Über den Anfang vom Ende eines ziemlich unglücklichen Lebens

Bild von John Hain auf Pixabay

Im Jahr 2006 hatte ich die Nase voll. Ich hatte einfach keine Lust mehr, mir selbst etwas vorzumachen. In meinem Tagebuch.

Bisher hatte stets eine Stimme aus dem Off meine Hand gelenkt, und meine Worte. Ich schrieb nicht für mich – ich schrieb für eine imaginäre Leserschaft meiner Zeilen. Auch meine inneren Monologe wandten sich an ein gesichtloses Publikum. In meinen eigenen Gedanken, in meinem Kopf, war ich nie frei, nie authentisch. In meiner inneren Welt war ich nie einfach nur ich.

Gleichzeitig litt ich an einer schlimmen Sorte von Einsamkeit: Jener in einer Beziehung. Vielfach ungesehen, ungehört, unerfüllt. Die innere und äußere Leere machten mir seit Jahren immer mehr zu schaffen.

Und dann gab es noch den eigentlichen Gamechanger: Ich griff mir ein Buch von Safi Nidiaye, „Aufwachen – und Lachen“, aus meinem Regal und las es zum wiederholten Mal. Laut Untertitel steht darin „der einfache Weg zur Freiheit von Ärger, Angst und Leid“ beschrieben. Und diesmal – wie auch immer mir das gelungen ist, mit kopfmäßiger Disziplin hatte es jedenfalls nichts zu tun – befolgte ich endlich die absolute Regel #1 bei Selbsthilfebüchern: „Du musst es auch anwenden. Lesen allein reicht nicht.“

Ekel – eine Emotion,
die Schädliches aus
dem eigenen System
herausbefördern will

Das erste schwer zu greifende Gefühl, das ich nach Safi’s Methode in mir entdeckte, war – Ekel!
Dazu hatte ich mir stundenlang bei einem meiner inneren Monologe zugesehen und zugehört. Ein Arbeitskollege war mir seinerzeit immer wieder zu sehr auf die Pelle gerückt, und ich hatte es nicht geschafft, ihn um mehr Abstand zu bitten oder gar, diesen klar und deutlich von ihm zu fordern!

Während ich mir also selbst bei meiner inneren Aufregung zusah, fragte ich mich immer wieder: „Worum genau geht es hier? Was ist das für ein Gefühl?“.

Schließlich überkam mich die Einsicht: Dieser körperliche Abstand zwischen uns, der mir viel zu gering war, verursachte mir Ekel – eine Emotion, die etwas möglicherweise schädliches aus dem eigenen System herausbefördern will. Hatte ich zuvor in dem ganzen Lamentieren auch mit mir selbst gehadert, war ich mit der Erkenntnis sofort auf meiner Seite! Was für eine Erlösung! 

Als der Mann mir eine Weile später am Kaffee-Automaten wieder einmal zu nah kam, fauchte ich ihn völlig unerwartet (auch für mich) an, er solle gefälligst einen Schritt zurücktreten!

Die Sache mit dem „ehrlich Tagebuch schreiben“ und die Arbeit darum, meine Emotionen kennen- und annehmen zu lernen – für mich gehören beide zusammen; sie gingen und gehen Hand in Hand. Heute greife ich fast immer zu Stift und Zettel, Tagebuch oder Laptop, wenn eine Situation mich nicht loslässt, und schreibe los: In ganzen oder in abgebrochenen Sätzen, in Stichworten, in Wiederholungen – manchmal Seitenlang – in ungehobelter Sprache, mit Schimpfworten oder sanft und freundlich, wenn nötig stümperhaft, suchend, schreibend, was ich eben gerade greifen kann…. Wie auch immer: Sobald ich auf den Punkt ausgedrückt habe, was ich wirklich fühle und denke, atme ich tief durch, entspanne – und das Thema ist abgehakt.

Was das mit dem Anfang vom Ende meines ziemlich unglücklichen Lebens zu tun hat?

Dies waren die ersten Schritte zu mir selbst, die anderes nach sich zogen: Kurz darauf ging meine leider viel zu lange viel zu unglückliche Partnerschaft mit einem Knall in die Brüche. Wir hatten nie gestritten. Aber an jenem Tag ließ ich erstmals ganz authentisch meinen Frust auf eine Situation, die unser Miteinander betraf, raus. Auch er muss von uns sehr frustriert gewesen sein, denn ihm platzte die Hutschnur und er reduzierte augenblicklich die Kommunikation mit mir auf das absolut unumgänglichste Mindestmaß – „Hallo“ und „Tschüß“, „Guten Morgen“ und „Gute Nacht“, manchmal „Danke“. Ich weiß bis heute nicht, wie die letzten Monate unseres Zusammenseins für ihn waren. Nach zwei Wochen Schweigen floh ich aus unserer Wohnung. Und das wars. Das war der Anfang vom Ende meines ziemlich unglücklichen Lebens.

Als nächstes folgte die Entscheidung, mich so lange mit mir selbst zu beschäftigen, bis ich wüßte, wo im Leben ich wirklich hinwollte und was mir ganz persönlich wichtig ist, damit ich es nie wieder vergessen würde – und schon gar nicht in einer neuen Partnerschaft! Ich habe es mir nicht einfach gemacht, es war nicht leicht und schon gar nicht „mal eben“, aber ich bin immer weiter gegangen. Und um es mit Michael Ende und mit Worten aus der Unendlichen Geschichte zu sagen: „Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein anderes Mal erzählt werden.“

Herrchen verwaist!

Ich bin 41 Jahre alt und lebe allein. Um mich herum habe ich meinen kleinen Freundeskreis, bin im Fußballverein vor Ort aktiv und ich habe einen guten Kontakt zu meiner Familie. Soweit alles gut.

Vor einigen Monaten musste ich aber meinen Hund Henry einschläfern lassen, ein Golden Retriever. 12 Jahre lang hat er mich durch dick und dünn begleitet, er war einfach immer da, und er hat gemerkt, wenn es mir nicht gut ging.

Ihn einschläfern zu lassen, war das Schwerste, was ich jemals tun musste. Er hatte eine Herzmuskelschwäche und ist fast daran erstickt, weil er nicht mehr richtig atmen konnte.

Es ist mir fast peinlich, das zuzugeben, aber ich bin immer noch sehr traurig, ganz besonders, wenn ich nach Hause komme und mein Kumpel nicht an der Tür auf mich wartet. Meine Freunde und Familie sagen, es sei ja „nur“ ein Hund gewesen, so ist das nun mal, Tiere sterben, es muss weitergehen und all diesen Mist. Nur helfen tut mir das nicht, ganz im Gegenteil. Er war mein bester Freund!

Nun frage ich mich, ob das normal ist, so lange um ein Tier zu trauern. Ich weiß doch, dass Henry ein wirklich gutes Leben hatte, und er war auch schon alt. Da müsste ich doch damit umgehen können und mich freuen, dass wir so lange Zeit miteinander hatten, oder?

Aber seit Henry tot ist, fühle ich mich wahnsinnig einsam und leer. Ich merke, dass ich mir noch so oft sagen kann, dass der Tod zum Leben gehört und diesen Kram, aber deshalb fühle ich mich kein bisschen besser.

Wie kann ich aus diesem Loch herauskommen und wieder das Gute in meinem Leben mehr wahrnehmen?
Carsten

Hallo Carsten,

der Tod gehört zum Leben dazu, das ist richtig.
Und das Abschiednehmen und Trauern gehört ebenfalls zum Leben dazu!

Was ist schon normal?
Ein Mittelwert.

Bei Manchen geht das sehr schnell und bei Anderen dauert es sogar länger als die eigentliche Zeit, die man miteinander hatte. Aber was ist schon normal? Eine Mittelwert, der über viele Einzelfälle hinweg errechnet wurde – dieses „normal“-Maß findet sich selten in Form einer echten Person.

Offenbar ist es noch keinem Ihrer Freunde oder Bekannten in einer Verlustsituation so (lange so) ergangen, wie es Ihnen geht. Vielleicht hat noch keiner Ihrer Freunde und Bekannten ein geliebtes Wesen verloren, das derart eindeutig loyal zugewandt war, wie Henry Ihnen. Vielleicht hat noch keiner Ihrer Freunde und Bekannten jemanden verloren, mit dem er oder sie eine solch lange oder intensive, innige Zeit verbracht hat. Oder vielleicht haben Ihre Freunde und Bekannten nur einfach andere Verarbeitungsmuster, denn eins ist ganz sicher: Keiner von Ihren Freunden und Bekannten IST (wie) Sie.

Henry war Ihr bester Freund. Ein Freund, der zuverlässig Freude signalisierte, wenn Sie nach Hause kamen. Ein Freund, mit dem Sie viel erlebt haben, und dabei war er immer ehrlich und vermutlich für Sie gut berechenbar. Über 12 Jahre. Das ist ein langer Zeitraum, in dem sich diese hochpositive, emotionale und wiederkehrende Erfahrung stabil und zuverlässig in Ihr Hirn eingeprägt hat, eine Zeit, in der starke Erinnerungsstrukturen in Ihrem Gehirn gewachsen sind.

Und jetzt ist er weg.

Ihre Wohnung, in der er zuvor auf Sie gewartet hat, ist leer. Sie kommen allein nach Hause, und Henry ist nicht da, um sie zu begrüßen. Henry ist nicht da, um ihm durchs Fell zu strubbeln, Sachen wie „komm her, mein Freund“ zu ihm zu sagen, die Nase in seine Locken zu stecken oder hinters Ohr oder die Stirn an seine Stirn zu legen; da ist kein fröhliches Herumtollen, Bälle oder Stöcke werfen, keine gemeinsamen Spaziergänge oder zuvor der herausfordernde Blick, der sagt: „Herrchen, ich muss raus! Los! Jetzt!“.

Sich zu verabschieden, ist ein Prozess. Je vertrauter die Verbindung war, umso intensiver kann die Erinnerung zurückkehren, wenn etwas so ähnlich ist, wie es einmal war. Und daher kann dieser Prozess dann vielleicht auch umso länger dauern.

Wir können unter der Erinnerung zusammenbrechen, wenn wir uns standhaft gegen sie behaupten wollen – oder wir können sie begrüßen, mit ihr gehen, vielleicht auch in das Loch hinein, den Schmerz fühlen, ihm Raum und vielleicht Gestalt geben und damit dem Verlorenen Wertschätzung entgegenbringen.

Ich erlaube mir, in der Betrachtung des Prozesses keinen Unterschied zu machen zwischen Mensch oder (tierischen) Freund. Daher gebe ich dies zu bedenken: Früher gab es für Menschen in unserer Kultur das „Trauerjahr“, eine ganze Runde all der besonderen Tage und Momente, die so ein Jahr bereit hält. Wir haben den Totensonntag, um in einem christlichen Rahmen der Gegangenen zu gedenken – ein Ritual, das auch die Sicherheit geben kann, nicht einfach nur zu vergessen.

Rituale helfen!

In Mexico wird der „Día de los Muertos“ gefeiert. Gefeiert! Ein Tag, an dem die Geister der Toten eingeladen werden, in die Mitte der Lebenden zurückzukehren – ein Ritual, das einen Rahmen gibt, in dem intensiv und positiv an die Gegangenen gedacht wird.

Und dann sind da Sie – und Sie können und wollen (!) nicht einfach nur akzeptieren, dass Ihr Kumpel nicht mehr da ist. In meinen Augen ist nichts daran „nicht normal“.

Geben Sie ihm, der Erinnerung, einen Platz in Ihrem Leben. Wie intensiv, das entscheiden Sie! Vielleicht nehmen Sie sich ein Bild und stellen es gut sichtbar auf. Wann immer Ihr Blick darauf fällt, können Sie sich einen kleinen Moment (oder auch eine längere Zeitspanne) nehmen, um an Henry zu denken. Vielleicht hängen Sie seine Leine neben die Tür, so dass Sie beim Heimkehren in einem kleinen Ritual in liebevoller Erinnerung „Hallo Henry“ sagen können. Vielleicht haben Sie ihm früher von Ihrem Tag erzählt – vielleicht tut es Ihnen gut, dies wieder zu tun: „Hey, alter Kumpel, ich weiß, du bist nicht mehr da, aber ich möchte Dir so gern erzählen…“. Vielleicht gehen Sie spazieren auf Ihren alten Wegen und erinnern sich daran, wie es war: „Na, Henry, weißt du noch? Hier hast du …“. Vielleicht möchten Sie einfach nur die Augen schließen, und sich vorstellen, wie Sie mit ihrem Freund herumtollen. Vielleicht gibt es auch ganz etwas anderes, das sich für Sie passend und gut anfühlt.

Und ja, sich zu erlauben, von ganzem Herzen traurig zu sein, kann sich gut anfühlen!

Es hilft, der Trauer
Raum zu geben

Vielleicht entdecken Sie in sich sogar Wut darüber, dass er sterben mußte, oder ein Gefühl von Schuld, weil er litt, und Sie es nicht verhindern konnten. Oder weil Sie ihn töten ließen – auch wenn es Henry von seiner Qual erlöst hat. Beim Trauern geht es oft um mehr, als nur um die pure Tatsache, dass jemand oder etwas im Leben fehlt.

Es hilft, der Trauer Raum zu geben. Und zu wissen, dass es dafür eine reservierte Zeit gibt (einen Atemzug lang, eine halbe Stunde, eine ganze Woche extra dafür genommenen Urlaub…) kann helfen, außerhalb dieser Zeit am normalen Leben (wieder) leicht(er) teilzunehmen.

Ein Hund ist ein Freund, wie es die wenigsten Menschen sein können. Er darf betrauert werden. Genau so und genau so lange, wie es für Sie richtig ist.

Ich wünsche Ihnen von Herzen alles Gute!
Katharina Hirsch