Freund zu klären und zu festigen, das müsst ihr letztlich im Gespräch klären, wenn du dich beruhigt hast und wieder denken kannst: Was genau heißt es, wenn er sagt, er empfände „Freundschaft und nicht mehr“? Will er etwas ändern? Was? Wie? Und wie kannst du darauf antworten? Im Gespräch und im Leben?

Beides, sowohl der Umgang mit einer solchen Wut, als auch das Führen eines solchen Gespräches sind für die meisten Menschen große Herausforderungen!  

Ich wünsche Dir von Herzen, dass eure junge Verbindung stark genug ist, diese Herausforderungen zu meistern.
Katharina Hirsch

Ein lebenswertes Leben

Ich (32) lebe allein und finde das gut so. Ich liebe mein Leben, meinen Job und reise gern. Früher hat das meine Familie beeindruckt, aber jetzt reden alle nur noch von der geplanten Hochzeit meiner jüngeren Schwester. Mir graut es vor dem Fest und der Frage, wann es bei mir so weit sei. Ich fühle mich wie eine Versagerin. Dabei weiß ich nicht einmal, ob ich überhaupt heiraten will.
Theresa

Hallo Allein-Reisende,

Ihre Schwester wird heiraten – und Sie fühlen sich als Versagerin, während Sie ihr Single-Leben (angeblich?) genießen.
Was für eine gute Gelegenheit, die Frage nach den eigenen Ehewünschen und jenem möglichen Versagen einmal (wieder) auf den Prüfstand zu stellen.

Denken Sie weiter!

In früheren Zeiten war es für eine Frau tatsächlich bedeutsam, einen Mann zu finden, der sie finanziell versorgte und ihre Sicherheit garantierte. In der Gesellschaft hatte eine alleinstehende Frau einen weniger angesehenen Stand als die Verheiratete.
Auch heute sind es vor allem alleinstehende Frauen, die von sozialer Isolation und Armut im Alter bedroht sind.
Trotzdem ist es schon früher Frauen gelungen, auf sich selbst gestellt zu überleben. Heute können wir Frauen in Deutschland uns (fast) als gleichberechtigt betrachten, und ohne weiteres „unseren Mann“ alleine stehen.

Und wie steht es um die seligmachende, ewige Zweisamkeit? Im vergangenen Jahr (2019) wurden laut dem Statistischen Bundesamt rund 150.000 Ehen in Deutschland geschieden – über ein Drittel der Anzahl an Ehen, die neu geschlossen wurden. Die aktuell durchschnittliche Lebensdauer einer Ehe: knapp 15 Jahre.

Die Ehe ist kein Garant für ein lebenswertes Leben.

Was wäre,
wenn…?

Eine gelingende Ehe zu führen, bedeutet, sich festzulegen und einzulassen. Auf einen Menschen, mit dem gemeinsam man die Aufgaben des Lebens dann angehen muss.
Häufig legen sich (junge) Menschen auf dieses Abenteuer fest, noch bevor sie das Leben oder sich selbst gut genug kennen, um auch nur zu ahnen, was auf sie zukommen könnte oder worin die persönlichen Herausforderungen in ihnen selbst bzw. ihrem Gegenüber bestehen. Wenn es dann schwierig wird, zeigt sich oft: Der andere Mensch, auf den sie sich festgelegt haben, macht die Sache nicht leichter.

Worin genau also könnte ein Versagen bestehen? Darin, sich die Zeit zu nehmen, sich selbst und die Welt kennenzulernen? Darin, zu prüfen, was für Sie ein passender Lebensentwurf sein könnte, der möglichst langfristig funktioniert? Darin, ein mögliches Gegenüber auf den Prüfstand zu stellen, ob es zu ihren Lebensplänen passt? …?

Und dann zu der eigentlichen, neugierigen Frage: Was wäre, wenn Ihre Antwort darauf hieße „Ich weiß es noch nicht“?
Was könnte wirklich passieren? Seien Sie konsequent. Denken Sie weiter, statt nur „mir graut davor“. Wie könnten die Menschen tatsächlich darauf reagieren?
Stellen Sie als Trockenübung ein paar Theorien auf – inklusive positiver Entwicklungen. Die sind nämlich auch möglich.

Ich wünsche Ihnen von Herzen alles Gute,
Katharina Hirsch

Vertrauensfragen

Hallo,
mit 40 Jahren bin ich nach einer kurzen, gescheiterten Ehe wieder allein und kinderlos. Meine Ehe endete in einem Alptraum. Begonnen hat sie als Affaire. Als wir dann schließlich heirateten, dachte ich, alles sei gut. Dann stellte sich heraus, dass mein Mann auch mich die ganze Zeit über betrogen hatte! Und das mit mehreren Frauen. Ich habe die Scheidung eingereicht, was mein Mann überhaupt nicht verstehen wollte. Das Ende vom Lied: Er ist bereits wieder verheiratet. Aber was wird aus mir? Was wird aus meinen Träumen von Haus, Ehepartner, Kind? Wie kann ich jemals wieder einem anderen Mann vertrauen? Wie kann ich jemals wieder auf meine eigene Urteilsfähigkeit vertrauen?

Tatjana B.

Hallo Enttäuschte,
eine wichtige Frage: Wie kannst du (wieder) auf deine eigene Urteilsfähigkeit vertrauen? Ich denke, dies ist der Dreh- und Angelpunkt, alles andere folgt dem nach.

Also wie? Indem du sie überprüfst. Worauf gründest du deine Urteile? Welche Merkmale erscheinen dir wesentlich? Welche davon erweisen sich über die Zeit als verlässlich und bei welchen solltest du vorsichtig sein?

Es wird eine ganze Weile dauern. Denn dazu brauchst du Erfahrungen, aus denen du lernen kannst.

Dies können neue Erfahrungen mit neuen Menschen sein.
Mehr und schneller lernst du jedoch aus der Vergangenheit. Immerhin hast du schon ein paar Jahre Lebenserfahrung und somit vermutlich auch einiges an Beziehungserfahrungen gesammelt. Hieraus kannst du bestimmt tief schöpfen.

Lerne aus
bisherigen
Beziehungen

Es müssen nicht nur Liebesbeziehungen zu Männern sein. Auch deine Erfahrungen mit Bekannten, Kolleginnen und Kollegen, Freundinnen, Schulkameraden, Familie etc. können dir helfen, dein Urteilsvermögen zu überprüfen. Wo erinnerst du dich an bestimmte Situations- oder Charaktereinschätzungen? Wo lagst du damit richtig und wann hast du dich geirrt? Kannst du bestimmte Muster erkennen, wenn du an verschiedene Erlebnisse oder Menschen denkst? Und schließlich hast du auf einen Mann gebaut, bei dem aus bestimmten Gründen glaubtest, für ihn „die Eine“ zu sein. Wie konnte er dir diesen Eindruck vermitteln? Welche seiner Handlungen haben dir Sicherheit vermittelt? Gab es anders herum vielleicht Momente, in denen du dich unsicher fühltest, aber beschlossen hast, nicht dieses Gefühl zu hinterfragen, sondern ihm zu vertrauen?

Mit diesen und ähnlichen Fragen kannst du dir deinen Erfahrungsschatz an Beurteilungen anschauen, und viel über dich und die (bisherige) Zuverlässigkeit deiner Urteilsfähigkeit lernen.

Was ich aber auch erwähnen möchte:
Es gibt Menschen, die grundsätzlich vertrauen.
Und es gibt solche, die so tun, „als ob“.

Jene, die tatsächlich zutiefst vertrauen, hatten vermutlich das Glück, dass sie in einem vertrauenswürdigen Umfeld aufgewachsen sind.

Auch solchen Menschen kann es passieren, dass sie irgendwann an jemanden geraten, der dieses Vertrauen enttäuscht. Das ist dann eine Lektion, die sie eben zum Glück erst später in ihrem Leben zu lernen haben, auf der Basis vieler guter Erfahrungen. Auch sie müssen für eine neue Stabilisierung ihres Selbstvertrauens vielleicht prüfen, wo Erwartungen und Erfahrungen nicht zusammenpassten, und was darauf hätte hinweisen können, dass es diesmal anders ist. Vielleicht schütteln sich solche Menschen auch nur kurz, weil sie sich darüber bewusst sind: „Ich habe so viele gute Erfahrungen gemacht, jetzt habe ich einmal Pech gehabt. Beim nächsten Mal wird es wieder anders sein.“

Und dann gibt es jene, die so tun „als ob“.

Das sind vielleicht Menschen, denen von ihrem Umfeld schon früh und konsequent erzählt wurde, dass sie vertrauen haben sollen – auch wenn ihre Erfahrung sagte: VORSICHT!
Doch wenn diese Menschen sich auf ihre Erfahrung beriefen, oder das dazugehörige unsichere Gefühl und zweifelnde Gedanken benannten, hieß es in ihrem Umfeld, sie lägen falsch. Ihnen wurde systematisch beigebracht, sich selbst zu misstrauen und ihre Wahrnehmungen zu ignorieren!

Für sie ist es ein wirklich hartes Stück Arbeit, sich aus einer solchen Erfahrungsspirale herauszulösen und Selbstvertrauen (hier: Vertrauen in das eigene Urteil) zu entwickeln. Sie müssen einerseits komplett neu lernen, dass sie sich vertrauen dürfen, vielleicht sogar müssen – und gleichzeitig stehen in einem solchen Fall immer die Beziehungen zu den Menschen auf dem Spiel, die sagten, man läge falsch.

Das kann Manche(r) alleine schaffen. Viel einfacher – und immer noch sehr schwer! – ist es jedoch mit einer langfristigen wohlwollenden Begleitung. Hier ist es eine Psychotherapie durchaus angemessen oder zumindest die Unterstützung durch einen Coach.

Ich wünsche Dir von Herzen alles Gute,
Katharina Hirsch

Corona-Panik

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Liebe Katharina,

ich weiß, es ist im Prinzip irrational, aber seit ich wegen des Corona-Virus zuhause arbeite, überfallen mich immer wieder Panikattacken. Ich kann sie nicht erklären. Aber mit dieser Unruhe kann ich nicht denken! Was mache ich denn nun?

Yasemin

Hallo Corona-Geplagte,

kurz gesagt: Panikattacken im Angesicht von unbekannten, das gewohnte Leben bedrohenden Situationen sind eine natürliche Reaktion, die uns zu körperlichen Höchstleistungen mobilisieren, um durch Kampf oder Flucht der Gefahr zu begegnen bzw. zu entkommen.

Die Panikreaktion
soll dein Leben
retten!

Der Nachteil: Die Energie steht einer nüchternen Analyse der Situation und durchdachtem Vorgehen im Weg.

Mein Tipp: Hilf deinem Körper durch Bewegung, die Kampf- bzw. Fluchtenergie abzubauen, um wieder „auf dem Boden“ anzukommen und klar denken zu können.

Hinweis: Die aktuelle Situation ist für uns alles andere als gewohnt. Noch dazu verändern sich momentan die Rahmenbedingungen in einem extrem schnellen Tempo. Daher kann es vorkommen, dass neue Informationen zu neuen Verunsicherungen führen, und es somit nötig wird, sich im Laufe des Tages mehrfach „runter zu holen“. Daher empfehle ich auf kleinem Raum umsetzbare Aktionen wie z.B. Hampelmänner, Luftboxen oder Liege-/Armstütze.

Die lange Version:

Wie gesagt, dient die aufgescheuchte, unruhige Energie (Herzklopfen bis Herzrasen, beschleunigte Atmung, Gedankenrasen), die wir als Panikattacken bezeichnen, dem Zweck, uns aus einer Notfallsituation hinauszuretten. Durch Kampf, also Angriff, verbunden mit Wut, Drohgebärden und zuschlagenden Impulsen, oder Flucht, also dem Wunsch, zu rennen, die Beine in die Hand zu nehmen, nichts wie weg – aber zack-zack! Für beide Aktionen braucht der Körper Energie. Die bekommt er, indem das Herz schneller pumpt, um Sauerstoff mit Hilfe unseres Blutes durch unsere Adern zu jagen. So bekommen alle Muskeln ihren benötigten Brennstoff. Auch die Atmung ist beschleunigt, und die Lungen hochaufnahmebereit für den Sauerstoff aus der Atemluft, um diesen ins Blut abzugeben.

Analytisches Denken ist in dieser Situation nur etwas für geübte „Troubleshooter“ (beruflich oder vom Leben geformt), also Leute, die sich schon oft in gefahrenvollen Situationen befunden haben und gelernt haben, dass sie damit umgehen können.

Nun macht es tatsächlich aktuell relativ wenig Sinn, irgendwen oder etwas bekämpfen zu wollen (außer potenziell vorhandene Viren durch gründliches Händewaschen mit Seife) oder zu flüchten. Wie also sinnvoll reagieren?

Hilf deinem Körper
mit Bewegung,
die Energie wieder
abzubauen

Hilf deinem Körper, die eigentlich wichtige, sinnvolle (Rettungs-)Energie in Aktivität umzusetzen und somit loszuwerden – indem du dich bewegst, eher schnell, eher kraftvoll. Dazu kann eben der besagte „Hampelmann“ gute Dienste leisten, oder Luftboxen, Kissenboxen, Sandsackboxen – hierbei greifst du die zuschlagende Energie, die (vielleicht) sowieso in deinen Armen steckt, auf, setzt sie um und das Adrenalin im Blut wird abgebaut. Wenn du es zum Beispiel gewohnt sein solltest zu joggen, dann ist das eine tolle Sache – sozusagen eine kontrollierte „Flucht“ zurück zu dir. Aber vielleicht wärest du dann schon ganz von allein auf die Idee gekommen, loszurennen.

Auch Liegestütze können gut funktionieren, oder eben Armstütze jeglicher Art – am Boden, gegen die Wand, an der Sofa- oder Stuhlkante festhaltend, vorwärts, rückwärts… egal. Sogar Yogaübungen wie der Sonnengruß, der Hund, der nach unten schaut, Planke, Seitstütz, Halbmond etc. können gute Dienste leisten. Auch die hierbei bewußt geführte Atmung hilft, dein System zu beruhigen.

Nach einigen Wiederholungen oder einer kleinen Weile wirst du feststellen, wie du ruhiger wirst. Und damit auch wieder denkfähiger.

Und wenn du diesen Punkt erreicht hast – dann kannst du vielleicht überlegen, ob es etwas gibt, das du sinnvoll tun kannst, um dich auf unterschiedliche mögliche Auswirkungen der aktuellen Situation vorzubereiten. Vielleicht zusammen mit deiner Familie, Freunden oder Nachbarn im Gespräch. Gut vorbereitet zu sein, zu wissen, was du tun kannst, wo du im Zweifelsfall Hilfe findest, all dies wird dir ein inneres Gefühl der Kontrollierbarkeit der Situation geben und sollte den Panikattacken ein gutes Stück weit Einhalt gebieten.

Und wenn sie doch wieder kommen – kannst du mit der Bewegung von vorn anfangen, Kontakt zu Menschen suchen, und dir bewusst machen, dass du gut vorbereitet bist.

Komm gut durch die aktuelle Zeit!

Katharina

Abteilungsleiterin in Nöten

Vor Kurzem wurde ich zur Abteilungsleiterin befördert. Das war schon lange mein Ziel, also könnte man meinen, ich würde mich freuen. Das tue ich auch. Fachlich kann ich die Aufgaben gut bewältigen. Doch immer wieder ertappe ich mich dabei, wie ich im Umgang mit meinen Mitarbeitern extrem unsicher werde. Am liebsten möchte ich mich dann in meinem Büro verstecken.

Ich habe ständig das Gefühl, zu versagen und dass die Leute mich nicht ernst nehmen. Bisher habe ich immer versucht, nicht weiter aufzufallen. Mit der Taktik bin ich auch gut durchgekommen. Doch wenn ich jetzt kritisiert werde, fehlt mir jegliche Widerstandskraft. Sicherlich ist vieles nicht halb so schlimm, wie ich meine, aber innerlich bin ich jedes Mal völlig fertig. Manchmal braucht es nur einen schiefen Blick, und schon fühle ich mich ganz klein und unfähig, angemessen zu reagieren.

Später bin ich dann wieder wütend auf mich selbst, weil ich so unfähig bin.
Den ganzen Stress nehme ich auch noch mit nach Hause und liege dann nachts oft wach. Wenn das so weiter geht, halte ich auf der Stelle nicht lange durch.

Hallo Abteilungsleiterin,

erst einmal: Herzlichen Glückwunsch!
Sie haben sich ein Ziel gesetzt, und Sie haben es erreicht! Dazu haben Sie nicht nur fachlich, sondern auch persönlich überzeugt. Es gibt in Ihrem Arbeitsumfeld also Menschen, die in Ihnen das ganze Potenzial sehen, die Aufgabe auszufüllen.

Ich kann…!

Auch Sie selbst sind offenbar davon überzeugt (genug), dass in Ihnen die Fähigkeiten stecken, die (An-)Leitung einer Abteilung zu übernehmen. Schließlich hatten Sie den Mut, sich auf die Stelle zu bewerben.
Welche Fähigkeiten sind es, die Sie selbst überzeugt haben? Wie haben Sie es geschafft, so weit zu kommen? Wie haben Sie es geschafft, andere von sich zu überzeugen?

Das ist Ihre Basis. Das ist Ihr „Kapital“. Machen Sie es sich bewusst. Wieder und wieder. Bis Sie es auch glauben.

Mein Vorschlag an Sie: Schreiben Sie es auf.

Sie könnten die Aussagen beginnen mit:
Ich kann…!
Ich weiß, wie/dass…!
Es ist mir schon gelungen, …!
Wenn abc, dann kann/weiß/mache ich xyz….

Vielleicht gibt es auch (in Ihrem Fall besonders wertvolle) Beispiele von
„Andere sagen, ich kann/weiß/mache…“.

Wenn Sie mit der Sammlung Ihrer Stärken fertig sind, hängen Sie diese Informationen an einen Ort, an dem Sie immer wieder diese Selbstbestätigungen, die auf Erfahrung und/oder Fremdeinschätzungen basieren, lesen können. Zum Beispiel in Ihrem Zuhause an den Badezimmerspiegel, an den Kleiderschrank, an die Ausgangstür oder jeden anderen Ort, der Ihnen passend erscheint.

Außerdem verwahren Sie ein zusätzliches Exemplar griffbereit in der Handtasche. So können Sie im Zweifelsfall immer wieder eine Portion Selbstachtung und Selbstwertbestätigung tanken.

Sollte die Taktik der positiven Selbstbestärkung nicht (gut genug) funktionieren, dann empfehle ich Ihnen, dass Sie sich aktive Unterstützung durch ein Gegenüber – in einem begleitenden Coaching oder durch eine Therapie – suchen. Dann könnten Sie im Dialog und bei wohlmeinender Unterstützung die Ursachen Ihrer Unsicherheit ergründen, die Vorteile ihrer bisherhigen Lieblings-Taktik würdigen und ggf. aufgekommene Fremd-Kritik hinterfragen lernen.

Außerdem böte es sich an, Techniken zur Stressreduktion zu erproben, um auf Dauer mehr innere Ruhe zu entwickeln.
Doch dies würde hier zu weit führen.
Daher verbleibe ich damit, Ihnen

von Herzen alles Gute

zu wünschen!

Alle für einen

Das ist doch
alles Wahnsinn!

Hallo Frau Hirsch,
in meiner Nachbarschaft machen wir uns Sorgen um Einen aus unserer Mitte. Er ist durch seine Arbeit vollkommen überfordert – er hatte bereits einen Herzinfarkt und ist seither sehr deprimiert. Bei seiner Arbeit kann er wohl nicht delegieren, und seine Frau sitzt zuhause, anstatt sich eine Teilzeitarbeit zu suchen, um ihn zu unterstützen. Nun haben die beiden eine neue Wohnung gekauft, dabei ist das Haus, in dem sie in unserer Nachbarschaft wohnen, noch nicht verkauft. Das ist doch alles Wahnsinn! Was können wir ihnen raten?
C.W.

Liebes Sprachrohr,

es ist schwierig, einer Gruppe von Menschen zu raten, wie sie mit anderen Menschen umgehen sollen, denn in der Regel hat doch jeder eine eigene Wahrnehmung auf die Gesamtsituation, auch wenn es sich manchmal so anfühlt, als wären alle sich einig. Daher möchte ich mich auf eine Perspektive konzentrieren: Deine.

Du machst dir also Sorgen um einen Menschen aus deinem nahen Umfeld. Hat er dich um Rat gebeten? Wünscht er deine Hilfe? Vermutlich nicht, denn dann wäre die Frage wohl präziser, und vermutlich würde sie an anderer Stelle oder von ihm direkt gestellt.

Auch scheint es so, dass er und seine Frau einen Weg gefunden haben, den sie gehen wollen. Und das ist einzig ihre Entscheidung.

Trotzdem betrifft sie auch dich (und deine Nachbarn): Einer (zusammen mit Einer) wird die Gemeinschaft verlassen. Es stehen Veränderungen an.

In wie weit bist du konkret davon betroffen? Vielleicht macht es dich traurig, die vertrauten Menschen gehen zu sehen. Vielleicht – oder sogar vermutlich – bringt es Unsicherheit mit sich: Werden wir uns wiedersehen? Wird der Kontakt bestehen bleiben? Und wie werden „die Neuen“ sein, die dann in die Straße ziehen? Werden sie sich integrieren?
Bist du bereit, neue Menschen in dein Leben zu lassen? Oder wirst du dir erlauben, potenzielle Neue eine Weile zu beobachten oder gar zu ignorieren, bis du so weit bist?

Und natürlich kann es sein, dass es dir bei deinem Nachbarn um einen Menschen geht, dessen Wohl dir so wichtig ist, dass du es ihn wissen lassen möchtest. Wenn dem so ist, dann kann es ein Gespräch zwischen euch beiden eröffnen, ihm zu sagen, was dich bewegt, was du mit Blick auf ihn bei dieser Entwicklung empfindest und was du dir für ihn wünschst.

Ich wünsche dir von Herzen viel Erfolg,

Katharina