Kampf gegen die Leere

Bild von No-longer-here auf Pixabay

Mein Name ist Raffaela, ich bin 41 Jahre alt und beruflich erfolgreich. Mir wird oft gesagt, dass man meine fröhliche Art mag, doch das kann ich kaum glauben. Es ist doch nur eine Fassade!
Ich versuche, meine Probleme aktiv anzugehen, zum Beispiel mache ich gerade einen Fahrkurs, weil ich mich beim Autofahren sehr unsicher fühle.
Aktuell bin ich schon mehrere Jahre Single, denn immer wieder geschieht es, dass ich in einer Beziehung in starke Abhängigkeit von meinem Partner gerate. Weil ich sehr unsicher bin, suche ich ständig die Bestätigung durch meinen Partner. Das hat bisher jede Beziehung zerstört.


Ich denke, das hat mit meiner Kindheit zu tun. Ich bin ohne Vater aufgewachsen. Er starb, als ich ein kleines Kind war. Meine Mutter hatte später nicht viel Liebe für mich, sie war mit sich selbst und dem Leben überfordert. Dabei leben meine Großmutter und meine Tante in der gleichen Straße. Selbst meine guten Leistungen in der Schule waren ihr egal.

Oft fühle ich mich depressiv und es fällt mir schwer, einen Sinn im Leben zu sehen. Im Grunde mag ich mich selbst nicht und wundere mich über meinen beruflichen Erfolg. Wenn ich mich mit anderen vergleiche, schneide ich in meinen Auge schlecht ab.
Das Schlimmste ist diese innere Leere und die ewige Frage nach einem Sinn für mein Leben.
Sehen Sie eine Chance, dass ich lernen könnte, positiver in die Zukunft zu blicken und Dinge zu finden, die meinem Leben Erfüllung bringen?

Bild von Peter H auf Pixabay

Liebe Raffaela,
ja, diese Chance sehe ich! Auch wenn mir im Moment erst einmal Schwere und Schmerz regelrecht aus Ihren Zeilen entgegenspringen. Schließlich tun Sie bereits vieles, um Ihre Situation zu verändern. Und doch merken Sie, dass Sie nicht an die wesentlichen Punkte kommen.

Nach Außen können Sie Veränderungen vornehmen, können Menschen von sich überzeugen oder einnehmen. Auch einen Partner zu finden ist Ihnen schon mehrfach gelungen. Trotzdem hadern Sie mit sich selbst und leiden an der inneren Leere.

Tatsächlich schließe ich mich Ihrer Vermutung an, dass Ihre Kindheit hier viel begründet hat – denn wie sollen Sie ein Fundament von Selbstwertgefühl haben, wenn es Ihnen nicht durch andere, wichtige Bezugspersonen, gegeben wurde? Selbst ihr beruflicher Erfolg, der auf anscheinend faktisch guten schulischen Leistungen aufbaut, kann Ihnen bisher keine Wertigkeit vermitteln.
Was sich hier zeigt, sind die Schwäche des „So tun, als ob“ und der Verhaltenstherapie: Ihnen fehlt nicht das Wissen darum, wie ein erfolgreiches Leben funktioniert und auch nicht die nötige Aktivität dazu, sondern dass Sie nicht annehmen können, was ist. Ihnen ist die Sicht auf Ihre eigene Liebenswürdigkeit und auf Ihre Fähigkeiten verstellt, weil Mangel in Ihnen alles andere verdunkelt.  

Und so kann der Weg nur dahin gehen, sich Ihrer selbst anzunehmen, sich selbst lieben zu lernen und auch dem Schmerz zu begegnen, damit er seine Aufgabe erfüllen kann.
Sie können einmal mehr über Techniken und Methoden arbeiten, um Ihrem Kopf klar zu machen, was alles in Ihnen und Ihrem Leben steckt.

So können Sie zum Beispiel in einem Tagebuch Ihre Gedanken so aufzuschreiben lernen, bis Sie selbst sagen: „Genau! So sehe ich es, so spüre ich es, ich verstehe mich!“.
Sie können sich vor Augen führen, dass es sehr wohl Menschen in Ihrem Umfeld gibt, die sie zu schätzen wissen und die sie gern haben. Wieder und wieder und wieder. Bis Sie es sich erlauben können, anzuerkennen, dass hierin Wahrheit steckt; dass dies Beweis genug dafür ist, dass Sie liebenswert sind. So kann es vielleicht früher oder später in Ihrem Herzen (oder anders gesagt: in Ihrem Selbstverständnis) ankommen und eine Veränderung einleiten.
Ganz ähnlich können Sie sich ihrem Körper zuwenden, ihn freundlich umsorgen, berühren, massieren etc. und sich dabei bewusst machen, welche Dienste er (Ihnen) leistet. Dazu können Sie einen Körperteil (oder mehrere) auswählen, die sie eher mögen – oder schwieriger: sich Bereichen zuwenden, die Sie nicht mögen.

Letztlich führt der Weg immer über Ihr Gefühlsleben. Welchen Weg Sie auch gehen, es ist immer die Auseinandersetzung und Akzeptanz, das Wahrnehmen und Fließenlassen von Gefühlen, wodurch Veränderung entsteht. Ob Sie dies nun logisch angehen, im Gespräch, durch Meditation, Kontemplation, Reflexion oder mit emotionsorientierten Techniken – Veränderung geschieht, wenn es ehrlich wird, wenn jegliche Verstellung aufhört und sich zeigen kann, was da ist.

Die Leere selbst ist nichts anderes als eine (Schutz-)Schicht vor all den Emotionen, die bisher ihr Ziel nicht erreichen konnten. Sie verbirgt Verzweiflung, Angst, Wut und anderes. Direkt hinter der Leere sind Gefühle und somit Lebendigkeit, wenn auch teilweise verbunden mit manchem Schmerz.

Doch alles, was Sie Ihren Emotionen nahe bringt, hat die Macht zur Veränderung.

Ich empfehle systemische Aufstellungsarbeit oder körperorientierte Techniken (die z.B. Gedanken mit Körperempfindungen in Verbindung bringen und über den Körper weiter erkunden) wie zum Beispiel auch das Brainspotting. Sie können tiefgreifende Veränderungen auslösen. Eine vertrauensvolle, tragfähige Beziehung in einem therapieartigen Kontakt kann sie dabei deutlich unterstützen.

Und so wünsche ich Ihnen alles Gute,
Katharina Hirsch

Ein wertvoller Impuls von Mr. Rogers

„Würden Sie etwas mit mir machen?“, fragt Tom Hanks in seiner Rolle als „Der wunderbare Mr. Rogers“ sein Gegenüber, den Journalisten Lloyd Vogel.
„Eine kleine Übung, die ich hin und wieder mache: Wir denken eine Minute an Leute, die uns mit ihrer Liebe zu dem gemacht haben, was wir sind.“

Wann haben Sie zuletzt daran gedacht, wie die Begegnung mit einem bestimmten Menschen Sie beeinflusst, geprägt, vielleicht verändert hat?

Mir fallen dazu Musikstücke ein, die ich durch andere kennengelernt habe – und die dazugehörigen Interpreten, die mich danach eine Weile begleitet haben oder noch immer bereichernd auf mein Leben einwirken.

Ich denke an das „ist in Ordnung, Schatz“ einer früheren Freundin und Kommilitonin, deren akzeptierende Haltung mir gegenüber, das mir heute ein aktiver Anker und eine Bestärkung für die Erfahrung ist, was Akzeptanz eben bewirkt – Entspannung und Öffnung für Richtungswechsel. Im Denken, Fühlen, Handeln können.

Die Neigung eines Ex, das Zeit-Magazin-Rätsel „Um die Ecke gedacht“ zu lösen und das Lexikon zu Rate zu ziehen hat mich gelehrt, nachzusehen. Zu überlegen: Wer oder was kann mir jetzt bei meiner Suche nach einer Antwort weiterhelfen? In der Schule habe ich das interessanter Weise nicht gelernt – obwohl ich gern zur Schule gegangen bin.

Ich mag also diesen Impuls, den Mr. Rogers da gibt. Die Übung bietet enorm viel an:

  • Sich einfach zu erinnern;
  • Sich an wertvolle Momente zu erinnern;
  • Sich zu erinnern und die Erinnerung zu genießen, zu schätzen, darin einzutauchen und damit aufzuladen;
  • In der Erinnerung Geschichte, eine Basis, innere Schätze zu finden;
  • Sie kann Halt geben, weil wir uns an Verbindungen und förderliche Beziehungen erinnern können, die uns fühlen lassen, nicht allein zu sein – nicht allein gewesen zu sein.
  • Sie kann Trost bringen, wenn wir erkennen: In der Erinnerung an Begegnungen in der Vergangenheit ist das damalige Gegenüber zu einem Teil in uns selbst geworden. Eine positive Erinnerung, die in uns lebt – auf immer – und weiterwachsen kann.

Lassen Sie uns eine Minute lang an Menschen denken, die uns mit ihrer Liebe zu dem gemacht haben, wie wir heute sind.

*Foto: Michal Jarmoluk auf Pixabay

Podcästchen: Dein Licht in der Dunkelheit

Egal, wie tief die Dunkelheit ist – sie hat keine Chance gegen (dein) Licht Bild: sasint auf Pixabay

Besser leben in Schlechtwetterzeiten

Zu leben mit Trauer, Kummer und Gram, nach einem Verlust, vielleicht einer Trennung, ist wahrlich nicht einfach.

Und dann ist da noch die Sache mit dem Wetter…

Schlechtes Wetter kann ein Segen sein. Oder ein Fluch.
Sonnenschein kann ein Segen sein. Oder ein Arsch*.

Und so sind manche manchmal dankbar für trübe Tage – wenn die eigene Stimmung sich deckt mit dem Grau da draußen; wenn sie gedeckelt wird von einem wolkenverhangenen Himmel vor der Tür. Mit ein wenig Glück ist es dann möglich, im Haus zu bleiben, in der Wohnung, im Bett. Wenn nicht – auch egal. Angeblich.

Sich einigeln zu können und nichts zu müssen, sich verweigern zu können ist manchmal ein Vorteil des Single-Daseins. Die Anforderungen bleiben flach. Der Preis: Aufmunterungen obligen der eigenen Verantwortung.

Dabei zeigt sich immer wieder eins: Dem Raum geben, was gerade ist – der Trauer, der Schwere, der Trübnis – ohne Gegenwehr, einfach nur da sein lassen… tut oft gut. Immer mal wieder wandelt sich dann das Einheitsgrau, der Kummer, die Schwäche, in einen Hauch von Lebendigkeit oder auch mehr – denn so ist sie, die Natur von Sein. Veränderlich. Und sei es in Nuancen.

Das zu wissen, kann helfen. Wenn es denn helfen darf. Im Trüb des Verlustes oder des Mangels, aber auch im Erlauben von etwas mehr Leichtigkeit, wenn sie sich zeigt oder gar im Ausprobieren von manch doch (was ein Scheiß*) hilfreicher Technik…

Die Natur von Sein:
Veränderlich.
Und sei es in Nuancen

Wie in Momenten, wenn es dann doch greift, dieses angebliche „Egal“, das in Wahrheit gar nicht egal ist, wenn man doch hinaus muss… Vielleicht mit Widerstand, Widerwillen, schwer und schlapp – und wenn es dann spürbar wird: Wetter ist Leben. Draußen ist (mehr) Licht. Selbst an grauen Tagen.

Ob ich will oder nicht: Rausgehen verändert etwas. Und irgendwie tut es gut – und ganz besonders an Tagen, an denen die Sehnsucht groß ist nach ein klein wenig Leichtigkeit, aber die Kraft gering für eine selbstinduzierte Stimmungsaufhellung.

In solchen Momenten sind jene im Vorteil, die in Gemeinschaft leben… Wenn Andere Sinn und Kraft geben; Andere, für die es sich zu leben lohnt, aufzustehen lohnt, auch in schweren Zeiten.
Doch wenn das graue Wetter da draußen eine zusätzliche Last bildet auf der Schwere des Seins, und es solch eine Wohltat wäre, ein klein wenig mehr Licht und Leichtigkeit zu erleben… Dann ist es ein Fluch.

Dann wäre oder ist Sonne von Nöten, und besonders hilfreich. Denn wenn sie scheint, wenn sie die Wohnung zum Leuchten bringt und Farbe hinein, wenn ihr Licht und ihre Kraft den Schleier der Schwermut durchwebt und Farbe ins Gemüt bringt, dann ist sie ein Segen, der den ganzen Tag aufhellt.

Und doch, blankem Hohn gleich, kann sich ein sonniger Morgen dem schweren Herzen aufdrängen: „Hey, da bin ich! Das lachende Leben! Freude, Geselligkeit, Licht, …“.

Arsch!*

Wenn die Kraft gerade nicht da ist, all das zu sein: freudig, gesellig, lachend. Was für eine Herausforderung, gar Überforderung kann da eine muntere Wetterlage sein! Wenn die Menschen um einen herum angesteckt sind, elektrisiert, aufgeladen von Licht und Wärme und guter Laune – dann ist es so anstrengend, so zu tun, als könne man mithalten, wo man es in Wahrheit doch gar nicht kann!

Und so bleibt es dabei – es wirkt erleichternd, dem Raum zu geben, was gerade ist. Im eigenen Gemüt, an diesem Tag. Und seien es drei Minuten auf der Toilette bei der Arbeit – den Kopf vielleicht in die Hände gestützt, die Augen geschlossen, getragen vom Möbel – nur für einen kleinen, bewussten Moment. Am besten wissend, ihm mehr Raum zu geben zu einer Zeit, da es möglich ist. In einer Zeit der zurückgezogenen Ruhe oder mit einem zugewandten Gegenüber. In einem Gespräch oder bei einem Ritual der Selbstfürsorge oder der Erinnerung, einer Meditation oder einer kleinen Yogareihe…

Und dem Wetter danken – oder ihm sagen: Du kannst mich mal!

*Fluchen und Schimpfworte nutzen, entstresst. Mehr dazu hier oder auch hier.

Trauer einfach gemacht

Als meine Oma starb, ging einer der wertvollsten Menschen aus meinem Leben.

Natürlich (?) war ich traurig. Natürlich (?) habe ich geweint. Noch heute kommt es vor, dass ich an sie denke, eine Schnute ziehe und ein kindlicher Teil sagt: „Das ist doch blöd!“. „Das“ meint, dass sie nicht mehr da ist. Ein Anflug von Bedauern und vermissen. Zum Beispiel ihre megaweichen, dauergewellten Haare. Ihre weiche Haut. Ihre warmen Umarmungen. Ihr Haus. Ihr Dorf.
Meine Oma war eine Kuscheloma.

Ich hatte mir gewünscht, dass meine Kinder sie kennenlernen. Weil sie mir eine tolle Oma war.
Ihr Kommentar?
„Bis du Kinder bekommst, bin ich längst nicht mehr da!“
Das nahm ich ihr übel!

Ich war nicht wichtig genug, als dass sie leben würde… So sah ich es.

Mit der Trauer ist es, wie mit allen Gefühlen: Kommt sie EIN-fach, ist sie.
Genau das. Sie ist, wie sie ist. EIN-fach.
Und alles, was einfach ist, ist weniger schwer.
Weniger schwer, als wenn es verworren, verwickelt, vermischt ist.
Alles, was einfach ist, darf sein.
Alles, was einfach ist, damit lässt sich – eben einfach – umgehen. In eine Richtung. Auf eine Art. Und das macht es leichter.
Nicht unbedingt leicht.
Aber leichter.
Oft steckt sogar Kraft dahinter oder darin, und kann wie ein Geschenk wirken.
Einfach gefühlt und einfach gelebt, gehen Gefühle vorbei, und anschließend ist da wieder Platz und Kraft für das, was eben anschließend da ist und/oder ansteht.

Da ich mich von meiner Oma verabschieden konnte – da ich wußte, dass sie sterben würde – und auch wußte, dass sie „die Nase voll hatte“ – war die Tatsache, dass sie bald sterben würden, als es absehbar wurde und als sie schließlich gestorben war, relativ einfach.

Vorher jedoch – war ich stinkig. Persönlich verletzt, enttäuscht – und nicht bereit, sie gehen zu lassen!

Ich hatte Glück.
Ich konnte den Knoten lösen, bevor sie starb.

Es muss etwa ein Jahr zuvor gewesen sein, als ich begann, meinen Frust und meine Enttäuschungen in Briefe zu stecken. Briefe an jene, die mich frustriert und enttäuscht hatten. Jedes Mal, wenn ein Thema mich umtrieb, begann ich, dies in einen „Brief“ an den „Auslöser“ zu fassen.

Das eindrücklichste Erlebnis* hatte ich mit dem Sterben meiner Oma.

Ich schrieb ihr, dass ich sie liebe. Wie wichtig sie mir sei. Das sie mir eine tolle Oma gewesen war!
Wenn ich als Kind bei ihr geschlafen hatte, hatte der Tag mit einer Runde kuscheln ab 9 Uhr begonnen. (Davor weigerte sie sich, wach zu werden!)
Abends vorm Fernseher hatte ich ihr die Haare gebürstet oder sie mir die Beine gekrault.
Ihre Umarmungen waren nah und kuschelig gewesen.
Sie war sehr klar und fair ihren Enkelkindern gegenüber. So bekam z.B. jede(r) bis zum 18. Geburtstag einen gewissen Geldbetrag. Danach nicht mehr. Punkt.
Man wußte, woran man bei ihr war.
Ich fand das gut.
All das schrieb ich ihr.

Und dann kam in etwa dies:
„Du warst mir eine so gute Oma, dass ich mir nichts schöneres vorstellen kann, als dass meine Kinder dich kennenlernen. Und es ist dir egal!
Das nehme ich dir übel.“

Da ich begann zu weinen.

Ich weinte,
bis ich
nicht mehr weinte.
Und es war in Ordnung.

Ich las den Text mehrmals. Und jedes Mal steigerte sich mit den Zeilen der Schmerz bis zu dieser Stelle, wo sich die gefühlte Zurückweisung in Tränen und Schluchzen Bahn brach.

Nach einer Weile jedoch hörte der größte Kummer auf.
Ich las die Zeilen wieder, und ich stimmte jeder einzelnen zu. Dies alles war meine Wahrheit. Klar und echt.
Die Aussicht, dass meine Oma gehen wollte und bald gehen würde – es war damals schon abzusehen – blieb mit Bedauern um den Abschied behaftet.
Doch in mir hatte sich etwas geändert.

Ich änderte den Satz „Und das nehme ich dir übel“ in „Das nahm ich dir bis jetzt übel. Aber wenn du gehen möchtest, dann ist es jetzt für mich ok. Dann bin ich bereit, dich gehen zu lassen!“.

Und es war wahr.

Als es schließlich soweit war, da habe ich sehr geweint. Ich hatte sie gerade noch einmal besucht. Ich sehe mich noch, wie ich gemeinsam mit meiner Mutter auf dem Parkplatz stehe. Weinend. Wissend, dass es das letzte Mal gewesen sein würde.
Aber es war einfach. Ich weinte, bis ich nicht mehr weinte. Und dann fuhr ich.

Bei der Trauerfeier – weinte ich. Und lachte ich. Und es war in Ordnung.

Als ich nach 11 Jahren (1,5 Jahre später) wieder eine eigene Wohnung bezog, dachte ich:
‚So. Jetzt noch Oma anrufen, und dann bin ich angekommen!‘.
Doch dann fiel mir ein, dass Oma nicht mehr da ist.
Mist.
Ein Gedanke.
Eine Reaktion.
Bedauern.
Aber kein Schmerz. Kein Kummer. Kein Groll. Einfach: Mist.

Heute ist mir meine Oma nicht mehr so nah. Es ist soviel Leben passiert seither, indem sie kein Teil mehr war, dass ihr Platz in den alten Erinnerungen ist. Manchmal – sehr selten mittlerweile – grüße ich sie unvermittelt, dann ist sie eben doch für einen Augenblick ganz nah. Und ich genieße es. Schön, dass sie war. Und vielleicht ist sie ja irgendwie sogar noch. So fühlt es sich zumindeste für mich an. Als hätte sie mal eben bei mir vorbeigeschaut.

Ein Hauch von Bedauern kann dann aufkommen. Einen Atemzug lang, vielleicht zwei. Ich atme es ein, und ich atme es aus. Kurz, ganz automatisch und völlig in Ordnung. Schließlich ist das Leben ohne sie. Das ist blöd.  

Aber es ist einfach. Und vergeht. Ganz einfach.

*Ich habe seither viele, viele Male und Themen auf diese oder ähnliche Art behandelt. Dabei habe ich wieder und wieder erlebt, wie befreiend es wirkt, Unausgesprochenes zu formulieren und Verworrenes zu klären. Und es waren tiefergehende Themen dabei als diese Verletzung, von der ich hier schreibe – aber dies war die erste für mich so deutlich wirksame Erfahrung damit.

Brainspotting – Spritzenphobie adé!

Im Alter von 9 Jahren musste mir vom Kieferchirurgen ein überzähliger Zahn herausoperiert werden.
Als die zahnmedizinische Fachangestellte die aufgezogene Spritze über mich hinweg an den Arzt übergeben wollte, flog mein Arm nach oben – und die Spritze in hohem Bogen durch den Raum.
Ein purer Reflex!
Spritzen machen mir einfach großen Stress.
Der Kieferchirurg schimpfte mit mir. Mein Vater schimpfte mit dem Kieferchirurgen und dessen Mitarbeiterin. Danach ging alles seinen Gang.

Nur die Angst vor Spritzen hat sich nicht verändert.
Trotz vieler Anläufe mit versuchter Tapferkeit ist es klüger, dass ich mich hinlege, wenn mich jemand pieksen will. Sämtliche Versuche, mir bewußt zu machen, dass der Einstich in keinem Verhältnis zu meiner Angst steht, scheiterten bisher kläglich. Ich weiß, wie ich mich ablenken oder nach und nach runterregeln kann. Es geht schon. Immer mit einigem Aufstand. Nur – weg… ging die Angst bisher trotzdem nicht!

Ich weiß, dass ich damit nicht alleine bin. Etwa 3 Prozent der Menschen in Deutschland haben mit mehr oder weniger starker Angst vor Nadeln zu tun. Wie auch ich, können viele mit allerlei Tricks lernen, ihr Angst zu kontrollieren. Doch Angst-Kontrolle ist nicht das Gleiche, wie angstfrei zu sein. Kontrolle muss ich immer wieder ausüben. Angstfreiheit – ließe mich einfach entspannt bleiben. Ich will die Freiheit!

Spritzenphobie ist keine Kopfsache. Die Angst steckt in den Knochen, der Körper macht Alarm, er verkrampft, teilweise bis in die Gefäße. Die Anspannung kann Übelkeit bis hin zum Erbrechen verursachen, oder Ohnmacht. In der Regel wissen die Betroffenen, dass ihre Angst der Sache nicht angemessen ist. Helfen tut dieses Wissen nicht.

Oft war selbst die angstauslösende Situation objektiv „nur halb so schlimm“. Und auch wenn bei Einigen schlimme und wiederholte Erfahrungen mit Nadeln die Angst verursacht haben, sind es viel häufiger objektiv betrachtet harmlose Erlebnisse, die der Mensch jedoch als kleines Kind nicht einsortieren und verstehen konnte.
Manchmal entspringt die spätere Angst sogar einfach nur der Beobachtung eines spritzenphobischen Erwachsenen. In diesen Fällen ist sie am Modell gelernt. Eigentlich ist dies ein genialer Mechanismus – aber manchmal eben nicht.

Zum Glück lässt sich diese Phobie in den meisten Fällen ganz gut behandeln.
Viele schwören auf Verhaltenstherapeutische Techniken. Ich nicht. Denn dann hätte ich längst keine Angst mehr.
Andere lassen sich durch Hypnose mit Entspannung und Suggestionen helfen. Auch diese hat gute Erfolgsquoten, habe ich gehört.

Ich selbst habe auf Brainspotting gesetzt. Nachdem ich die Technik vor einiger Zeit kennengelernt habe und sie mich sofort theoretisch und praktisch überzeugt hat, ist sie mein aktuelles Lieblingswerkzeug geworden. Brainspotting kommt ohne Fremddeutung oder Input aus. Es arbeitet mit dem, was in der Person selbst ist. Und ich habe es erfolgreich bei meiner Spritzenphobie angewendet.

Brainspotting regt Verarbeitungsprozesse im Gehirn an, indem die eigenen, im Körper entstehenden Empfindungen und Reaktionen durch die Blickrichtung der Augen beeinflusst werden.
Dazu ruft man sich zuerst die zu bearbeitende Situation ins Gedächtnis. Ich stellte mir also vor, mir solle gleich eine Impfung verabreicht werden. Als Reaktion zog sich erst etwas in meinem Bauch zusammen, dann verschoben sich die Empfindungen rasch direkt hinein ins Rückenmark.

Durch die Blickrichtung werden die Empfindungen und Reaktionen verstärkt oder abgeschwächt. So können sie im sicheren Rahmen durchgearbeitet werden und sich abreagieren.

Da viele Menschen mit ihren Emotionen und dazugehörigen Körperreaktionen nicht so vertraut sind, ist es in der Regel sinnvoll, dies durch eine*n Therapeuten/Therapeutin anleiten und begleiten zu lassen. Zum Beispiel durch mich.

Erfahrungen und Erinnerungen können sich zeigen und ganz nach dem eigenen Verständnis neu miteinander in Verbindung gebracht werden. Ich selbst hatte keine inneren Bilder. Nur die Empfindungen.

Irgendwann beruhigt sich der Ablauf.

Und genau so war es – erst dachte ich noch „Holla, wann hört das denn auf?“, im nächsten Moment ließen die Körperreaktionen deutlich nach. Immer wieder rief ich mir die Einstiegsvorstellung ins Gedächtnis – aber die Reaktion wurde nicht mehr so stark und ließ weiter nach. Anfangs wurde es immer leichter bei der Vorstellung des Desinfektionstupfers, der mir näher kam. Dann auch bei dem Bild der Nadel.

Irgendwann atmete ich einmal tief durch und war mir sicher: Wegzuschauen würde ausreichen, um gut durch die Impfung zu kommen. Für totale Freiheit von jeglicher Anspannung würde ich mir später noch einmal Zeit nehmen. Das war mir gerade nicht so wichtig.

Die Theorie konnte ich wenig später und sehr unerwartet in der Praxis meines Hausarztes überprüfen.

Der Tupfer? Null problemo!
Die Nadel? Ich überlegte noch, ob das da gerade ein Pieks gewesen war, oder ob er noch käme – da war es schon vorbei.
Und ja, ich hatte weggesehen.
Aber: Keine Anspannung. Keine Kreislaufprobleme. Und schon gar kein Umkippen.

Mein Fazit: Ich liebe Brainspotting. Es ist einfach genial. Und wirkt nicht nur bei Spritzenphobie. Wenn Sie es auch ausprobieren oder als therapeutische Intervention nutzen wollen, rufen Sie mich gern an!

Gegen die Angst vor Gefühlen

Meine Absicht war es, an dieser Stelle einen Text zu schreiben mit der Überschrift „Gefühle sind nicht gefährlich!“.

Doch das kann ich so nicht. Denn leider ist es nicht wahr. Im Angesicht viel zu vieler Menschen, die entweder andere unterwerfen oder sich selbst einfach nur erhöhen wollen, ist es gefährlich, Gefühle zu zeigen! Viel zu viele Menschen toben sich an jenen aus, die nicht die körperliche und emotionale Stärke haben, sich erfolgreich gegen sie zu wehren.

Ich kann das so nicht schreiben, weil ich gerade mit einer jungen Frau arbeite, die jeglichen Kontakt zur Gegenwart verliert (dissoziiert), sobald es darum geht, sich selbst zu spüren. Dabei wird sie diese Hürde überwinden müssen, um heil zu werden und ein gutes Leben führen zu können*. Einst war die psychische Fähigkeit, sich von den Gefühlen abzuspalten, ihr einziger Schutz, um psychisch – und vielleicht sogar überhaupt – zu überleben. Heute erleidet sie Panikattacken und jeder Tag bedeutet für sie eine einzige Herausforderung.

Und doch haben Sie den Unterschied vielleicht schon bemerkt:

Gefühle an sich… sind nicht gefährlich!
Gefühle zu zeigen kann gefährlich sein.
Manche Menschen sind gefährlich, weil sie ihre Gefühle rücksichts- und gnadenlos ausagieren oder Gewalt anwenden, um ihre tatsächlichen – und vermeintlich schwachen – Gefühle zu verbergen. Meistens ganz besonders vor sich selbst.

Gegen
innere Leere
hilft nur eins:
Fühlen

Und doch liegt genau hier – im Verbergen von Gefühlen, auch und vor allem vor sich selbst – der Kern für Empfindungen von innerer Leere. Von Verlorenheit. Von innerem Tot-sein. Von Schmerz und der Ahnung um Falsch-heit.

Und dagegen gibt es nur ein Heilmittel.
Fühlen.
Gefühle zulassen.
Gefühle ausdrücken.

Das geht auch sozial-verträglich. Selbst wenn es erst gelernt werden muss.
Sogar mit Wut. Mit Scham. Bei Schuldgefühlen. Auch wenn letztere besonders schwer als Gefühl auszuhalten sind. Deswegen braucht es manchmal auch gezielt Unterstützung von außen. Durch Menschen, denen man vertraut.
Gefühle sind informativ. Sie versetzen uns in Bewegung.
Gefühle zu vermeiden verursacht statt dessen – immer Schmerz!

Dabei ist die Natur von Gefühlen, von Emotionen, grundsätzlich sehr vergänglich, sehr fließend!
Das lässt sich schon an dem Wort „Emotion“ ablesen, dessen Ursprung im lateinischen, „ex-movere“ liegt. Es bedeutet: „heraus-bewegen“.

Manche Gefühle lassen uns auf ein Ziel zugehen. Andere lassen uns von einer Gefahr wegstreben. Wieder andere lassen uns ein Hindernis angreifen. Wer dies nicht spürt, nicht wahrnimmt, nicht annimmt, bewegt sich vielleicht in die falsche Richtung – oder erstarrt.

Verschiedene Gefühle und Emotionen haben dabei unterschiedliche Informationen für uns:
So zeigt mir meine eigene Wut, das ich gerade einen mir wichtigen Wert, jemanden oder etwas bedroht sehe. Das will ich nicht zulassen!
Mein Gegenüber wird aus meiner gezeigten Wut hoffentlich schlussfolgern, mich nicht weiter zu reizen!
Wenn ich jedoch meine Wut nicht spüre, kann es sehr schwierig sein, zu wissen, was im Leben mir wirklich wichtig ist. In der Folge kann ich mich hilflos fühlen.
Wenn Wut nicht sein darf – wie soll ich etwas verteidigen, das mir wichtig ist?

Hilflosigkeit – vor allem ungefühlt, unbeachtet, unbeantwortet – kann wiederum in Depression münden.

Oder in Angst.

Angst ist die andere Möglichkeit, auf eine Bedrohung zu reagieren. Angst vor Verlust. Angst um Unversehrtheit. Angst vor Schmerz. Angst vor …
Angst initiiert die Bewegung in die entgegengesetzte Richtung als Wut es tut – Angst lässt uns flüchten.
Wer hingegen seine Angst nicht spürt, wird unvorsichtig. Er wird vielleicht zu viel riskieren – nämlich genau das, wovor die Angst warnt. Gesundheit. Sicherheit. Beziehungen. Erfolg. Das Leben….
Erst wer gelernt hat, mit seiner Angst zusammen zu arbeiten, wird sich auf eine Gefahr vorbereiten. Das Umfeld, wenn es freundlich ist, steht mir bei einem Angstthema zur Seite.

Liebe ist ein Gefühl der Annäherung und des Wohlwollens.
Freude eines des Gelingens und des Kontaktes.
Trauer zeigt einen Verlust an.
Ekel signalisiert, dass hier etwas vorliegt, dass meinem System (körperlich oder ideologisch) schaden könnte.

Gefühle sind nicht gefährlich.
Gefühle sind Leben.
Gefühle sind lebensnotwendig.

*Mit ihr arbeite ich in meinem hauptberuflichen Kontext. Dieser (finanzierte) Rahmen wird in wenigen Monaten wegfallen. Da sie betont, wie sehr ihr unsere Gespräche und meine Unterstützung gut tun, möchte ich ihr auch danach unsere Zusammenarbeit anbieten. Mit Ihrer/Deiner Spende können Sie/kannst Du diese Zusammenarbeit unterstützen.