Loslassen – ja, wenn es so einfach wäre…

Immer wieder bekommen Menschen, die noch mit der Vergangenheit beschäftigt sind, zu hören: „Du musst loslassen“, „Lass einfach los!“.

Ja, wenn es denn so einfach wäre – dann würde manche, mancher es ja glatt machen… Vielleicht.

Doch tatsächlich – ist es das eben oft nicht: einfach.

Im Gegenteil erleben Betroffene immer wieder, dass das Umfeld die Bemühungen, mit der Vergangenheit fertig zu werden, nur eine kleine Zeit lang verstehen und begleiten kann. Das Trauerjahr hat seine generelle Bekanntheit verloren. Im Gegenteil wird das Leben mit all seinen – technisch initiierten – Entwicklungen immer schneller. Manchem Beobachter wird es schon nach wenigen Wochen unheimlich, wenn weiterhin der alte Pulli mit dem Geruch des verlorenen Anderen im Bett liegt, die Jacke weiterhin an der Garderobe hängt, wenn bestimmte Fragen wieder und wieder gestellt werden und ewig die gleichen Geschichten erzählt werden.

Dabei zeigt dies nur eins: Es ist noch nicht vorbei. Die Vergangenheit ist noch nicht abgeschlossen. Zu vieles ist noch präsent. Lehren sind noch nicht (ausreichend) gelernt, und Schätze noch nicht (sicher) geborgen.

Und so kommt es, dass Menschen, die durch für sie schwierige Veränderungsphasen gehen, es als hilfreich erleben (können), sich gezielt der Erinnerung auszusetzen. Sei es, um einer Sehnsucht nachzugeben; den Widerstand kurzzeitig aufzugeben; den Kampf um die Zukunft ruhen zu lassen; einen Moment der Wahrheit Raum zu geben, die da sagt: „Das ist in mir, und es tut weh“, oder: „Das ist in mir, und ich möchte bitte gerade nicht so tun, als sei es anders“, oder: „Das ist in mir, und es gibt mir Kraft“, oder: „Das habe ich immer noch nicht verstanden!“. Wieder und wieder. Solange, bis Ruhe einkehrt. Vielleicht Frieden. Bis der Impuls, sich (ständig) der Vergangenheit zuzuwenden, nachlässt. Aufhört. Ausbleibt. Bis eben wahres Loslassen geschieht.

Denn: „Vergangenheit ist, wenn nichts mehr weh tut!“ (Mark Twain).

Es geht darum, offene Fragen zu beantworten. Es geht darum, die Essenz des Erlebten in sich aufzunehmendas Gute zu integrieren, das Schlechte zu durchleuchten, um es in Zukunft schneller erkennen und abwehren zu können.

Das macht Erinnerungsarbeit.
In Ritualen bekommt sie einen Rahmen, zeitlich, methodisch, zuverlässig. In Ritualen wie dem Anzünden einer Kerze und Andacht; im Tagebuch-Schreiben; im inneren Dialog; in Briefen, die sich voller Gedanken, Fragen und Überlegungen an einen Adressaten wenden, ohne abgeschickt zu werden; in begangenen Feier- und Gedenktagen.
Aber natürlich auch im Gespräch mit Familie, Freunden oder Nachbarn, mit anderen Betroffenen in Selbsthilfegruppen oder mit professionellen Zuhörern wie einem Pfarrer, einer Therapeutin oder  anderen Helferinnen und Helfern.

Das macht eigene und/oder unterstützte Arbeit ganz konkret mit der Wahrnehmung und Anerkennung von Bedürfnissen und Emotionen.
Zum Beispiel im Personenzentrierten Gespräch nach Carl Rogers oder mit der Gewaltfreie Kommunikation nach Marshall Rosenberg: Bei beiden steht das Einfühlen in die Bedürfnisse der Erzählenden ganz weit im Vordergrund, das in deren Aufatmen des Verstehens oder Verstanden-worden-seins  seine Bestätigung zu findet.

Das machen systemische Techniken, mit denen teilweise nach Mustern gesucht wird und vielfach – auch wieder durch intellektuelles oder emotionales Verstehen – Perspektivwechsel angeregt werden.

Und das macht auch die Verhaltenstherapie, wenn sie Wege und Methoden aufzeigt, um Erinnerungen, Bedürfnisse und Emotionen aufzuspüren, ihnen nachzuspüren, sie systematisch beobachten- und kennenzulernen.

Wenn loslassen einfach ist – dann geschieht es. Und genau deswegen ist es für Menschen, die abschließen können, weil sie keine offenen Anteile mehr in einem Verlust bearbeiten müssen, so schwierig zu verstehen, wenn andere es nicht können.

Wenn loslassen nicht einfach geschieht – dann gibt es noch Arbeit am Vergangenen, Verlorenen zu tun. Im Bedarfsfall mit Unterstützung. Und das ist in Ordnung so. Denn:

Vergangenheit ist erst, wenn nichts mehr weh tut.

Besser leben in Schlechtwetterzeiten

Zu leben mit Trauer, Kummer und Gram, nach einem Verlust, vielleicht einer Trennung, ist wahrlich nicht einfach.

Und dann ist da noch die Sache mit dem Wetter…

Schlechtes Wetter kann ein Segen sein. Oder ein Fluch.
Sonnenschein kann ein Segen sein. Oder ein Arsch*.

Und so sind manche manchmal dankbar für trübe Tage – wenn die eigene Stimmung sich deckt mit dem Grau da draußen; wenn sie gedeckelt wird von einem wolkenverhangenen Himmel vor der Tür. Mit ein wenig Glück ist es dann möglich, im Haus zu bleiben, in der Wohnung, im Bett. Wenn nicht – auch egal. Angeblich.

Sich einigeln zu können und nichts zu müssen, sich verweigern zu können ist manchmal ein Vorteil des Single-Daseins. Die Anforderungen bleiben flach. Der Preis: Aufmunterungen obligen der eigenen Verantwortung.

Dabei zeigt sich immer wieder eins: Dem Raum geben, was gerade ist – der Trauer, der Schwere, der Trübnis – ohne Gegenwehr, einfach nur da sein lassen… tut oft gut. Immer mal wieder wandelt sich dann das Einheitsgrau, der Kummer, die Schwäche, in einen Hauch von Lebendigkeit oder auch mehr – denn so ist sie, die Natur von Sein. Veränderlich. Und sei es in Nuancen.

Das zu wissen, kann helfen. Wenn es denn helfen darf. Im Trüb des Verlustes oder des Mangels, aber auch im Erlauben von etwas mehr Leichtigkeit, wenn sie sich zeigt oder gar im Ausprobieren von manch doch (was ein Scheiß*) hilfreicher Technik…

Die Natur von Sein:
Veränderlich.
Und sei es in Nuancen

Wie in Momenten, wenn es dann doch greift, dieses angebliche „Egal“, das in Wahrheit gar nicht egal ist, wenn man doch hinaus muss… Vielleicht mit Widerstand, Widerwillen, schwer und schlapp – und wenn es dann spürbar wird: Wetter ist Leben. Draußen ist (mehr) Licht. Selbst an grauen Tagen.

Ob ich will oder nicht: Rausgehen verändert etwas. Und irgendwie tut es gut – und ganz besonders an Tagen, an denen die Sehnsucht groß ist nach ein klein wenig Leichtigkeit, aber die Kraft gering für eine selbstinduzierte Stimmungsaufhellung.

In solchen Momenten sind jene im Vorteil, die in Gemeinschaft leben… Wenn Andere Sinn und Kraft geben; Andere, für die es sich zu leben lohnt, aufzustehen lohnt, auch in schweren Zeiten.
Doch wenn das graue Wetter da draußen eine zusätzliche Last bildet auf der Schwere des Seins, und es solch eine Wohltat wäre, ein klein wenig mehr Licht und Leichtigkeit zu erleben… Dann ist es ein Fluch.

Dann wäre oder ist Sonne von Nöten, und besonders hilfreich. Denn wenn sie scheint, wenn sie die Wohnung zum Leuchten bringt und Farbe hinein, wenn ihr Licht und ihre Kraft den Schleier der Schwermut durchwebt und Farbe ins Gemüt bringt, dann ist sie ein Segen, der den ganzen Tag aufhellt.

Und doch, blankem Hohn gleich, kann sich ein sonniger Morgen dem schweren Herzen aufdrängen: „Hey, da bin ich! Das lachende Leben! Freude, Geselligkeit, Licht, …“.

Arsch!*

Wenn die Kraft gerade nicht da ist, all das zu sein: freudig, gesellig, lachend. Was für eine Herausforderung, gar Überforderung kann da eine muntere Wetterlage sein! Wenn die Menschen um einen herum angesteckt sind, elektrisiert, aufgeladen von Licht und Wärme und guter Laune – dann ist es so anstrengend, so zu tun, als könne man mithalten, wo man es in Wahrheit doch gar nicht kann!

Und so bleibt es dabei – es wirkt erleichternd, dem Raum zu geben, was gerade ist. Im eigenen Gemüt, an diesem Tag. Und seien es drei Minuten auf der Toilette bei der Arbeit – den Kopf vielleicht in die Hände gestützt, die Augen geschlossen, getragen vom Möbel – nur für einen kleinen, bewussten Moment. Am besten wissend, ihm mehr Raum zu geben zu einer Zeit, da es möglich ist. In einer Zeit der zurückgezogenen Ruhe oder mit einem zugewandten Gegenüber. In einem Gespräch oder bei einem Ritual der Selbstfürsorge oder der Erinnerung, einer Meditation oder einer kleinen Yogareihe…

Und dem Wetter danken – oder ihm sagen: Du kannst mich mal!

*Fluchen und Schimpfworte nutzen, entstresst. Mehr dazu hier oder auch hier.

Brainspotting – Spritzenphobie adé!

Im Alter von 9 Jahren musste mir vom Kieferchirurgen ein überzähliger Zahn herausoperiert werden.
Als die zahnmedizinische Fachangestellte die aufgezogene Spritze über mich hinweg an den Arzt übergeben wollte, flog mein Arm nach oben – und die Spritze in hohem Bogen durch den Raum.
Ein purer Reflex!
Spritzen machen mir einfach großen Stress.
Der Kieferchirurg schimpfte mit mir. Mein Vater schimpfte mit dem Kieferchirurgen und dessen Mitarbeiterin. Danach ging alles seinen Gang.

Nur die Angst vor Spritzen hat sich nicht verändert.
Trotz vieler Anläufe mit versuchter Tapferkeit ist es klüger, dass ich mich hinlege, wenn mich jemand pieksen will. Sämtliche Versuche, mir bewußt zu machen, dass der Einstich in keinem Verhältnis zu meiner Angst steht, scheiterten bisher kläglich. Ich weiß, wie ich mich ablenken oder nach und nach runterregeln kann. Es geht schon. Immer mit einigem Aufstand. Nur – weg… ging die Angst bisher trotzdem nicht!

Ich weiß, dass ich damit nicht alleine bin. Etwa 3 Prozent der Menschen in Deutschland haben mit mehr oder weniger starker Angst vor Nadeln zu tun. Wie auch ich, können viele mit allerlei Tricks lernen, ihr Angst zu kontrollieren. Doch Angst-Kontrolle ist nicht das Gleiche, wie angstfrei zu sein. Kontrolle muss ich immer wieder ausüben. Angstfreiheit – ließe mich einfach entspannt bleiben. Ich will die Freiheit!

Spritzenphobie ist keine Kopfsache. Die Angst steckt in den Knochen, der Körper macht Alarm, er verkrampft, teilweise bis in die Gefäße. Die Anspannung kann Übelkeit bis hin zum Erbrechen verursachen, oder Ohnmacht. In der Regel wissen die Betroffenen, dass ihre Angst der Sache nicht angemessen ist. Helfen tut dieses Wissen nicht.

Oft war selbst die angstauslösende Situation objektiv „nur halb so schlimm“. Und auch wenn bei Einigen schlimme und wiederholte Erfahrungen mit Nadeln die Angst verursacht haben, sind es viel häufiger objektiv betrachtet harmlose Erlebnisse, die der Mensch jedoch als kleines Kind nicht einsortieren und verstehen konnte.
Manchmal entspringt die spätere Angst sogar einfach nur der Beobachtung eines spritzenphobischen Erwachsenen. In diesen Fällen ist sie am Modell gelernt. Eigentlich ist dies ein genialer Mechanismus – aber manchmal eben nicht.

Zum Glück lässt sich diese Phobie in den meisten Fällen ganz gut behandeln.
Viele schwören auf Verhaltenstherapeutische Techniken. Ich nicht. Denn dann hätte ich längst keine Angst mehr.
Andere lassen sich durch Hypnose mit Entspannung und Suggestionen helfen. Auch diese hat gute Erfolgsquoten, habe ich gehört.

Ich selbst habe auf Brainspotting gesetzt. Nachdem ich die Technik vor einiger Zeit kennengelernt habe und sie mich sofort theoretisch und praktisch überzeugt hat, ist sie mein aktuelles Lieblingswerkzeug geworden. Brainspotting kommt ohne Fremddeutung oder Input aus. Es arbeitet mit dem, was in der Person selbst ist. Und ich habe es erfolgreich bei meiner Spritzenphobie angewendet.

Brainspotting regt Verarbeitungsprozesse im Gehirn an, indem die eigenen, im Körper entstehenden Empfindungen und Reaktionen durch die Blickrichtung der Augen beeinflusst werden.
Dazu ruft man sich zuerst die zu bearbeitende Situation ins Gedächtnis. Ich stellte mir also vor, mir solle gleich eine Impfung verabreicht werden. Als Reaktion zog sich erst etwas in meinem Bauch zusammen, dann verschoben sich die Empfindungen rasch direkt hinein ins Rückenmark.

Durch die Blickrichtung werden die Empfindungen und Reaktionen verstärkt oder abgeschwächt. So können sie im sicheren Rahmen durchgearbeitet werden und sich abreagieren.

Da viele Menschen mit ihren Emotionen und dazugehörigen Körperreaktionen nicht so vertraut sind, ist es in der Regel sinnvoll, dies durch eine*n Therapeuten/Therapeutin anleiten und begleiten zu lassen. Zum Beispiel durch mich.

Erfahrungen und Erinnerungen können sich zeigen und ganz nach dem eigenen Verständnis neu miteinander in Verbindung gebracht werden. Ich selbst hatte keine inneren Bilder. Nur die Empfindungen.

Irgendwann beruhigt sich der Ablauf.

Und genau so war es – erst dachte ich noch „Holla, wann hört das denn auf?“, im nächsten Moment ließen die Körperreaktionen deutlich nach. Immer wieder rief ich mir die Einstiegsvorstellung ins Gedächtnis – aber die Reaktion wurde nicht mehr so stark und ließ weiter nach. Anfangs wurde es immer leichter bei der Vorstellung des Desinfektionstupfers, der mir näher kam. Dann auch bei dem Bild der Nadel.

Irgendwann atmete ich einmal tief durch und war mir sicher: Wegzuschauen würde ausreichen, um gut durch die Impfung zu kommen. Für totale Freiheit von jeglicher Anspannung würde ich mir später noch einmal Zeit nehmen. Das war mir gerade nicht so wichtig.

Die Theorie konnte ich wenig später und sehr unerwartet in der Praxis meines Hausarztes überprüfen.

Der Tupfer? Null problemo!
Die Nadel? Ich überlegte noch, ob das da gerade ein Pieks gewesen war, oder ob er noch käme – da war es schon vorbei.
Und ja, ich hatte weggesehen.
Aber: Keine Anspannung. Keine Kreislaufprobleme. Und schon gar kein Umkippen.

Mein Fazit: Ich liebe Brainspotting. Es ist einfach genial. Und wirkt nicht nur bei Spritzenphobie. Wenn Sie es auch ausprobieren oder als therapeutische Intervention nutzen wollen, rufen Sie mich gern an!

Ein Lob auf den Trotz

Trotz ist gut!
Er kann eine wichtige und gesunde Form der Selbstbehauptung darstellen.
Ich schätze ihn, wenn ich diese Funktion bei ihm erkenne.

Bei mir zeigt er sich, wenn mir jemand auf die Füße getreten ist, oder ich mich überrumpelt und nicht ernst genommen fühle.

Er verhilft zum Widerstand. Zum Einfordern von mehr Information, Anerkennung, gesehen und gehört werden, oder eben – sich nicht überrumpeln zu lassen.
Das halte ich für sinnvoll. Auch bei anderen!

Meine Neigung, mich trotzig zu geben, liegt nicht nur in meinem Charakter.
Er hatte auch ein starkes Vorbild, das manchmal von anderen wiedererkannt wird.
Und Trotz kann Spaß machen! Es lässt sich herrlich damit kokettieren.

Ich schob
den Trotz
zur Seite

Und doch gab es eine Zeit in meinem Leben, in der ich ihm nicht über den Weg traute. Ich befürchtete, mit meinen trotzigen Reaktionen zu übertreiben* – und dass ich keine Berechtigung dazu hätte. Außerdem hatte ich Angst, mir wichtige Menschen zu verprellen.
Also schob ich ihn zur Seite.

Das zeigte zweifelhafte Wirkung: Ich verblasste. Meine Lebendigkeit – und meine Lebensfreude. Auf der anderen Seite verlor sich die Beachtung meiner Interessen. Trotz ist eine kraftvolle Antwort auf das Leben – indem ich sie kleinzwang, gewannen Schwere und Schwermut an Gewicht.

Beides sind keine guten Begleiter. Sie führen in Hilflosigkeit und Depression.

Der Weg zurück fiel mir nicht leicht. Doch dabei begegnete mir unvermeidlich auch mein Trotz wieder. Ich begegnete ihm in der Vision meines ca. vierjährigen Selbst (auch gern als „Inneres Kind“ bezeichnet – aber ich hatte nicht nach ihm gesucht). Ich erkannte den Trotz in meinem rebellisch herausgestreckten Bauch (der mich gleichzeitig an den Bauch eines Buddha erinnerte).
An dieser Stelle kann ich herzlich über dieses Bild von mir selbst lachen – und gleichzeitig die Lebenskraft und den Durchsetzungswillen dieses jungen Menschleins bewundern, anerkennen und wertschätzen!
Ich habe keine bewusste Erinnerung daran, ob ich mich jemals wirklich bauchherausstreckend meiner Umwelt präsentiert habe. Doch die Vorstellung begeistert mich.

Mit der Zeit lernte ich meinen Trotz genauer kennen. Über die Wahrnehmung widerständischen Verhaltens hinaus lernte ich, meinen Gedanken mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Dabei kam ich zu der Überzeugung, dass jeder davon seine Berechtigung hat! Er hat einen verstehbaren Hintergrund. Hier ist es ein wesentlicher Trick, Gedanken ernst zu nehmen als Ausdruck von Bedürfnissen, Sorgen und Ängsten – aber nicht immer als aktuelle bzw. konkrete Wahrheit**.

Noch einmal auf den körperlichen Ausdruck geschaut, können sich Trotz und Widerstand auch in einem aufgeblähten Brustkorb zeigen. Allerdings ist das sehr anstrengend, denn um die Form zu halten, blockiere ich den Strom der Lebensenergie – die Atmung.
 So schadet dann das Festhalten am eigenen Trotz dem oder der Trotzenden mehr als dem Anderen, der das Anliegen selbst nicht einmal wahrnimmt, wenn es nicht deutlich ausgesprochen wird.
Ganz besonders schädigend ist dies alles, wenn es unterschwellig bleibt – nach außen nicht sichtbar und vielleicht nicht einmal stark genug, sich selbst als blockiert wahrzunehmen. Doch auch dann wird die Atemtiefe reduziert, und die Lebensenergie kann sich nicht richtig erneuern.

Irgendwann
hatte ich
die Wahl…

Für die Zukunft hatte ich irgendwann die Wahl: mich weiterhin zu verraten oder potenziell allein da zu stehen – aber zumindest im Fluß der Lebensenergie und im Einklang mit mir selbst. Da ich zu jener Zeit sowieso überwiegend alleine da stand, riskierte ich mehr Authentizität, als neue Menschen in mein Leben traten.
Heute habe ich einen größeren Freundeskreis als jemals zuvor. Es ist mehr als eine handvoll Leute, bei denen ich darauf vertraue, dass sie bei Bedarf für mich da sind. Erprobt, getestet und bewiesen.

Heute brauche ich meinen Trotz weit weniger als noch vor einigen Jahren. Indem ich ihm Raum gab, konnte ich durch die Reaktionen der Anderen auch erkennen, wann er in seiner Intensität vielleicht nicht nötig gewesen wäre. Ich konnte lernen, dass es reichen könnte, meine Forderungen ruhiger und mit mehr Selbstbewusstsein anzubringen. Und natürlich geht es beim gelingenden Menschsein darum, eine gesunde Balance zu finden aus der Beachtung und Befriedigung meiner eigenen Bedürfnisse und der Anforderungen und Wünsche von Außen.

Bleibt ein weiterer Punkt, der dazugehört: Auch wenn im Kopf alles klar ist, können letztlich emotionale Blockaden verhindern, einfach und natürlich nach außen zu bringen, was in einem steckt. Stoße ich auf solche letzten, emotionalen Hindernissen auf dem Weg zur gelassenen Selbstbehauptung, helfen mir Aufstellungsarbeit oder neuerdings die Technik des Brainspotting***.
Beides sind Wege, (unter anderem) Emotionen in einem sicheren Rahmen fließen zu lassen.
Und es ist immer das Fließenlassen von Emotionen, das wirkliche Veränderung bringt!

*Das ist durchaus auch möglich!

**Gelernt und abgewandelt durch die Lektüre von Safi Nidiayes Büchern und Anwendung der Technik der Körperzentrierten Herzensarbeit

***Brainspotting ist eine sehr gut funktionierende Methode, um Stress zu verarbeiten und Blockaden abzubauen. Dabei zeigen sich teilweise auch neue Perspektiven auf das eigene Leben. Dazu nächste Woche mehr.

Gegen die Angst vor Gefühlen

Meine Absicht war es, an dieser Stelle einen Text zu schreiben mit der Überschrift „Gefühle sind nicht gefährlich!“.

Doch das kann ich so nicht. Denn leider ist es nicht wahr. Im Angesicht viel zu vieler Menschen, die entweder andere unterwerfen oder sich selbst einfach nur erhöhen wollen, ist es gefährlich, Gefühle zu zeigen! Viel zu viele Menschen toben sich an jenen aus, die nicht die körperliche und emotionale Stärke haben, sich erfolgreich gegen sie zu wehren.

Ich kann das so nicht schreiben, weil ich gerade mit einer jungen Frau arbeite, die jeglichen Kontakt zur Gegenwart verliert (dissoziiert), sobald es darum geht, sich selbst zu spüren. Dabei wird sie diese Hürde überwinden müssen, um heil zu werden und ein gutes Leben führen zu können*. Einst war die psychische Fähigkeit, sich von den Gefühlen abzuspalten, ihr einziger Schutz, um psychisch – und vielleicht sogar überhaupt – zu überleben. Heute erleidet sie Panikattacken und jeder Tag bedeutet für sie eine einzige Herausforderung.

Und doch haben Sie den Unterschied vielleicht schon bemerkt:

Gefühle an sich… sind nicht gefährlich!
Gefühle zu zeigen kann gefährlich sein.
Manche Menschen sind gefährlich, weil sie ihre Gefühle rücksichts- und gnadenlos ausagieren oder Gewalt anwenden, um ihre tatsächlichen – und vermeintlich schwachen – Gefühle zu verbergen. Meistens ganz besonders vor sich selbst.

Gegen
innere Leere
hilft nur eins:
Fühlen

Und doch liegt genau hier – im Verbergen von Gefühlen, auch und vor allem vor sich selbst – der Kern für Empfindungen von innerer Leere. Von Verlorenheit. Von innerem Tot-sein. Von Schmerz und der Ahnung um Falsch-heit.

Und dagegen gibt es nur ein Heilmittel.
Fühlen.
Gefühle zulassen.
Gefühle ausdrücken.

Das geht auch sozial-verträglich. Selbst wenn es erst gelernt werden muss.
Sogar mit Wut. Mit Scham. Bei Schuldgefühlen. Auch wenn letztere besonders schwer als Gefühl auszuhalten sind. Deswegen braucht es manchmal auch gezielt Unterstützung von außen. Durch Menschen, denen man vertraut.
Gefühle sind informativ. Sie versetzen uns in Bewegung.
Gefühle zu vermeiden verursacht statt dessen – immer Schmerz!

Dabei ist die Natur von Gefühlen, von Emotionen, grundsätzlich sehr vergänglich, sehr fließend!
Das lässt sich schon an dem Wort „Emotion“ ablesen, dessen Ursprung im lateinischen, „ex-movere“ liegt. Es bedeutet: „heraus-bewegen“.

Manche Gefühle lassen uns auf ein Ziel zugehen. Andere lassen uns von einer Gefahr wegstreben. Wieder andere lassen uns ein Hindernis angreifen. Wer dies nicht spürt, nicht wahrnimmt, nicht annimmt, bewegt sich vielleicht in die falsche Richtung – oder erstarrt.

Verschiedene Gefühle und Emotionen haben dabei unterschiedliche Informationen für uns:
So zeigt mir meine eigene Wut, das ich gerade einen mir wichtigen Wert, jemanden oder etwas bedroht sehe. Das will ich nicht zulassen!
Mein Gegenüber wird aus meiner gezeigten Wut hoffentlich schlussfolgern, mich nicht weiter zu reizen!
Wenn ich jedoch meine Wut nicht spüre, kann es sehr schwierig sein, zu wissen, was im Leben mir wirklich wichtig ist. In der Folge kann ich mich hilflos fühlen.
Wenn Wut nicht sein darf – wie soll ich etwas verteidigen, das mir wichtig ist?

Hilflosigkeit – vor allem ungefühlt, unbeachtet, unbeantwortet – kann wiederum in Depression münden.

Oder in Angst.

Angst ist die andere Möglichkeit, auf eine Bedrohung zu reagieren. Angst vor Verlust. Angst um Unversehrtheit. Angst vor Schmerz. Angst vor …
Angst initiiert die Bewegung in die entgegengesetzte Richtung als Wut es tut – Angst lässt uns flüchten.
Wer hingegen seine Angst nicht spürt, wird unvorsichtig. Er wird vielleicht zu viel riskieren – nämlich genau das, wovor die Angst warnt. Gesundheit. Sicherheit. Beziehungen. Erfolg. Das Leben….
Erst wer gelernt hat, mit seiner Angst zusammen zu arbeiten, wird sich auf eine Gefahr vorbereiten. Das Umfeld, wenn es freundlich ist, steht mir bei einem Angstthema zur Seite.

Liebe ist ein Gefühl der Annäherung und des Wohlwollens.
Freude eines des Gelingens und des Kontaktes.
Trauer zeigt einen Verlust an.
Ekel signalisiert, dass hier etwas vorliegt, dass meinem System (körperlich oder ideologisch) schaden könnte.

Gefühle sind nicht gefährlich.
Gefühle sind Leben.
Gefühle sind lebensnotwendig.

*Mit ihr arbeite ich in meinem hauptberuflichen Kontext. Dieser (finanzierte) Rahmen wird in wenigen Monaten wegfallen. Da sie betont, wie sehr ihr unsere Gespräche und meine Unterstützung gut tun, möchte ich ihr auch danach unsere Zusammenarbeit anbieten. Mit Ihrer/Deiner Spende können Sie/kannst Du diese Zusammenarbeit unterstützen.