Kampf gegen die Leere

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Mein Name ist Raffaela, ich bin 41 Jahre alt und beruflich erfolgreich. Mir wird oft gesagt, dass man meine fröhliche Art mag, doch das kann ich kaum glauben. Es ist doch nur eine Fassade!
Ich versuche, meine Probleme aktiv anzugehen, zum Beispiel mache ich gerade einen Fahrkurs, weil ich mich beim Autofahren sehr unsicher fühle.
Aktuell bin ich schon mehrere Jahre Single, denn immer wieder geschieht es, dass ich in einer Beziehung in starke Abhängigkeit von meinem Partner gerate. Weil ich sehr unsicher bin, suche ich ständig die Bestätigung durch meinen Partner. Das hat bisher jede Beziehung zerstört.


Ich denke, das hat mit meiner Kindheit zu tun. Ich bin ohne Vater aufgewachsen. Er starb, als ich ein kleines Kind war. Meine Mutter hatte später nicht viel Liebe für mich, sie war mit sich selbst und dem Leben überfordert. Dabei leben meine Großmutter und meine Tante in der gleichen Straße. Selbst meine guten Leistungen in der Schule waren ihr egal.

Oft fühle ich mich depressiv und es fällt mir schwer, einen Sinn im Leben zu sehen. Im Grunde mag ich mich selbst nicht und wundere mich über meinen beruflichen Erfolg. Wenn ich mich mit anderen vergleiche, schneide ich in meinen Auge schlecht ab.
Das Schlimmste ist diese innere Leere und die ewige Frage nach einem Sinn für mein Leben.
Sehen Sie eine Chance, dass ich lernen könnte, positiver in die Zukunft zu blicken und Dinge zu finden, die meinem Leben Erfüllung bringen?

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Liebe Raffaela,
ja, diese Chance sehe ich! Auch wenn mir im Moment erst einmal Schwere und Schmerz regelrecht aus Ihren Zeilen entgegenspringen. Schließlich tun Sie bereits vieles, um Ihre Situation zu verändern. Und doch merken Sie, dass Sie nicht an die wesentlichen Punkte kommen.

Nach Außen können Sie Veränderungen vornehmen, können Menschen von sich überzeugen oder einnehmen. Auch einen Partner zu finden ist Ihnen schon mehrfach gelungen. Trotzdem hadern Sie mit sich selbst und leiden an der inneren Leere.

Tatsächlich schließe ich mich Ihrer Vermutung an, dass Ihre Kindheit hier viel begründet hat – denn wie sollen Sie ein Fundament von Selbstwertgefühl haben, wenn es Ihnen nicht durch andere, wichtige Bezugspersonen, gegeben wurde? Selbst ihr beruflicher Erfolg, der auf anscheinend faktisch guten schulischen Leistungen aufbaut, kann Ihnen bisher keine Wertigkeit vermitteln.
Was sich hier zeigt, sind die Schwäche des „So tun, als ob“ und der Verhaltenstherapie: Ihnen fehlt nicht das Wissen darum, wie ein erfolgreiches Leben funktioniert und auch nicht die nötige Aktivität dazu, sondern dass Sie nicht annehmen können, was ist. Ihnen ist die Sicht auf Ihre eigene Liebenswürdigkeit und auf Ihre Fähigkeiten verstellt, weil Mangel in Ihnen alles andere verdunkelt.  

Und so kann der Weg nur dahin gehen, sich Ihrer selbst anzunehmen, sich selbst lieben zu lernen und auch dem Schmerz zu begegnen, damit er seine Aufgabe erfüllen kann.
Sie können einmal mehr über Techniken und Methoden arbeiten, um Ihrem Kopf klar zu machen, was alles in Ihnen und Ihrem Leben steckt.

So können Sie zum Beispiel in einem Tagebuch Ihre Gedanken so aufzuschreiben lernen, bis Sie selbst sagen: „Genau! So sehe ich es, so spüre ich es, ich verstehe mich!“.
Sie können sich vor Augen führen, dass es sehr wohl Menschen in Ihrem Umfeld gibt, die sie zu schätzen wissen und die sie gern haben. Wieder und wieder und wieder. Bis Sie es sich erlauben können, anzuerkennen, dass hierin Wahrheit steckt; dass dies Beweis genug dafür ist, dass Sie liebenswert sind. So kann es vielleicht früher oder später in Ihrem Herzen (oder anders gesagt: in Ihrem Selbstverständnis) ankommen und eine Veränderung einleiten.
Ganz ähnlich können Sie sich ihrem Körper zuwenden, ihn freundlich umsorgen, berühren, massieren etc. und sich dabei bewusst machen, welche Dienste er (Ihnen) leistet. Dazu können Sie einen Körperteil (oder mehrere) auswählen, die sie eher mögen – oder schwieriger: sich Bereichen zuwenden, die Sie nicht mögen.

Letztlich führt der Weg immer über Ihr Gefühlsleben. Welchen Weg Sie auch gehen, es ist immer die Auseinandersetzung und Akzeptanz, das Wahrnehmen und Fließenlassen von Gefühlen, wodurch Veränderung entsteht. Ob Sie dies nun logisch angehen, im Gespräch, durch Meditation, Kontemplation, Reflexion oder mit emotionsorientierten Techniken – Veränderung geschieht, wenn es ehrlich wird, wenn jegliche Verstellung aufhört und sich zeigen kann, was da ist.

Die Leere selbst ist nichts anderes als eine (Schutz-)Schicht vor all den Emotionen, die bisher ihr Ziel nicht erreichen konnten. Sie verbirgt Verzweiflung, Angst, Wut und anderes. Direkt hinter der Leere sind Gefühle und somit Lebendigkeit, wenn auch teilweise verbunden mit manchem Schmerz.

Doch alles, was Sie Ihren Emotionen nahe bringt, hat die Macht zur Veränderung.

Ich empfehle systemische Aufstellungsarbeit oder körperorientierte Techniken (die z.B. Gedanken mit Körperempfindungen in Verbindung bringen und über den Körper weiter erkunden) wie zum Beispiel auch das Brainspotting. Sie können tiefgreifende Veränderungen auslösen. Eine vertrauensvolle, tragfähige Beziehung in einem therapieartigen Kontakt kann sie dabei deutlich unterstützen.

Und so wünsche ich Ihnen alles Gute,
Katharina Hirsch

Do more of what makes you happy!

In meinem Wohnzimmer hängt dieser Spruch – „do more of what makes you happy“ – aus Holz gefertigt. In Aufstellungen, die ich für mich mache, drehen sich immer wieder verschiedene „Personen“ und Anteile zu diesem Impulsgeber um.

Dabei stellt sich die Frage: Was macht glücklich?

Was macht Sie glücklich? Wissen Sie, was Sie glücklich macht?

Oder glauben Sie nur, es zu wissen?

Zu Beginn meines Lebens auf der Suche nach mir* versuchte ich mich an vertrauten Größen:
Energiearbeit, ein Malkursus, Verabredungen. Später kaufte ich ein Saxophon und nahm Unterricht, probierte mich an Gitarrenunterricht, belegte einen Salsakurs und anderes mehr. Nichts davon begann ich aus echter Lust auf die Aktivität. Es waren eher Versuche, etwas in Bewegung zu setzen.

Tatsächlich war ich auf der Suche nach Kontakt. Doch meistens interessierten mich die Menschen, denen ich begegnete, nur wenig. Ich fand mich kaum auf einer Wellenlänge mit ihnen. Aus dieser Zeit sind nur wenige Kontakte geblieben…

Erst als ich eine Entscheidung traf, die mir so viel Angst machte, dass ich einige Wochen lang nachts mit Panikattacken aufwachte – nach Bremen zurückzukehren – konnte ich bald nach der Umsetzung feststellen: Es war besser, hier zu sein – als nicht. Und für den Anfang reichte mir das!

In dieser Entscheidung steckten mein Herz und meine Sehnsucht. Nach Hause zurückkehren. Für meine Begriffe hatte ich viel zu verlieren, als ich sie traf – Hoffnung auf Zugehörigkeit. Denn wichtige alte Kontakte, an die ich hätte anknüpfen können, gab es nicht mehr.

Ich habe gewonnen!

Heute – nach ein paar weiteren Entscheidungen, die immer wieder einen ordentlichen Herzensanteil hatten und im Vorfeld durchaus mit Bammel einhergingen – habe ich einen größeren Freundeskreis als je zuvor! Auch beruflich bin ich auf meinem Weg, schon lange, obwohl manche ihn als unstet betrachten. Tatsächlich hat er sehr viel Konsistenz und für meine Entwicklung stimmige Schritte. Und beides hängt für mich eng zusammen – Beruf und Verbindungen. Aktuell rechne ich mit weiteren Verbesserungen.

Die Moral von der Geschicht?

  • Kopfentscheidungen machen (eher) nicht glücklich.
  • Entscheidungen, die das Potenzial haben, glücklich zu machen, können eine gehörige Portion Angst mit sich bringen. Vielleicht ist sogar gerade die Angst, trotz der man etwas wagt (!!!), ein wesentlicher Richtungsweiser – denn wo es etwas zu gewinnen gibt, gibt es vermutlich auch etwas zu verlieren.
  • Gleichzeitig ist es enorm hilfreich, sich auf den Teil zu konzentrieren, der ersehnt wird. Das mindert die Angst und motiviert zur Aktivität.

Vielleicht gibt es auch Menschen, die so klar mit ihrem Herzen verbunden sind und so sehr im Vertrauen, dass sie keine Angst, sondern nur Freude empfinden, wenn sie ihrem Herzen folgen. Aber ich stelle einmal in Frage, dass diese einen Blog wie meinen lesen 😉.

*Übrigens auch eine Form der Beziehung! Und zwar eine sehr wichtige!

Ein Lob auf den Trotz

Trotz ist gut!
Er kann eine wichtige und gesunde Form der Selbstbehauptung darstellen.
Ich schätze ihn, wenn ich diese Funktion bei ihm erkenne.

Bei mir zeigt er sich, wenn mir jemand auf die Füße getreten ist, oder ich mich überrumpelt und nicht ernst genommen fühle.

Er verhilft zum Widerstand. Zum Einfordern von mehr Information, Anerkennung, gesehen und gehört werden, oder eben – sich nicht überrumpeln zu lassen.
Das halte ich für sinnvoll. Auch bei anderen!

Meine Neigung, mich trotzig zu geben, liegt nicht nur in meinem Charakter.
Er hatte auch ein starkes Vorbild, das manchmal von anderen wiedererkannt wird.
Und Trotz kann Spaß machen! Es lässt sich herrlich damit kokettieren.

Ich schob
den Trotz
zur Seite

Und doch gab es eine Zeit in meinem Leben, in der ich ihm nicht über den Weg traute. Ich befürchtete, mit meinen trotzigen Reaktionen zu übertreiben* – und dass ich keine Berechtigung dazu hätte. Außerdem hatte ich Angst, mir wichtige Menschen zu verprellen.
Also schob ich ihn zur Seite.

Das zeigte zweifelhafte Wirkung: Ich verblasste. Meine Lebendigkeit – und meine Lebensfreude. Auf der anderen Seite verlor sich die Beachtung meiner Interessen. Trotz ist eine kraftvolle Antwort auf das Leben – indem ich sie kleinzwang, gewannen Schwere und Schwermut an Gewicht.

Beides sind keine guten Begleiter. Sie führen in Hilflosigkeit und Depression.

Der Weg zurück fiel mir nicht leicht. Doch dabei begegnete mir unvermeidlich auch mein Trotz wieder. Ich begegnete ihm in der Vision meines ca. vierjährigen Selbst (auch gern als „Inneres Kind“ bezeichnet – aber ich hatte nicht nach ihm gesucht). Ich erkannte den Trotz in meinem rebellisch herausgestreckten Bauch (der mich gleichzeitig an den Bauch eines Buddha erinnerte).
An dieser Stelle kann ich herzlich über dieses Bild von mir selbst lachen – und gleichzeitig die Lebenskraft und den Durchsetzungswillen dieses jungen Menschleins bewundern, anerkennen und wertschätzen!
Ich habe keine bewusste Erinnerung daran, ob ich mich jemals wirklich bauchherausstreckend meiner Umwelt präsentiert habe. Doch die Vorstellung begeistert mich.

Mit der Zeit lernte ich meinen Trotz genauer kennen. Über die Wahrnehmung widerständischen Verhaltens hinaus lernte ich, meinen Gedanken mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Dabei kam ich zu der Überzeugung, dass jeder davon seine Berechtigung hat! Er hat einen verstehbaren Hintergrund. Hier ist es ein wesentlicher Trick, Gedanken ernst zu nehmen als Ausdruck von Bedürfnissen, Sorgen und Ängsten – aber nicht immer als aktuelle bzw. konkrete Wahrheit**.

Noch einmal auf den körperlichen Ausdruck geschaut, können sich Trotz und Widerstand auch in einem aufgeblähten Brustkorb zeigen. Allerdings ist das sehr anstrengend, denn um die Form zu halten, blockiere ich den Strom der Lebensenergie – die Atmung.
 So schadet dann das Festhalten am eigenen Trotz dem oder der Trotzenden mehr als dem Anderen, der das Anliegen selbst nicht einmal wahrnimmt, wenn es nicht deutlich ausgesprochen wird.
Ganz besonders schädigend ist dies alles, wenn es unterschwellig bleibt – nach außen nicht sichtbar und vielleicht nicht einmal stark genug, sich selbst als blockiert wahrzunehmen. Doch auch dann wird die Atemtiefe reduziert, und die Lebensenergie kann sich nicht richtig erneuern.

Irgendwann
hatte ich
die Wahl…

Für die Zukunft hatte ich irgendwann die Wahl: mich weiterhin zu verraten oder potenziell allein da zu stehen – aber zumindest im Fluß der Lebensenergie und im Einklang mit mir selbst. Da ich zu jener Zeit sowieso überwiegend alleine da stand, riskierte ich mehr Authentizität, als neue Menschen in mein Leben traten.
Heute habe ich einen größeren Freundeskreis als jemals zuvor. Es ist mehr als eine handvoll Leute, bei denen ich darauf vertraue, dass sie bei Bedarf für mich da sind. Erprobt, getestet und bewiesen.

Heute brauche ich meinen Trotz weit weniger als noch vor einigen Jahren. Indem ich ihm Raum gab, konnte ich durch die Reaktionen der Anderen auch erkennen, wann er in seiner Intensität vielleicht nicht nötig gewesen wäre. Ich konnte lernen, dass es reichen könnte, meine Forderungen ruhiger und mit mehr Selbstbewusstsein anzubringen. Und natürlich geht es beim gelingenden Menschsein darum, eine gesunde Balance zu finden aus der Beachtung und Befriedigung meiner eigenen Bedürfnisse und der Anforderungen und Wünsche von Außen.

Bleibt ein weiterer Punkt, der dazugehört: Auch wenn im Kopf alles klar ist, können letztlich emotionale Blockaden verhindern, einfach und natürlich nach außen zu bringen, was in einem steckt. Stoße ich auf solche letzten, emotionalen Hindernissen auf dem Weg zur gelassenen Selbstbehauptung, helfen mir Aufstellungsarbeit oder neuerdings die Technik des Brainspotting***.
Beides sind Wege, (unter anderem) Emotionen in einem sicheren Rahmen fließen zu lassen.
Und es ist immer das Fließenlassen von Emotionen, das wirkliche Veränderung bringt!

*Das ist durchaus auch möglich!

**Gelernt und abgewandelt durch die Lektüre von Safi Nidiayes Büchern und Anwendung der Technik der Körperzentrierten Herzensarbeit

***Brainspotting ist eine sehr gut funktionierende Methode, um Stress zu verarbeiten und Blockaden abzubauen. Dabei zeigen sich teilweise auch neue Perspektiven auf das eigene Leben. Dazu nächste Woche mehr.