Was der Körper mit dem Denken zu tun hat

Auf der Suche nach einem Anfang für meinen Text – oder überhaupt einem Thema – lasse ich den Blick durch den Raum gleiten. Gerade eben war mir aufgefallen, dass ich unbewegt aus dem Fenster sah – aber bisher war mir von dort noch keine Idee über den Weg gelaufen, keine Eingebung ins Gehirn getropft.

Bewusst – und zu meiner Überraschung sogar gegen einen Widerstand! – bewegte ich den Kopf zur anderen Seite. Plötzlich schossen mir Erinnerungen an meine Schulzeit durch die Gehirnwindungen: Obwohl meine Klasse mehrere Jahre lang den gleichen Klassenraum belegte, saßen wir – also: zumindest ich – immer mal woanders.

Somit hatte ich auch immer mal wieder einen anderen Blick: auf den Raum, in die Gegend, auf meine Klassenkameraden und so weiter.

Lustig, was einem so alles durch den Kopf gehen kann…

Als Schülerin hatte ich kein Problem damit, bei einer Klassenarbeit erst einmal mehrere Minuten lang in die Gegend zu starren, während sich das Material in meinem Kopf zusammensortierte. Heute fühle ich mich faul, wenn ich mir diese Zeit nehmen will… tz.

Aber ich bin abgeschweift. Wo war ich noch?

Ach ja – auf der Suche nach einem Thema oder gar Textanfang. Und die Kopfbewegung hatte ich willentlich eingeleitet, weil die Änderung der Blickrichtung verändern kann, was mir in den Sinn kommt.

Fachlich weiß ich das, seit ich der Methode des Brainspotting begegnet bin. Schließlich eignet sich Brainspotting nicht nur, um psychisch belastendes Material (mehr oder weniger bewusst) abzuarbeiten und zu sortieren, sondern auch, um kreative Verbindungen hervor zu rufen.

Rein sachlich – kann das vermutlich jede(r) an sich selbst beobachten, wenn sie/er bei inneren Suchprozessen nach Gedanken und Erinnerungen genug Aufmerksamkeit für die Beobachtung ihres/seines Tuns aufbringen kann.

Was ist dann zu beobachten?

Da sind Augenbewegungen nach rechts und links, oben und unten – als suchten wir ganz konkret nach etwas. Tun wir ja auch. Nur statt des Autoschlüssels nach etwas in unseren Gehirnwindungen.

Manchmal fangen wir an zu zwinkern, fast, als würden wir eine Strichliste abchecken oder vielleicht Haken an „gefundenes“ oder neu zu integrierendes Material setzen. Das passiert auch, wenn wir vielleicht nicht einmal einen konkreten Gedanken ausmachen können.

Gelegentlich macht auch der Kopf dabei mit.

Ich selbst beobachte, dass sogar mein Körper sich einklinkt und in Bewegung kommt. Dabei tue ich mir manchmal den größten Gefallen, wenn ich dies zulasse. Das wirkt dann wie ein tatsächlicher – äußerer – Stellungswechsel zu der zu betrachtenden Sache oder einem Argument, einer Perspektive…

Erlaube ich meinem Körper, sich zu beteiligen, können meine Gedanken besser fließen. (Es darf allerdings auch nicht zu viel werden – sonst wirkt es ablenkend vom Denkprozess). Hemme ich hingegen meinen Körper komplett – so kommt auch mein Denken ins Stocken. Oder die fehlende Körperbewegung wird durch gesteigerte Augenbewegung kompensiert. Beides fühlt sich dann wiederum anstrengend und unangenehm an.

Dazu fällt mir dann wiederum mein Lieblingsangebot des „Walk & Talk“ ein, und dass es wissenschaftlich als hilfreich erwiesen ist, Themen beim ziellosen Schlendern (im Grünen) zu durchdenken.

Sag ich doch – dann kommt alles viel besser in den Fluß…

Wobei im Gegensatz dazu beim Brainspotting der Fokus auf einen konkreten Punkt gehalten wird… Hm, nein, diesen Ansatz verfolge ich jetzt nicht weiter. Da bekomme ich ja gleich einen Knoten in den Kopf…

Aber vielleicht hast du/haben Sie ja eine andere Meinung dazu!?

Herzliche Grüße,
Katharina Hirsch

Die verlorene Zukunft

Auf Kinder verzichten? Für ihn schon. Doch dann ist sie plötzlich schwanger.

Against all odds – allen Widrigkeiten zum Trotz

Am Telefon klingt ihre Stimme zart, fast zerbrechlich. Vor meinem inneren Auge sehe ich langes, hellblondes Haar, eine sehr zierliche Person – die Realität zeigt sich hinterher weniger ätherisch, der Beruf handfest, sowohl die soziale als auch die selbstunterstützende Kompetenz von überzeugender Klarheit.

Die Gesamtsituation beschreibt sie als komplex: schon länger liiert mit einem älteren Lebenspartner, für den weitere Kinder kein Thema mehr waren; gerade in einem neuen beruflichen Umfeld – und dann eine unerwartete, ungeplante Schwangerschaft.

„Ich dachte, ich hätte meinen Frieden damit gemacht, keine Kinder zu bekommen. Er war mir einfach wichtiger“, erzählt sie. Doch mit dem positiven Ergebnis sei ihr sofort klar gewesen, dass sie dieses hier haben wollte. Unbedingt, unumstößlich, „against all odds“, wie Phil Collins singt – allen Widrigkeiten zum Trotz!

Das Ende einer Zukunft

Der Partner hat sich noch nicht ganz zu seiner Haltung durchgerungen, die neue berufliche Situation ist noch ganz am Anfang, als sie erfährt, dass ihr Kind nicht mehr lebt. Sie muss es zur Welt bringen, ob sie will oder nicht.

Die Schwestern im Krankenhaus waren toll, sogar er war toll – „er war die ganze Zeit an meiner Seite!“ – doch nun geht das Leben weiter. Nur in ihrem Herzen trägt sie beständig den Schmerz um ihr totgeborenes Kind und um die potenzielle Zukunft. Dazu gesellt sich die Frage: Kann ich wirklich wieder zurück, kann ich wirklich auf ein eigenes Kind verzichten? Ihm zuliebe? Will ich das?

Was es zu klären gilt

Ich lasse sie erzählen. Bejahe den Konflikt, durch den sie gerade geht, als verständlich, als wichtig und herausfordernd. Hier geht es nicht nur um sie allein. Es geht um ihre Beziehung. Was diese trägt und was sie verschmerzen kann. Es geht um den Schmerz der eben erst geschenkten und so schnell wieder verlorenen Zukunft. Und es geht um die Frage, ob es jemals einen Menschen geben wird, den es nur durch sie geben kann. Es geht um die Sehnsucht nach Mutterschaft, um körperlich spürbares – wenn unerfüllt: schmerzhaftes! – Verlangen, um gänzlich andere Facetten von Leben, Fürsorge, Liebe, Entwicklung als die in einer reinen Paarbeziehung. Es kann um Neugier auf einen ganz bestimmten Menschen gehen und konkrete Vorstellungen – um ein Baby auf dem Arm, Kinderlachen und Kindertränen, die Welt aus Kinderaugen, leiten und lehren, anleiten und begleiten dürfen, und um so unendlich Vieles mehr und Unvorhersehbares.

Raum zum Heilen

Und während sie bei mir sitzt und erzählt, welchen Raum die Gedanken an ihr Kind einnehmen, obwohl sie doch gerade ein ganz neues Leben und ein ganz neues Umfeld kennenlernt, steigen die Tränen in ihr hoch. Sie erzählt von einem Teddy, den sie für ihr Baby gekauft hatte, und der nun allabendlich mit einer kurzen Geste nebenbei bedacht wird. Ich schlage ihr vor, dieser Geste ein wenig mehr bewusste Aufmerksamkeit zu schenken und lege ihr einen kleinen Platzhalter in die Hände. Sie nimmt ihn an und lässt sich auf ihre aufsteigenden Gefühle ein. Hier ist ein Platz, wo sie weinen kann.

Als sie geht, sagt sie: „Danke. Ich hatte befürchtet, meine Geschichte und meine Gefühle bekämen nicht genügend Raum. Doch ich konnte alles sagen, was mir wichtig war.“

Ein wertvoller Impuls von Mr. Rogers

„Würden Sie etwas mit mir machen?“, fragt Tom Hanks in seiner Rolle als „Der wunderbare Mr. Rogers“ sein Gegenüber, den Journalisten Lloyd Vogel. „Eine kleine Übung, die ich hin und wieder mache: Wir denken eine Minute an Leute, die uns mit ihrer Liebe zu dem gemacht haben, was wir sind.“

Wann haben Sie zuletzt daran gedacht, wie die Begegnung mit einem bestimmten Menschen Sie beeinflusst, geprägt, vielleicht verändert hat?

Mir fallen dazu Musikstücke ein, die ich durch andere kennengelernt habe – und die dazugehörigen Interpreten, die mich danach eine Weile begleitet haben oder noch immer bereichernd auf mein Leben einwirken.

Ich denke an das „ist OK, Schatz“ einer früheren Freundin und Kommilitonin, deren akzeptierende Haltung mir heute ein aktiver Anker und eine Bestärkung für die Erfahrung ist, was Akzeptanz eben bewirkt – Entspannung und Öffnung für Richtungswechsel. Im Denken, Fühlen, Handeln können.

Die Neigung eines Ex, das Zeit-Magazin-Rätsel „Um die Ecke gedacht“ zu lösen und das Lexikon zu Rate zu ziehen hat mich gelehrt, nachzusehen. Zu überlegen: Wer oder was kann mir jetzt bei meiner Suche nach einer Antwort weiterhelfen? In der Schule habe ich das interessanter Weise nicht gelernt – obwohl ich gern zur Schule gegangen bin.

Ich mag also diesen Impuls, den Mr. Rogers da gibt. Die Übung bietet enorm viel an:

  • Sich einfach zu erinnern;
  • Sich an wertvolle Momente zu erinnern;
  • Sich zu erinnern und die Erinnerung zu genießen, zu schätzen, darin einzutauchen und damit aufzuladen;
  • In der Erinnerung Geschichte, eine Basis, innere Schätze zu finden;
  • Sie kann Halt geben, weil wir uns an Verbindungen und förderliche Beziehungen erinnern können, die uns fühlen lassen, nicht allein zu sein – nicht allein gewesen zu sein.
  • Sie kann Trost bringen, wenn wir erkennen: In der Erinnerung an Begegnungen in der Vergangenheit ist das damalige Gegenüber zu einem Teil in uns selbst geworden. Eine positive Erinnerung, die in uns lebt – auf immer – und weiterwachsen kann.

Lassen Sie uns eine Minute lang an Menschen denken, die uns mit ihrer Liebe zu dem gemacht haben, wie wir heute sind.

*Foto: Michal Jarmoluk auf Pixabay

Podcästchen: Dein Licht in der Dunkelheit

Egal, wie tief die Dunkelheit ist – sie hat keine Chance gegen (dein) Licht Bild: sasint auf Pixabay

Zweiflerin? Zweifelsfrei!

Sehr geehrte Frau Hirsch,

ich hab da mal eine Frage. Haben Sie eigentlich auch Zweifel? Ich meine, Sie sind ja Psychologin und so. Gibt es da auch noch Sachen, die schwer für Sie sind? Ich weiß so oft nicht, was ich machen soll und meine Familie sagt was anderes als meine Betreuerin.

Hochachtungsvoll,
Emircan

Foto: pexels, by pixabay

Hallo Emircan,

um es direkt zu sagen: Ja, ich habe auch Zweifel. Wann immer das Leben mich vor eine Wahl stellt, muss ich genauso wie Du eine Entscheidung treffen.

Manchmal ist das leicht. Meistens habe ich dann schon über dieses Thema nachgedacht und/oder mit Freunden gesprochen. Oft habe ich eine ähnliche Entscheidung schon einmal getroffen, und ich weiß, was mir daran wichtig ist und wie ich es bekomme.

Pro- und
Contra-Liste

Manchmal ist das gar nicht leicht. Dann habe ich die Arbeit noch vor mir, von der ich auch aus meinem Studium und aus dem Leben insgesamt weiß: Verschiedene Wege können mir helfen. Leider gibt es nicht DIE EINE Technik, die absolute Klarheit bringt. Oft sind es eher mehrere Ansätze, die miteinander kombiniert den richtigen Weg zeigen.

Manchmal hilft eine Pro-und-Contra-Liste (Was ist gut daran? Was gefällt mir nicht/was geht nicht?).

Von Herzen
jammern, meckern,
hadern!

Manchmal muss ich ausgiebig jammern, meckern und hadern, bevor ich durch all die lauten Widerstände („ich will (nicht)/ich kann nicht/man sollte/es wird erwartet, dass…./es kann nicht sein…“) zu dem komme, was mir wirklich wichtig ist. Dann versuche ich, aus einer übergeordneten Ebene auf das Jammern, Meckern und Hadern zu schauen. Dabei hilft mir oft mein Tagebuch, weil ich dann alles noch einmal nachlesen kann.

Mit Freunden
reden.
Oder
jemandem,
der Ahnung hat

Manchmal können hier auch Freunde helfen. Oft merke ich jedoch, dass ich sie daran erinnern muss, erst einmal keine Lösungen zu präsentieren, sondern mir zuzuhören und zu versuchen, mich zu verstehen. Die Lösungen sind zwar oft sehr logisch, aber mein innerer Widerstand lässt noch nicht zu, diese Lösungen umzusetzen. Deswegen geht es erst einmal darum, dass ich unsicher sein darf, oder wütend oder traurig oder was auch immer. Es geht darum, dass ich (mich) fühlen darf, wie ich (mich) fühle, ohne das jemand versucht, das wegzumachen oder mir auszureden. Wenn das klar ist, dann kann es weitergehen (*weiter unten findest du ein Beispiel).

Manchmal kommt es auch vor, dass ich mich mit einer Sache nicht auskenne. Dann brauche ich den Rat von jemandem, der sich eben besser auskennt und der mir hilft, das Passende und das Nicht-Passende auseinanderzuhalten. Da kann es auch sein, dass Freunde oder Eltern nicht die richtigen Ansprechpartner sind, weil sie selbst keine Ahnung haben oder Vorstellungen, die nicht zu mir passen.

Bei deiner Frage habe ich den Eindruck, dass es im Grunde darum geht, wie du gute Entscheidungen für dich treffen kannst. Wenn also Deine Eltern dir sagen, was du tun sollst, und deine Betreuerin etwas anderes sagt, dann musst du ja für dich entscheiden, wessen Rat du folgen willst oder solltest. Da stellt sich für mich die Frage: Wessen Entscheidungen oder Vorschläge haben sich bisher so entwickelt, dass es dir hinterher möglichst gut ging?

Dafür kannst du dich an verschiedene Situationen und Entscheidungen erinnern. Am besten schriftlich, vielleicht in Form einer Tabelle:

Worum genau ging es?Auf wen hast du gehört? Wie hast du dich verhalten?Wie ist die Situation ausgegangen? Gut? Schlecht?Was genau war daran gut?Was genau war daran schlecht?

Ich glaube, es würde dir helfen, wenn du jemanden an deiner Seite hast, der wirklich nur will, dass es dir gut geht. Vielleicht kannst du diese Erinnerungsarbeit mit deiner Betreuerin zusammen machen?

Vielleicht findest du so heraus, wessen Vorschlag du eher vertrauen kannst. Vielleicht fallen dir mit der Zeit Sachen auf, die du selbst besonders wichtig findest, und auf die du bei der Entscheidung achten willst. So kommst du dann dahin, dass Entscheidungen mehr und mehr deine eigenen sind.

Ich wünsche dir von Herzen alles Gute,
Katharina Hirsch

* Hier noch ein Beispiel:
Neulich ging es bei mir um die Entscheidung, ob ich eine Sache angehe, für die ich regelmäßig eine weitere Strecke mit öffentlichen Verkehrsmitteln fahren müsste. Ich jammerte: „Der Weg ist so lang! – Auf öffentliche Verkehrsmittel ist kein Verlass! – Ich hab dann so wenig Bewegung. – Ich bin viel weniger flexibel. – Das kostet mich so viel Zeit! – …“.

Ich fing dann an, mir selbst beim Jammern zuzuhören. Mit der Zeit merkte ich zwei Sachen:

1. Das waren durchaus beachtenswerte Argumente. Aber wenn ich den ganzen Aufwand wirklich nicht wollte, dann könnte ich doch auch einfach sagen: „Nö, mach ich nicht.“ (An diese Möglichkeit erinnerte mich ein Freund). Das tat ich aber nicht. Also gab es etwas, das mir wichtiger war! Was genau war dieses Positive, das ich mit dieser Entscheidung verband? Ich überlegte noch einmal, fand das, was mir so wichtig war und stellte mir ganz absichtlich diesen Teil genau vor. Dabei achtete ich auf meine (positiven) Gefühle, und meine Lust darauf wurde mir noch deutlicher.

2. Die ganzen Sachen, über die ich jammerte, betrafen meine Möglichkeit, selbstbestimmt zu agieren! Mir war schnell klar, dass mir genau das sehr wichtig ist (hier kenne ich mich sehr gut), und ich bestätigte mir selbst, dass das ok ist. Nun konnte ich überlegen: Wie könnte ich den Weg für mich nutzen, welche meiner Bedürfnisse könnte ich doch irgendwie währenddessen erfüllen? Ich fand meine Lösungen, und nun freue ich mich auf das, was kommt. Sogar ein bisschen auf die Wege 😉

Was war passiert?

Indem ich mir erlaubte, zu jammern, nahm ich mich und die Herausforderungen bei der Entscheidung ernst. Nachdem mir das gelungen war, konnte ich – zum Teil allein, zum Teil mit Freunden – verschiedene Ideen entwickeln, wie ich die „Probleme“ angehen kann. Einige dieser Lösungen waren schon vorher da gewesen, aber erst musste ich mich ernst nehmen. Danach war der Rest – kein Problem mehr!

Abteilungsleiterin in Nöten

Vor Kurzem wurde ich zur Abteilungsleiterin befördert. Das war schon lange mein Ziel, also könnte man meinen, ich würde mich freuen. Das tue ich auch. Fachlich kann ich die Aufgaben gut bewältigen. Doch immer wieder ertappe ich mich dabei, wie ich im Umgang mit meinen Mitarbeitern extrem unsicher werde. Am liebsten möchte ich mich dann in meinem Büro verstecken.

Ich habe ständig das Gefühl, zu versagen und dass die Leute mich nicht ernst nehmen. Bisher habe ich immer versucht, nicht weiter aufzufallen. Mit der Taktik bin ich auch gut durchgekommen. Doch wenn ich jetzt kritisiert werde, fehlt mir jegliche Widerstandskraft. Sicherlich ist vieles nicht halb so schlimm, wie ich meine, aber innerlich bin ich jedes Mal völlig fertig. Manchmal braucht es nur einen schiefen Blick, und schon fühle ich mich ganz klein und unfähig, angemessen zu reagieren.

Später bin ich dann wieder wütend auf mich selbst, weil ich so unfähig bin.
Den ganzen Stress nehme ich auch noch mit nach Hause und liege dann nachts oft wach. Wenn das so weiter geht, halte ich auf der Stelle nicht lange durch.

Hallo Abteilungsleiterin,

erst einmal: Herzlichen Glückwunsch!
Sie haben sich ein Ziel gesetzt, und Sie haben es erreicht! Dazu haben Sie nicht nur fachlich, sondern auch persönlich überzeugt. Es gibt in Ihrem Arbeitsumfeld also Menschen, die in Ihnen das ganze Potenzial sehen, die Aufgabe auszufüllen.

Ich kann…!

Auch Sie selbst sind offenbar davon überzeugt (genug), dass in Ihnen die Fähigkeiten stecken, die (An-)Leitung einer Abteilung zu übernehmen. Schließlich hatten Sie den Mut, sich auf die Stelle zu bewerben.
Welche Fähigkeiten sind es, die Sie selbst überzeugt haben? Wie haben Sie es geschafft, so weit zu kommen? Wie haben Sie es geschafft, andere von sich zu überzeugen?

Das ist Ihre Basis. Das ist Ihr „Kapital“. Machen Sie es sich bewusst. Wieder und wieder. Bis Sie es auch glauben.

Mein Vorschlag an Sie: Schreiben Sie es auf.

Sie könnten die Aussagen beginnen mit:
Ich kann…!
Ich weiß, wie/dass…!
Es ist mir schon gelungen, …!
Wenn abc, dann kann/weiß/mache ich xyz….

Vielleicht gibt es auch (in Ihrem Fall besonders wertvolle) Beispiele von
„Andere sagen, ich kann/weiß/mache…“.

Wenn Sie mit der Sammlung Ihrer Stärken fertig sind, hängen Sie diese Informationen an einen Ort, an dem Sie immer wieder diese Selbstbestätigungen, die auf Erfahrung und/oder Fremdeinschätzungen basieren, lesen können. Zum Beispiel in Ihrem Zuhause an den Badezimmerspiegel, an den Kleiderschrank, an die Ausgangstür oder jeden anderen Ort, der Ihnen passend erscheint.

Außerdem verwahren Sie ein zusätzliches Exemplar griffbereit in der Handtasche. So können Sie im Zweifelsfall immer wieder eine Portion Selbstachtung und Selbstwertbestätigung tanken.

Sollte die Taktik der positiven Selbstbestärkung nicht (gut genug) funktionieren, dann empfehle ich Ihnen, dass Sie sich aktive Unterstützung durch ein Gegenüber – in einem begleitenden Coaching oder durch eine Therapie – suchen. Dann könnten Sie im Dialog und bei wohlmeinender Unterstützung die Ursachen Ihrer Unsicherheit ergründen, die Vorteile ihrer bisherhigen Lieblings-Taktik würdigen und ggf. aufgekommene Fremd-Kritik hinterfragen lernen.

Außerdem böte es sich an, Techniken zur Stressreduktion zu erproben, um auf Dauer mehr innere Ruhe zu entwickeln.
Doch dies würde hier zu weit führen.
Daher verbleibe ich damit, Ihnen

von Herzen alles Gute

zu wünschen!

Ein Weltbild stürzt ein

Foto: Kat Jayne, von Pexels

Liebe Katharina,

nach einer Reise bricht gerade meine Welt zusammen: Beim Anblick meiner Wohnung möchte ich einfach nur in die Knie sinken vor Entsetzen, wie lieblos ich mit meinem Umfeld umgehe. Auf einem Foto musste ich erkennen, dass ich die Dickste unter meinen Bekannten bin – dabei lästere ich ständig über jede Schwäche bei Anderen. Bei meiner (sozialen) Arbeit glaube ich wegen meiner direkten Art auf Ablehnung zu stoßen. Es wird immer schwerer, das alles irgendwie zu überspielen. Was kann ich tun?

Christine

Hallo Erschütterte,

ganz oberflächlich betrachtet, liegt die Antwort auf der Hand:

Schritt 1 – Prüfe, was genau du verändern möchtest.
Schritt 2 – Finde heraus, wie du es angehen kannst. 
Schritt 3 – Tu es.

Allerdings habe ich den Eindruck, es geht hier nicht um die Problemfelder Wohnungsgestaltung, Diät und Sport oder Kommunikationstechniken, sondern um ein anderes Thema: Selbstwert und (Selbst-)Akzeptanz bzw. Annahme.

Ich habe den Impuls, dir zu sagen: Nimm dich fürs Erste selbst in den Arm. Und das gern wirklich konkret (muss ja niemand sehen). Oder wende dich an einen Menschen, den du darum bitten kannst. Solche Einsichten sind manchmal schwer zu ertragen.

Und vielleicht weißt du schon lange um diese Unstimmigkeiten. Vermutlich hast du eine damit einhergehende Selbstabwertung bisher erfolgreich abgewehrt: zum Beispiel durch aktive Ignoranz (z.B. „blind“ für den Zustand deines Umfeld) und Fremdabwertung (lästern).

Nun aber wird es immer schwerer, diese Kluft aus Vorstellungen oder Erwartungen versus Realität zu überbrücken.

Auch wenn Viele es nicht wissen: Es kostet Kraft, unwillkommene Gedanken wie „der mag mich nicht“ oder „ich sehe so hässlich aus“ beiseite zu schieben. Denn wir tun dies (meistens unbewusst), in dem wir Muskeln anspannen, den Atem anhalten oder unsere Aufmerksamkeit verschieben. Diese Vorgänge kosten den Körper Energie.  Wenn sich die Baustellen noch dazu mehren, wird es umso schwerer, diese Energie aufzubringen.

Es ist also mehr als esoterisches Geblubber wenn es heißt, Körper, Geist und Seele seien eins. Wir reagieren mit dem Körper, über Hormone und Nervenimpulse, mit Muskeln und Organen, auf Gedanken und Gefühle.

Im Gegensatz dazu bedeutet Selbstannahme, zu akzeptieren, wie wir sind oder nicht sind, wie wir handeln oder nicht handeln, wie wir fühlen oder nicht fühlen, was wir denken oder dass wir überhaupt denken. Mit dem Nebeneffekt: Keine Muskelanspannung, kein Luftanhalten, keine Ablenkung.

Sei achtsam im Umgang mit dir selbst, und wenn du merkst, dass es zu schwierig ist, dich dir selbst konzentriert zuzuwenden, dann hole dir bitte Unterstützung bei guten Freunden, einfühlsamen und vertrauenswürdigen Zuhörern oder Fachleuten.

Wie also kannst du vorgehen?

Es geht darum, dass du dich dir und deinen Wahrnehmungen und Empfindungen aufmerksam und freundlich zuwendest.

Dazu solltest du wissen, dass Emotionen Gefühle sind, die uns in Bewegung „hin zu“ oder „weg von“ einer Sache bringen wollen. Und diese Gefühle haben die Eigenschaft, sich schnell zu verändern – wenn ihnen keine Bremse (in Form von Anspannung) gesetzt wird. Wenn wir verstehen, wozu uns eine Emotion bewegen will – und der erste Handlungsimpuls verflogen ist – können wir nach einer sinnvollen Lösung Ausschau halten. Oft steht sie uns dann sogar klar und deutlich vor Augen, da die hilfreiche Verhaltensweise nicht mehr von der Emotion selbst vernebelt wird.

Kurz gesagt: Emotionen sind unsere Freunde. Wir müssen sie jedoch „zu nehmen“ lernen.

Nimm dir also ein wenig Zeit, in der du ungestört bist.

Beobachte deinen Atem. Auch er ist ein guter Freund, der dich unterstützt, das Leben (und Emotionen) fließen zu lassen. Den Atem zu beobachten kann generell sehr entspannend sein.
Dann erinnere dich an den Moment deiner Erkenntnis. Spüre in deinen Körper hinein, irgendwo wird er reagieren: mit Anspannung, kribbeln, Wärme, pulsieren, einem Unwohlsein, Aufregung….

Lasse deine Aufmerksamkeit auf dieser Reaktion ruhen. Erinnere dich wieder an deinen Atem, lasse ihn möglichst sanft und gleichmäßig fließen. Beobachte die Regung in dir weiter, und beobachte dein Denken. Vielleicht entstehen auch innere Bilder oder du hörst etwas. Lerne das Zusammenspiel aus Körper und Geist kennen. Lerne die Zusammenhänge kennen. Lasse deinen Atem weiter fließen.

Früher oder später wirst du vermutlich seufzen oder tief durchatmen. In diesem Moment hast du die Anspannung rund um die Reaktion losgelassen, vielleicht hast den Zusammenhang erkannt. Voraussichtlich fühlst du dich dann deutlich ruhiger und vielleicht so etwas wie Frieden in dir.

Ich wünsche dir von Herzen viel Erfolg!
Katharina