Ein lebenswertes Leben

Ich (32) lebe allein und finde das gut so. Ich liebe mein Leben, meinen Job und reise gern. Früher hat das meine Familie beeindruckt, aber jetzt reden alle nur noch von der geplanten Hochzeit meiner jüngeren Schwester. Mir graut es vor dem Fest und der Frage, wann es bei mir so weit sei. Ich fühle mich wie eine Versagerin. Dabei weiß ich nicht einmal, ob ich überhaupt heiraten will.
Theresa

Hallo Allein-Reisende,

Ihre Schwester wird heiraten – und Sie fühlen sich als Versagerin, während Sie ihr Single-Leben (angeblich?) genießen.
Was für eine gute Gelegenheit, die Frage nach den eigenen Ehewünschen und jenem möglichen Versagen einmal (wieder) auf den Prüfstand zu stellen.

Denken Sie weiter!

In früheren Zeiten war es für eine Frau tatsächlich bedeutsam, einen Mann zu finden, der sie finanziell versorgte und ihre Sicherheit garantierte. In der Gesellschaft hatte eine alleinstehende Frau einen weniger angesehenen Stand als die Verheiratete.
Auch heute sind es vor allem alleinstehende Frauen, die von sozialer Isolation und Armut im Alter bedroht sind.
Trotzdem ist es schon früher Frauen gelungen, auf sich selbst gestellt zu überleben. Heute können wir Frauen in Deutschland uns (fast) als gleichberechtigt betrachten, und ohne weiteres „unseren Mann“ alleine stehen.

Und wie steht es um die seligmachende, ewige Zweisamkeit? Im vergangenen Jahr (2019) wurden laut dem Statistischen Bundesamt rund 150.000 Ehen in Deutschland geschieden – über ein Drittel der Anzahl an Ehen, die neu geschlossen wurden. Die aktuell durchschnittliche Lebensdauer einer Ehe: knapp 15 Jahre.

Die Ehe ist kein Garant für ein lebenswertes Leben.

Was wäre,
wenn…?

Eine gelingende Ehe zu führen, bedeutet, sich festzulegen und einzulassen. Auf einen Menschen, mit dem gemeinsam man die Aufgaben des Lebens dann angehen muss.
Häufig legen sich (junge) Menschen auf dieses Abenteuer fest, noch bevor sie das Leben oder sich selbst gut genug kennen, um auch nur zu ahnen, was auf sie zukommen könnte oder worin die persönlichen Herausforderungen in ihnen selbst bzw. ihrem Gegenüber bestehen. Wenn es dann schwierig wird, zeigt sich oft: Der andere Mensch, auf den sie sich festgelegt haben, macht die Sache nicht leichter.

Worin genau also könnte ein Versagen bestehen? Darin, sich die Zeit zu nehmen, sich selbst und die Welt kennenzulernen? Darin, zu prüfen, was für Sie ein passender Lebensentwurf sein könnte, der möglichst langfristig funktioniert? Darin, ein mögliches Gegenüber auf den Prüfstand zu stellen, ob es zu ihren Lebensplänen passt? …?

Und dann zu der eigentlichen, neugierigen Frage: Was wäre, wenn Ihre Antwort darauf hieße „Ich weiß es noch nicht“?
Was könnte wirklich passieren? Seien Sie konsequent. Denken Sie weiter, statt nur „mir graut davor“. Wie könnten die Menschen tatsächlich darauf reagieren?
Stellen Sie als Trockenübung ein paar Theorien auf – inklusive positiver Entwicklungen. Die sind nämlich auch möglich.

Ich wünsche Ihnen von Herzen alles Gute,
Katharina Hirsch

Leben mit Nebenbuhler?

Foto: pexels, by pixabay

Vor 7 Jahren habe ich meine Frau kennengelernt. Wir sind wir 5 Jahren verheiratet, unsere Tochter ist 4 Jahre alt. Seit einigen Monaten lebt meine Frau von montags bis freitags in einer WG in einer 100 km entfernten Stadt. Ich kümmere mich um unsere Tochter.

Vor kurzem wollte ich sie überraschen und fuhr abends zu der anderen Wohnung. Ich habe einen eigenen Schlüssel. Dort fand ich sie im Bett mit ihrem Mitbewohner. Unbemerkt ging ich wieder.

Später stellte ich sie zur Rede. Meine Frau sagte, es sei nur Sex. Sie wolle aber nicht darauf verzichten, weil es so einen besonderen Reiz hätte. Auf ihre Ehe und ihre Familie wolle sie auch nicht verzichten. Ich weiß im Moment nicht, wie ich dauerhaft in einer solchen Konstellation leben kann.

T.B.

Lieber Familienvater,

wichtiger als die Frage, ob Sie in dieser Konstellation leben können – theoretisch und für manch einen auch praktisch ist das durchaus möglich – ist die Frage: Wollen Sie das?

Wollen Sie das?

Sie sprechen davon, dass Ihre Frau nichts aufgeben wolle. Schön für Ihre Frau, dass sie sich über ihre eigenen Wünsche und Bedürfnisse im Klaren ist.

Und wie steht es mit Ihnen?

Wie stehen Sie zu der Tatsache, dass Sie ihre Frau entdeckt haben?

Hätte es einen Unterschied gemacht, wenn sie Ihnen gesagt hätte, dass sie sexuelle Wünsche an ihren Mitbewohner hat? Wenn ja, welchen?

Wie fühlt es sich an, ihre Frau montags zu ihm fahren zu lassen, und sie freitags zurückkehren zu sehen? Wie geht es Ihnen in der Zwischenzeit? Und wie in der Zeit, wenn Sie beide zusammen sind?

Welche Frage, welcher Aspekt beschäftigt Sie zur Zeit ganz konkret oder am Dringendsten? Geht es um greifbare Fakten oder mehr um emotionale Befindlichkeiten?

Gehen Sie
Schritt für Schritt

Vielleicht muss nur eine einzige – die wichtigste – Frage klar und deutlich für Sie beantwortet sein, um zu einer Haltung und dazu passenden Handlung zu kommen. Vielleicht zeigen sich nach und nach verschiedene Details, vielleicht sind auch (schon) alle auf einmal da. Auf jeden Fall steht ein Klärungsprozess für Sie an. Gehen Sie ihn Schritt für Schritt.

Können Sie dies gemeinsam mit Ihrer Frau im Gespräch durchlaufen und klären? Benötigen Sie eine neutrale Person, die Ihnen beiden dabei hilft (z.B. ein Paartherapeut)? Oder brauchen Sie viel mehr einen Menschen, der auf Ihrer Seite steht und Sie stärkt (ein guter Freund, eine väterliche/mütterliche Person aus ihrem Umfeld, ein Therapeut oder Coach)?
Als Coach stehe ich Ihnen gerne bei.

Ich wünsche Ihnen von Herzen eine gute Portion Klarheit,
Katharina Hirsch

Abteilungsleiterin in Nöten

Vor Kurzem wurde ich zur Abteilungsleiterin befördert. Das war schon lange mein Ziel, also könnte man meinen, ich würde mich freuen. Das tue ich auch. Fachlich kann ich die Aufgaben gut bewältigen. Doch immer wieder ertappe ich mich dabei, wie ich im Umgang mit meinen Mitarbeitern extrem unsicher werde. Am liebsten möchte ich mich dann in meinem Büro verstecken.

Ich habe ständig das Gefühl, zu versagen und dass die Leute mich nicht ernst nehmen. Bisher habe ich immer versucht, nicht weiter aufzufallen. Mit der Taktik bin ich auch gut durchgekommen. Doch wenn ich jetzt kritisiert werde, fehlt mir jegliche Widerstandskraft. Sicherlich ist vieles nicht halb so schlimm, wie ich meine, aber innerlich bin ich jedes Mal völlig fertig. Manchmal braucht es nur einen schiefen Blick, und schon fühle ich mich ganz klein und unfähig, angemessen zu reagieren.

Später bin ich dann wieder wütend auf mich selbst, weil ich so unfähig bin.
Den ganzen Stress nehme ich auch noch mit nach Hause und liege dann nachts oft wach. Wenn das so weiter geht, halte ich auf der Stelle nicht lange durch.

Hallo Abteilungsleiterin,

erst einmal: Herzlichen Glückwunsch!
Sie haben sich ein Ziel gesetzt, und Sie haben es erreicht! Dazu haben Sie nicht nur fachlich, sondern auch persönlich überzeugt. Es gibt in Ihrem Arbeitsumfeld also Menschen, die in Ihnen das ganze Potenzial sehen, die Aufgabe auszufüllen.

Ich kann…!

Auch Sie selbst sind offenbar davon überzeugt (genug), dass in Ihnen die Fähigkeiten stecken, die (An-)Leitung einer Abteilung zu übernehmen. Schließlich hatten Sie den Mut, sich auf die Stelle zu bewerben.
Welche Fähigkeiten sind es, die Sie selbst überzeugt haben? Wie haben Sie es geschafft, so weit zu kommen? Wie haben Sie es geschafft, andere von sich zu überzeugen?

Das ist Ihre Basis. Das ist Ihr „Kapital“. Machen Sie es sich bewusst. Wieder und wieder. Bis Sie es auch glauben.

Mein Vorschlag an Sie: Schreiben Sie es auf.

Sie könnten die Aussagen beginnen mit:
Ich kann…!
Ich weiß, wie/dass…!
Es ist mir schon gelungen, …!
Wenn abc, dann kann/weiß/mache ich xyz….

Vielleicht gibt es auch (in Ihrem Fall besonders wertvolle) Beispiele von
„Andere sagen, ich kann/weiß/mache…“.

Wenn Sie mit der Sammlung Ihrer Stärken fertig sind, hängen Sie diese Informationen an einen Ort, an dem Sie immer wieder diese Selbstbestätigungen, die auf Erfahrung und/oder Fremdeinschätzungen basieren, lesen können. Zum Beispiel in Ihrem Zuhause an den Badezimmerspiegel, an den Kleiderschrank, an die Ausgangstür oder jeden anderen Ort, der Ihnen passend erscheint.

Außerdem verwahren Sie ein zusätzliches Exemplar griffbereit in der Handtasche. So können Sie im Zweifelsfall immer wieder eine Portion Selbstachtung und Selbstwertbestätigung tanken.

Sollte die Taktik der positiven Selbstbestärkung nicht (gut genug) funktionieren, dann empfehle ich Ihnen, dass Sie sich aktive Unterstützung durch ein Gegenüber – in einem begleitenden Coaching oder durch eine Therapie – suchen. Dann könnten Sie im Dialog und bei wohlmeinender Unterstützung die Ursachen Ihrer Unsicherheit ergründen, die Vorteile ihrer bisherhigen Lieblings-Taktik würdigen und ggf. aufgekommene Fremd-Kritik hinterfragen lernen.

Außerdem böte es sich an, Techniken zur Stressreduktion zu erproben, um auf Dauer mehr innere Ruhe zu entwickeln.
Doch dies würde hier zu weit führen.
Daher verbleibe ich damit, Ihnen

von Herzen alles Gute

zu wünschen!

Ein Weltbild stürzt ein

Foto: Kat Jayne, von Pexels

Liebe Katharina,

nach einer Reise bricht gerade meine Welt zusammen: Beim Anblick meiner Wohnung möchte ich einfach nur in die Knie sinken vor Entsetzen, wie lieblos ich mit meinem Umfeld umgehe. Auf einem Foto musste ich erkennen, dass ich die Dickste unter meinen Bekannten bin – dabei lästere ich ständig über jede Schwäche bei Anderen. Bei meiner (sozialen) Arbeit glaube ich wegen meiner direkten Art auf Ablehnung zu stoßen. Es wird immer schwerer, das alles irgendwie zu überspielen. Was kann ich tun?

Christine

Hallo Erschütterte,

ganz oberflächlich betrachtet, liegt die Antwort auf der Hand:

Schritt 1 – Prüfe, was genau du verändern möchtest.
Schritt 2 – Finde heraus, wie du es angehen kannst. 
Schritt 3 – Tu es.

Allerdings habe ich den Eindruck, es geht hier nicht um die Problemfelder Wohnungsgestaltung, Diät und Sport oder Kommunikationstechniken, sondern um ein anderes Thema: Selbstwert und (Selbst-)Akzeptanz bzw. Annahme.

Ich habe den Impuls, dir zu sagen: Nimm dich fürs Erste selbst in den Arm. Und das gern wirklich konkret (muss ja niemand sehen). Oder wende dich an einen Menschen, den du darum bitten kannst. Solche Einsichten sind manchmal schwer zu ertragen.

Und vielleicht weißt du schon lange um diese Unstimmigkeiten. Vermutlich hast du eine damit einhergehende Selbstabwertung bisher erfolgreich abgewehrt: zum Beispiel durch aktive Ignoranz (z.B. „blind“ für den Zustand deines Umfeld) und Fremdabwertung (lästern).

Nun aber wird es immer schwerer, diese Kluft aus Vorstellungen oder Erwartungen versus Realität zu überbrücken.

Auch wenn Viele es nicht wissen: Es kostet Kraft, unwillkommene Gedanken wie „der mag mich nicht“ oder „ich sehe so hässlich aus“ beiseite zu schieben. Denn wir tun dies (meistens unbewusst), in dem wir Muskeln anspannen, den Atem anhalten oder unsere Aufmerksamkeit verschieben. Diese Vorgänge kosten den Körper Energie.  Wenn sich die Baustellen noch dazu mehren, wird es umso schwerer, diese Energie aufzubringen.

Es ist also mehr als esoterisches Geblubber wenn es heißt, Körper, Geist und Seele seien eins. Wir reagieren mit dem Körper, über Hormone und Nervenimpulse, mit Muskeln und Organen, auf Gedanken und Gefühle.

Im Gegensatz dazu bedeutet Selbstannahme, zu akzeptieren, wie wir sind oder nicht sind, wie wir handeln oder nicht handeln, wie wir fühlen oder nicht fühlen, was wir denken oder dass wir überhaupt denken. Mit dem Nebeneffekt: Keine Muskelanspannung, kein Luftanhalten, keine Ablenkung.

Sei achtsam im Umgang mit dir selbst, und wenn du merkst, dass es zu schwierig ist, dich dir selbst konzentriert zuzuwenden, dann hole dir bitte Unterstützung bei guten Freunden, einfühlsamen und vertrauenswürdigen Zuhörern oder Fachleuten.

Wie also kannst du vorgehen?

Es geht darum, dass du dich dir und deinen Wahrnehmungen und Empfindungen aufmerksam und freundlich zuwendest.

Dazu solltest du wissen, dass Emotionen Gefühle sind, die uns in Bewegung „hin zu“ oder „weg von“ einer Sache bringen wollen. Und diese Gefühle haben die Eigenschaft, sich schnell zu verändern – wenn ihnen keine Bremse (in Form von Anspannung) gesetzt wird. Wenn wir verstehen, wozu uns eine Emotion bewegen will – und der erste Handlungsimpuls verflogen ist – können wir nach einer sinnvollen Lösung Ausschau halten. Oft steht sie uns dann sogar klar und deutlich vor Augen, da die hilfreiche Verhaltensweise nicht mehr von der Emotion selbst vernebelt wird.

Kurz gesagt: Emotionen sind unsere Freunde. Wir müssen sie jedoch „zu nehmen“ lernen.

Nimm dir also ein wenig Zeit, in der du ungestört bist.

Beobachte deinen Atem. Auch er ist ein guter Freund, der dich unterstützt, das Leben (und Emotionen) fließen zu lassen. Den Atem zu beobachten kann generell sehr entspannend sein.
Dann erinnere dich an den Moment deiner Erkenntnis. Spüre in deinen Körper hinein, irgendwo wird er reagieren: mit Anspannung, kribbeln, Wärme, pulsieren, einem Unwohlsein, Aufregung….

Lasse deine Aufmerksamkeit auf dieser Reaktion ruhen. Erinnere dich wieder an deinen Atem, lasse ihn möglichst sanft und gleichmäßig fließen. Beobachte die Regung in dir weiter, und beobachte dein Denken. Vielleicht entstehen auch innere Bilder oder du hörst etwas. Lerne das Zusammenspiel aus Körper und Geist kennen. Lerne die Zusammenhänge kennen. Lasse deinen Atem weiter fließen.

Früher oder später wirst du vermutlich seufzen oder tief durchatmen. In diesem Moment hast du die Anspannung rund um die Reaktion losgelassen, vielleicht hast den Zusammenhang erkannt. Voraussichtlich fühlst du dich dann deutlich ruhiger und vielleicht so etwas wie Frieden in dir.

Ich wünsche dir von Herzen viel Erfolg!
Katharina