„Ist ok, Schatz!“

Über die transformierende Kraft des Annehmens

In meinem letzten Podcästchen spreche ich darüber, dass sich Fehler zu Helfern wandeln können. Das größte Hindernis dazu ist jedoch oft die Abwehr, mit der wir auf Fehler und vor allem die damit einhergehenden (Selbst-)Bewertungen reagieren.

Bild von John Hain auf Pixabay

Heute zum Beispiel ist mir ein kleiner – monetär wirksamer – Fehler unterlaufen: Eine junge Frau nahm erstmals an meinem Yin-Yoga-Unterricht teil. Zum Abschluss der Stunde war es etwas chaotisch – mit dem Ergebnis, dass ich vergaß, ihr die Teilnahme in Rechnung zu stellen. Sie ging, ohne zu bezahlen.

Nachdem es mir aufgefallen war, verschaffte eine innere Stimme sich Gehör: „Oh mann! Wie konnte dir das denn schon wieder passieren?????“.
Können Sie den vorwurfsvollen Ton auch hören?

Eine typische Variante, darauf zu reagieren, ist (vor allem bei Frauen): Diesen inneren Kommentar wieder und wieder zu hören. Sich innerlich zu winden bei dem Versuch, ihm auszuweichen. Verzweifelt nach Antworten zu suchen. Und dabei mehr und mehr zu schrumpfen, weil keine der Antworten befriedigt, und schließlich mit einzustimmen in die vernichtende Bewertung: „Ja, wie konnte ich nur? Wie bescheuert ist das denn? Man könnte glatt meinen, das Geld würde auf Bäumen wachsen!“ Und so weiter, und so fort.

Oder … (!)

… es käme eine Reaktion, wie meine frühere Freundin M. sie häufig an den Tag legte:

Ich höre noch, wie sie „Ist ok, Schatz!“ zu mir sagte, wenn ich ihr wieder einmal meinen Frust (oder wie hier eine Verfehlung) verbal vor die Füße warf.  

Veränderung geschieht,
wenn alles so sein darf,
wie es ist.

Auch wenn ich bemerkte, dass mir ihre Reaktion gut tat, verstand ich das Wirk-Prinzip dahinter erst sehr viel später: Mit „Ist ok, Schatz!“ erlaubte sie (mir), das eine Situation so war, wie sie war. Sie erlaubte mir, zu empfinden, wie ich es tat. Zu denken, was ich dachte. Alles durfte so sein, wie es war. Einfach so. Ohne Widerstand, ohne Veränderungsaufforderung, kritikfrei, ohne Perspektivwechsel, ohne irgendeine Anforderung. Es durfte sein. Ich durfte sein. Und ich war nicht allein. Ich hatte eine Verbündete. Einfach so.

Und genau damit veränderte sie meine Situation.

Denn nun entspannte ich mich. Ich konnte durchatmen. Dies wieder bewirkte, dass auch meine Stimmung sich veränderte, und oft genug das beherrschende Thema gleich mit. Ganz einfach.

Und, wie ich heute weiß: Natürlich.

Heute weiß ich, dass in dem Moment, in dem Muskelspannungen sich lösen können (weil eine Abwehr nicht länger benötigt wird) und der Atem frei fließen kann, kann auch die aufgestaute, wortwörtlich ausgebremste Energie im Körper wieder frei fließen. Und diese Energie wird dann ganz automatisch von unserem Geist, in unserem Gehirn, auf Grundlage unserer Erfahrungen oder in einem kreativen Prozess, für eine Lösung des Problems eingesetzt*.

Heute gehört es zu meinem Arbeitsalltag, diesen Mechanismus zu fördern, ihn anderen zu vermitteln und ich liebe es, ihn zu beobachten.

Kehren wir zurück zu den Fehlern und ihrem Helferpotenzial:
Wenn wir also (durch einen unterstützenden, wohlwollenden Teil in uns selbst oder mit Unterstützung von Freunden oder Profis) akzeptieren können, dass wir einen Fehler gemacht haben („Ist ok, Schatz!“) – oder auch, dass wir mit uns schimpfen, weil wir einen Fehler gemacht haben – dann können wir kurz darauf in der Regel einen Schritt weiter gehen.

Dann können wir uns fragen: „Was mache ich jetzt damit?“.
In den Antworten finden wir vermutlich eine Strategie, die uns hilft, in Zukunft anders mit ähnlichen Situationen umzugehen.

Und: Voilà – aus einem Fehler… wurde ein Helfer.

*Manchmal heißt die Lösung, jemand anderen zu fragen, der hoffentlich mehr von der Lösung dieses Problems versteht, als wir selbst.

Eigenverantwortung? Was soll der Sch…?

Heute geht es um Verantwortung.
Verantwortung für das eigene Leben.
Das ist eine ziemlich wichtige Sache, und auch in Beziehungen von Bedeutung – denn wer nicht bereit ist, sich seiner möglichen eigenen Verantwortung zu stellen, wird sich oft (und selbstverschuldet) in der Rolle des Opfers wiederfinden: „XY ist schuld“, „Wenn xy nicht passiert wäre, dann…“, „Was kann ich dafür, dass…“, „Es ist einfach unverschämt, zu erwarten, dass…“.

So erlebt es auch Alina*, eine meiner Teilnehmerinnen.
Immer wieder beschwert sie sich, wieviel Druck ihr gemacht werde. Jeder erwarte etwas von ihr. Ständig solle sie funktionieren!
„Das nervt“, sagt Alina. Dieser Druck!
Und erst recht die zuständige Sozialpädagogin, die in der Maßnahme tätig ist, und Alina schon so manchen Fehltag als entschuldigt eingetragen hat.
Dabei tut Alina ihr Möglichstes – doch sie wird einfach nicht rausgeschmissen!

Eigenverantwortung
kann wirklich
unbequem
sein!

Tatsächlich bestärke ich meine Kollegin in ihrer Taktik, Alinas bisherige Unfähigkeit, konsequent „nein“ zu sagen, für den in Aussicht stehenden Abschluss auszunutzen.
Gemein!**
Oder?

Zugegeben: die Sache mit der Eigenverantwortung kann wirklich unbequem sein!

Ich habe selbst oft genug mit dem Leben und diesen lästigen Anforderungen von Außen gekämpft. Auch ich fand mich schon wütend und hadernd in meiner Küche wieder, relativ frisch verliebt – doch zu meinem Missfallen gefordert, den (Arbeits-)Alltag allein zu bewältigen. In meinem Partner hatte ich eine bis dahin unbekannt starke Unterstützung für allerlei Situationen gefunden – und doch musste ich immer wieder darauf verzichten! Da gab es diese dämlichen Verpflichtungen, die ihn oder mich daran hinderten, zusammen zu sein.
So Sachen wie: Die Arbeit. Verabredungen. Unterschiedliche Sportinteressen. Ich hasste es!

Unsere Alternative hätte gehießen: Einfach alles sausen lassen und ab sofort nur noch glücklich beisammensein 😉Natürlich totaler Quatsch. Aus verschiedensten Gründen.
Aber…

Die Lösung? Ich erlaubte mir diesen „Quatsch“** in meinem Kopf und das Hadern und Zetern, bis ich damit durch war – ohne meine Verpflichtungen zu vernachlässigen. Mit im Spiel war ein Sack voller praktischer und sonstiger Argumente, die mir bekannt, aber nicht beliebt waren. ÜBERHAUPT NICHT beliebt!
Das eine oder andere hatte trotzdem Kraft…
Heute kann ich mich ein gutes Stück gelassener auf praktische Notwendigkeiten einlassen 😉

Niemand traf
die Entscheidungen,
die sie
getroffen sehen
wollte!

Mit dieser Grundhaltung des „so weit wie nötig gewähren lassen, weil es hilft“ muss ich lachen, als ich Greta Silver in dem Podcast „glücklich verkopft“ zum Thema „Glück, Krisen, Verletzlichkeit“ zuhöre. Sie berichtet davon, wie sie im Alter von 30 Jahren kapiert habe, dass sie selbst verantwortlich sei für ihr Leben. Urx.
Aus ihrer heutigen, gereiften Perspektive lacht auch sie, als sie berichtet: „Ich hatte heimliche Verträge laufen. Wenn der [Partner/Chef/…] mich richtig behandeln würde, dann wäre ich glücklich!“
Nur – es passierte nicht! Niemand rettete sie. Niemand traf die Entscheidungen, die sie getroffen sehen wollte. Das musste auch Greta Silver selber tun.
Wie auch ich stand sie vor einer Hürde, als sie begann, Selbstverantwortung zu übernehmen: „Ich habe richtig daran geknackt, dass ich keinem mehr die Schuld [für mein Unglücklichsein] geben konnte.“

Zugegeben: Manchmal tut es wirklich gut, jemand anderem die Schuld geben zu können!
(Danke Mama! – Ein glimpflich verlaufener Unfall, den ich verursachte, nachdem ich sie zuhause nicht angetroffen hatte. Wäre sie da gewesen… – Sie „nahm“ die „Schuld“ auf sich. Blödsinn – aber in dem Moment fühlte ich mich geborgen).
Doch letztlich kommt es darauf an zu wissen, wenn es nicht wahr ist!

Und natürlich gibt es Menschen und Situationen, die Unglück für andere verschulden – mit oder ohne Absicht. Aber das sind andere Themen, die zu anderer Zeit behandelt werden sollen…

Noch eine Anmerkung zu Alina:
Die Sozialpädagogin, die so viel Druck macht, tut ihr Möglichstes, Alinas ängstliche, trotzig vorgetragenen Anwandlungen von „Ich schaff das nicht, ich höre auf“ nicht anzunehmen. Denn Alina ist eine gute Schülerin und die Prüfungen stehen kurz bevor.

*Name geändert
**Ansonsten bestärke ich Alina darin, sich gegen unangemessene (!) Forderungen und Übergriffe zu wehren und biete ihr in unserem Kontakt – wann immer möglich – Entscheidungsalternativen.
***Ich weiß, dass Viele nicht unbedingt jedem, wenn überhaupt irgendwem, von solchen inneren Vorgängen erzählen. Genau aus diesem Grund erzähle ich davon. So können Sie sich vielleicht auch trauen, ehrlicher und freundlicher mit sich selbst zu sein. Und gerade Akzeptanz, So-Sein-Dürfen, kann ein machtvoller „Türöffner“ für Veränderung sein!