Herrchen verwaist!

Ich bin 41 Jahre alt und lebe allein. Um mich herum habe ich meinen kleinen Freundeskreis, bin im Fußballverein vor Ort aktiv und ich habe einen guten Kontakt zu meiner Familie. Soweit alles gut.

Vor einigen Monaten musste ich aber meinen Hund Henry einschläfern lassen, ein Golden Retriever. 12 Jahre lang hat er mich durch dick und dünn begleitet, er war einfach immer da, und er hat gemerkt, wenn es mir nicht gut ging.

Ihn einschläfern zu lassen, war das Schwerste, was ich jemals tun musste. Er hatte eine Herzmuskelschwäche und ist fast daran erstickt, weil er nicht mehr richtig atmen konnte.

Es ist mir fast peinlich, das zuzugeben, aber ich bin immer noch sehr traurig, ganz besonders, wenn ich nach Hause komme und mein Kumpel nicht an der Tür auf mich wartet. Meine Freunde und Familie sagen, es sei ja „nur“ ein Hund gewesen, so ist das nun mal, Tiere sterben, es muss weitergehen und all diesen Mist. Nur helfen tut mir das nicht, ganz im Gegenteil. Er war mein bester Freund!

Nun frage ich mich, ob das normal ist, so lange um ein Tier zu trauern. Ich weiß doch, dass Henry ein wirklich gutes Leben hatte, und er war auch schon alt. Da müsste ich doch damit umgehen können und mich freuen, dass wir so lange Zeit miteinander hatten, oder?

Aber seit Henry tot ist, fühle ich mich wahnsinnig einsam und leer. Ich merke, dass ich mir noch so oft sagen kann, dass der Tod zum Leben gehört und diesen Kram, aber deshalb fühle ich mich kein bisschen besser.

Wie kann ich aus diesem Loch herauskommen und wieder das Gute in meinem Leben mehr wahrnehmen?
Carsten

Hallo Carsten,

der Tod gehört zum Leben dazu, das ist richtig.
Und das Abschiednehmen und Trauern gehört ebenfalls zum Leben dazu!

Was ist schon normal?
Ein Mittelwert.

Bei Manchen geht das sehr schnell und bei Anderen dauert es sogar länger als die eigentliche Zeit, die man miteinander hatte. Aber was ist schon normal? Eine Mittelwert, der über viele Einzelfälle hinweg errechnet wurde – dieses „normal“-Maß findet sich selten in Form einer echten Person.

Offenbar ist es noch keinem Ihrer Freunde oder Bekannten in einer Verlustsituation so (lange so) ergangen, wie es Ihnen geht. Vielleicht hat noch keiner Ihrer Freunde und Bekannten ein geliebtes Wesen verloren, das derart eindeutig loyal zugewandt war, wie Henry Ihnen. Vielleicht hat noch keiner Ihrer Freunde und Bekannten jemanden verloren, mit dem er oder sie eine solch lange oder intensive, innige Zeit verbracht hat. Oder vielleicht haben Ihre Freunde und Bekannten nur einfach andere Verarbeitungsmuster, denn eins ist ganz sicher: Keiner von Ihren Freunden und Bekannten IST (wie) Sie.

Henry war Ihr bester Freund. Ein Freund, der zuverlässig Freude signalisierte, wenn Sie nach Hause kamen. Ein Freund, mit dem Sie viel erlebt haben, und dabei war er immer ehrlich und vermutlich für Sie gut berechenbar. Über 12 Jahre. Das ist ein langer Zeitraum, in dem sich diese hochpositive, emotionale und wiederkehrende Erfahrung stabil und zuverlässig in Ihr Hirn eingeprägt hat, eine Zeit, in der starke Erinnerungsstrukturen in Ihrem Gehirn gewachsen sind.

Und jetzt ist er weg.

Ihre Wohnung, in der er zuvor auf Sie gewartet hat, ist leer. Sie kommen allein nach Hause, und Henry ist nicht da, um sie zu begrüßen. Henry ist nicht da, um ihm durchs Fell zu strubbeln, Sachen wie „komm her, mein Freund“ zu ihm zu sagen, die Nase in seine Locken zu stecken oder hinters Ohr oder die Stirn an seine Stirn zu legen; da ist kein fröhliches Herumtollen, Bälle oder Stöcke werfen, keine gemeinsamen Spaziergänge oder zuvor der herausfordernde Blick, der sagt: „Herrchen, ich muss raus! Los! Jetzt!“.

Sich zu verabschieden, ist ein Prozess. Je vertrauter die Verbindung war, umso intensiver kann die Erinnerung zurückkehren, wenn etwas so ähnlich ist, wie es einmal war. Und daher kann dieser Prozess dann vielleicht auch umso länger dauern.

Wir können unter der Erinnerung zusammenbrechen, wenn wir uns standhaft gegen sie behaupten wollen – oder wir können sie begrüßen, mit ihr gehen, vielleicht auch in das Loch hinein, den Schmerz fühlen, ihm Raum und vielleicht Gestalt geben und damit dem Verlorenen Wertschätzung entgegenbringen.

Ich erlaube mir, in der Betrachtung des Prozesses keinen Unterschied zu machen zwischen Mensch oder (tierischen) Freund. Daher gebe ich dies zu bedenken: Früher gab es für Menschen in unserer Kultur das „Trauerjahr“, eine ganze Runde all der besonderen Tage und Momente, die so ein Jahr bereit hält. Wir haben den Totensonntag, um in einem christlichen Rahmen der Gegangenen zu gedenken – ein Ritual, das auch die Sicherheit geben kann, nicht einfach nur zu vergessen.

Rituale helfen!

In Mexico wird der „Día de los Muertos“ gefeiert. Gefeiert! Ein Tag, an dem die Geister der Toten eingeladen werden, in die Mitte der Lebenden zurückzukehren – ein Ritual, das einen Rahmen gibt, in dem intensiv und positiv an die Gegangenen gedacht wird.

Und dann sind da Sie – und Sie können und wollen (!) nicht einfach nur akzeptieren, dass Ihr Kumpel nicht mehr da ist. In meinen Augen ist nichts daran „nicht normal“.

Geben Sie ihm, der Erinnerung, einen Platz in Ihrem Leben. Wie intensiv, das entscheiden Sie! Vielleicht nehmen Sie sich ein Bild und stellen es gut sichtbar auf. Wann immer Ihr Blick darauf fällt, können Sie sich einen kleinen Moment (oder auch eine längere Zeitspanne) nehmen, um an Henry zu denken. Vielleicht hängen Sie seine Leine neben die Tür, so dass Sie beim Heimkehren in einem kleinen Ritual in liebevoller Erinnerung „Hallo Henry“ sagen können. Vielleicht haben Sie ihm früher von Ihrem Tag erzählt – vielleicht tut es Ihnen gut, dies wieder zu tun: „Hey, alter Kumpel, ich weiß, du bist nicht mehr da, aber ich möchte Dir so gern erzählen…“. Vielleicht gehen Sie spazieren auf Ihren alten Wegen und erinnern sich daran, wie es war: „Na, Henry, weißt du noch? Hier hast du …“. Vielleicht möchten Sie einfach nur die Augen schließen, und sich vorstellen, wie Sie mit ihrem Freund herumtollen. Vielleicht gibt es auch ganz etwas anderes, das sich für Sie passend und gut anfühlt.

Und ja, sich zu erlauben, von ganzem Herzen traurig zu sein, kann sich gut anfühlen!

Es hilft, der Trauer
Raum zu geben

Vielleicht entdecken Sie in sich sogar Wut darüber, dass er sterben mußte, oder ein Gefühl von Schuld, weil er litt, und Sie es nicht verhindern konnten. Oder weil Sie ihn töten ließen – auch wenn es Henry von seiner Qual erlöst hat. Beim Trauern geht es oft um mehr, als nur um die pure Tatsache, dass jemand oder etwas im Leben fehlt.

Es hilft, der Trauer Raum zu geben. Und zu wissen, dass es dafür eine reservierte Zeit gibt (einen Atemzug lang, eine halbe Stunde, eine ganze Woche extra dafür genommenen Urlaub…) kann helfen, außerhalb dieser Zeit am normalen Leben (wieder) leicht(er) teilzunehmen.

Ein Hund ist ein Freund, wie es die wenigsten Menschen sein können. Er darf betrauert werden. Genau so und genau so lange, wie es für Sie richtig ist.

Ich wünsche Ihnen von Herzen alles Gute!
Katharina Hirsch

Burnout an der Waschmaschine

Foto: Pixabay auf pexels

Liebe Katharina,

ich bin angestellt in einer leitenden Funktion im sozialen Bereich. Immer wieder stehe ich vor großen Herausforderungen im Umgang mit Finanzen in meinem Bereich, dabei gibt es viel Druck von Seiten der Geldgeber und wenig Hilfestellung, auch nicht durch die Kollegen. Außerdem bin ich diejeniege, die bei jedem Streit im Team angesprochen wird. Oft komme ich mir vor wie im Kindergarten. Jetzt befürchte ich, dass ich einen Burnout habe – am Wochenende habe ich mich komplett in meiner Wohnung verkrochen. Ich wollte niemanden sehen oder hören, dabei gab es eine Verabredung, auf die ich mich sogar gefreut hatte. Ich musste sie absagen!

Rückzugsimpulse sind
ein natürlicher Reflex
der Selbstfürsorge!

Zum Schluss habe ich sogar auf das Piepen meiner Waschmaschine mit einem Heulanfall reagiert. Ich will einfach nicht mehr. Was mache ich denn jetzt?

Lydia Z.

Hallo Erschöpfte,

Rückzugsimpulse, noch dazu in einem komplexen, insgesamt fordernden Umfeld, sind erst einmal ein sehr natürlicher, gesunder Reflex – sich immer wieder Erholungspausen zu nehmen, zu geben, zu erlauben, ist eine wichtige Strategie, um die eigenen Batterien wieder aufzuladen.

Ja, oft geben Freunde und liebe Menschen uns neuen Schwung und ermöglichen uns, loszulassen, auf andere Gedanken zu kommen, uns zu erfrischen.

Und dann wieder geht es manchmal einfach darum, möglichst gar nichts zu müssen! So absolut rein gar nichts. Nicht einmal reden, lächeln, irgendwas…

In der Bibel steht: „Am siebten Tage sollst du ruh‘n“. Ich verstehe das als psycho-logische und gesellschaftliche Aufforderung zu einer regelmäßigen, individuellen Erfrischungskur.

Wir brauchen Zeiten des Nichts-tuns. Die kreative Geschichtenerfinderin Astrid Lindgren soll dazu gesagt haben: „…und dann muss man ja auch noch die Zeit haben, einfach da zu sitzen und vor sich hin zu schauen“.

Für manche Menschen ist jedoch genau das das Schwierigste überhaupt: loszulassen; sich nicht angesprochen zu fühlen von irgendwelchen Aufgaben, die erledigt werden könnten (angeblich sogar „müssen“), von Ideen, die verfolgt und umgesetzt werden könnten, von Kontakten, die gepflegt werden sollten, und so weiter, und so fort…

Für Burnout-Geplagte gilt es zu lernen, „Nein“ zu sagen zu Anderen bzw. zu Anforderungen von Außen und diese für eine Weile zu vergessen, während sie „ja“ sagen zu sich selbst.

Burnout hin oder her: Offenbar ist es in deinem Leben so weit gekommen, dass dein System einfach nur noch „Nichts“ will. Anders gesagt: eine Ruhepause. Eine so absolute Pause, dass sie nicht einmal gestört wird von der Info einer fertigen Waschmaschine mit ihrer (von dir verstandenen) Aufforderung zur Aktivität!

Wenn es um pure Erschöpfung geht, dann hilft dir für den Anfang vielleicht eine ärztlich verordnete Auszeit.

Doch vermutlich brauchst du auch etwas, wodurch du dich regelmäßig erholen kannst, eine regelmäßige Routine ganz in deinem eigenen Tempo und nur für dich. Dies könnte eine tägliche Atem- oder Entspannungsübung sein, eine Weile des ungestörten Lesens, eine Zeit zum Löcher-in-die-Luft-starren oder anderes. Vielleicht hilft dir auch eine wöchtenliche Ich-Zeit mit einem offiziellen Rahmen wie eine Massage, eine Runde Yoga unter Anleitung (hier kann ich Yin-Yoga oder Restorative-Yoga empfehlen: zwei Stile, bei denen „Nichts-tun“ unter verschiedenen Bedingungen angesagt ist – und vor allem ohne sportlichen Anspruch!) oder etwas anderes, das dir gut tut.

Was kannst du abgeben?
Welche Aufgaben delegieren,
welche umorganisiseren?

Und dann gibt es auch noch die andere Seite des Burnouts, die bereinigt werden muss: Jene des „Zuviel“. Hier braucht es ein „Weniger“, ein Abgeben von Aufgaben, ein Delegieren, Umorganisieren.

Vielleicht ist es hierbei besonders hilfreich, dir konkrete Unterstützung zu holen. Alleine passiert es schnell, dass wir betriebsblind werden, indem wir (für Andere) offensichtliche Lösungen übersehen oder gar nicht auf die Idee kommen, sie in Betracht zu ziehen. Hilfreich kann bedeuten: Eine wohlwollende Kollegin, ein guter Freund, eine vertraute Ratgeberin oder eine professionelle Fachkraft wie ein Coach – jemand, der dir hilft/helfen kann, den Blick aufs Ganze zu behalten und ebenso bei Bedarf freundlich nachzuhaken und ins Detail zu gehen.

Ich wünsche Dir von Herzen alles Gute,
Katharina

Leben mit Nebenbuhler?

Foto: pexels, by pixabay

Vor 7 Jahren habe ich meine Frau kennengelernt. Wir sind wir 5 Jahren verheiratet, unsere Tochter ist 4 Jahre alt. Seit einigen Monaten lebt meine Frau von montags bis freitags in einer WG in einer 100 km entfernten Stadt. Ich kümmere mich um unsere Tochter.

Vor kurzem wollte ich sie überraschen und fuhr abends zu der anderen Wohnung. Ich habe einen eigenen Schlüssel. Dort fand ich sie im Bett mit ihrem Mitbewohner. Unbemerkt ging ich wieder.

Später stellte ich sie zur Rede. Meine Frau sagte, es sei nur Sex. Sie wolle aber nicht darauf verzichten, weil es so einen besonderen Reiz hätte. Auf ihre Ehe und ihre Familie wolle sie auch nicht verzichten. Ich weiß im Moment nicht, wie ich dauerhaft in einer solchen Konstellation leben kann.

T.B.

Lieber Familienvater,

wichtiger als die Frage, ob Sie in dieser Konstellation leben können – theoretisch und für manch einen auch praktisch ist das durchaus möglich – ist die Frage: Wollen Sie das?

Wollen Sie das?

Sie sprechen davon, dass Ihre Frau nichts aufgeben wolle. Schön für Ihre Frau, dass sie sich über ihre eigenen Wünsche und Bedürfnisse im Klaren ist.

Und wie steht es mit Ihnen?

Wie stehen Sie zu der Tatsache, dass Sie ihre Frau entdeckt haben?

Hätte es einen Unterschied gemacht, wenn sie Ihnen gesagt hätte, dass sie sexuelle Wünsche an ihren Mitbewohner hat? Wenn ja, welchen?

Wie fühlt es sich an, ihre Frau montags zu ihm fahren zu lassen, und sie freitags zurückkehren zu sehen? Wie geht es Ihnen in der Zwischenzeit? Und wie in der Zeit, wenn Sie beide zusammen sind?

Welche Frage, welcher Aspekt beschäftigt Sie zur Zeit ganz konkret oder am Dringendsten? Geht es um greifbare Fakten oder mehr um emotionale Befindlichkeiten?

Gehen Sie
Schritt für Schritt

Vielleicht muss nur eine einzige – die wichtigste – Frage klar und deutlich für Sie beantwortet sein, um zu einer Haltung und dazu passenden Handlung zu kommen. Vielleicht zeigen sich nach und nach verschiedene Details, vielleicht sind auch (schon) alle auf einmal da. Auf jeden Fall steht ein Klärungsprozess für Sie an. Gehen Sie ihn Schritt für Schritt.

Können Sie dies gemeinsam mit Ihrer Frau im Gespräch durchlaufen und klären? Benötigen Sie eine neutrale Person, die Ihnen beiden dabei hilft (z.B. ein Paartherapeut)? Oder brauchen Sie viel mehr einen Menschen, der auf Ihrer Seite steht und Sie stärkt (ein guter Freund, eine väterliche/mütterliche Person aus ihrem Umfeld, ein Therapeut oder Coach)?
Als Coach stehe ich Ihnen gerne bei.

Ich wünsche Ihnen von Herzen eine gute Portion Klarheit,
Katharina Hirsch

Abteilungsleiterin in Nöten

Vor Kurzem wurde ich zur Abteilungsleiterin befördert. Das war schon lange mein Ziel, also könnte man meinen, ich würde mich freuen. Das tue ich auch. Fachlich kann ich die Aufgaben gut bewältigen. Doch immer wieder ertappe ich mich dabei, wie ich im Umgang mit meinen Mitarbeitern extrem unsicher werde. Am liebsten möchte ich mich dann in meinem Büro verstecken.

Ich habe ständig das Gefühl, zu versagen und dass die Leute mich nicht ernst nehmen. Bisher habe ich immer versucht, nicht weiter aufzufallen. Mit der Taktik bin ich auch gut durchgekommen. Doch wenn ich jetzt kritisiert werde, fehlt mir jegliche Widerstandskraft. Sicherlich ist vieles nicht halb so schlimm, wie ich meine, aber innerlich bin ich jedes Mal völlig fertig. Manchmal braucht es nur einen schiefen Blick, und schon fühle ich mich ganz klein und unfähig, angemessen zu reagieren.

Später bin ich dann wieder wütend auf mich selbst, weil ich so unfähig bin.
Den ganzen Stress nehme ich auch noch mit nach Hause und liege dann nachts oft wach. Wenn das so weiter geht, halte ich auf der Stelle nicht lange durch.

Hallo Abteilungsleiterin,

erst einmal: Herzlichen Glückwunsch!
Sie haben sich ein Ziel gesetzt, und Sie haben es erreicht! Dazu haben Sie nicht nur fachlich, sondern auch persönlich überzeugt. Es gibt in Ihrem Arbeitsumfeld also Menschen, die in Ihnen das ganze Potenzial sehen, die Aufgabe auszufüllen.

Ich kann…!

Auch Sie selbst sind offenbar davon überzeugt (genug), dass in Ihnen die Fähigkeiten stecken, die (An-)Leitung einer Abteilung zu übernehmen. Schließlich hatten Sie den Mut, sich auf die Stelle zu bewerben.
Welche Fähigkeiten sind es, die Sie selbst überzeugt haben? Wie haben Sie es geschafft, so weit zu kommen? Wie haben Sie es geschafft, andere von sich zu überzeugen?

Das ist Ihre Basis. Das ist Ihr „Kapital“. Machen Sie es sich bewusst. Wieder und wieder. Bis Sie es auch glauben.

Mein Vorschlag an Sie: Schreiben Sie es auf.

Sie könnten die Aussagen beginnen mit:
Ich kann…!
Ich weiß, wie/dass…!
Es ist mir schon gelungen, …!
Wenn abc, dann kann/weiß/mache ich xyz….

Vielleicht gibt es auch (in Ihrem Fall besonders wertvolle) Beispiele von
„Andere sagen, ich kann/weiß/mache…“.

Wenn Sie mit der Sammlung Ihrer Stärken fertig sind, hängen Sie diese Informationen an einen Ort, an dem Sie immer wieder diese Selbstbestätigungen, die auf Erfahrung und/oder Fremdeinschätzungen basieren, lesen können. Zum Beispiel in Ihrem Zuhause an den Badezimmerspiegel, an den Kleiderschrank, an die Ausgangstür oder jeden anderen Ort, der Ihnen passend erscheint.

Außerdem verwahren Sie ein zusätzliches Exemplar griffbereit in der Handtasche. So können Sie im Zweifelsfall immer wieder eine Portion Selbstachtung und Selbstwertbestätigung tanken.

Sollte die Taktik der positiven Selbstbestärkung nicht (gut genug) funktionieren, dann empfehle ich Ihnen, dass Sie sich aktive Unterstützung durch ein Gegenüber – in einem begleitenden Coaching oder durch eine Therapie – suchen. Dann könnten Sie im Dialog und bei wohlmeinender Unterstützung die Ursachen Ihrer Unsicherheit ergründen, die Vorteile ihrer bisherhigen Lieblings-Taktik würdigen und ggf. aufgekommene Fremd-Kritik hinterfragen lernen.

Außerdem böte es sich an, Techniken zur Stressreduktion zu erproben, um auf Dauer mehr innere Ruhe zu entwickeln.
Doch dies würde hier zu weit führen.
Daher verbleibe ich damit, Ihnen

von Herzen alles Gute

zu wünschen!

Ein Weltbild stürzt ein

Foto: Kat Jayne, von Pexels

Liebe Katharina,

nach einer Reise bricht gerade meine Welt zusammen: Beim Anblick meiner Wohnung möchte ich einfach nur in die Knie sinken vor Entsetzen, wie lieblos ich mit meinem Umfeld umgehe. Auf einem Foto musste ich erkennen, dass ich die Dickste unter meinen Bekannten bin – dabei lästere ich ständig über jede Schwäche bei Anderen. Bei meiner (sozialen) Arbeit glaube ich wegen meiner direkten Art auf Ablehnung zu stoßen. Es wird immer schwerer, das alles irgendwie zu überspielen. Was kann ich tun?

Christine

Hallo Erschütterte,

ganz oberflächlich betrachtet, liegt die Antwort auf der Hand:

Schritt 1 – Prüfe, was genau du verändern möchtest.
Schritt 2 – Finde heraus, wie du es angehen kannst. 
Schritt 3 – Tu es.

Allerdings habe ich den Eindruck, es geht hier nicht um die Problemfelder Wohnungsgestaltung, Diät und Sport oder Kommunikationstechniken, sondern um ein anderes Thema: Selbstwert und (Selbst-)Akzeptanz bzw. Annahme.

Ich habe den Impuls, dir zu sagen: Nimm dich fürs Erste selbst in den Arm. Und das gern wirklich konkret (muss ja niemand sehen). Oder wende dich an einen Menschen, den du darum bitten kannst. Solche Einsichten sind manchmal schwer zu ertragen.

Und vielleicht weißt du schon lange um diese Unstimmigkeiten. Vermutlich hast du eine damit einhergehende Selbstabwertung bisher erfolgreich abgewehrt: zum Beispiel durch aktive Ignoranz (z.B. „blind“ für den Zustand deines Umfeld) und Fremdabwertung (lästern).

Nun aber wird es immer schwerer, diese Kluft aus Vorstellungen oder Erwartungen versus Realität zu überbrücken.

Auch wenn Viele es nicht wissen: Es kostet Kraft, unwillkommene Gedanken wie „der mag mich nicht“ oder „ich sehe so hässlich aus“ beiseite zu schieben. Denn wir tun dies (meistens unbewusst), in dem wir Muskeln anspannen, den Atem anhalten oder unsere Aufmerksamkeit verschieben. Diese Vorgänge kosten den Körper Energie.  Wenn sich die Baustellen noch dazu mehren, wird es umso schwerer, diese Energie aufzubringen.

Es ist also mehr als esoterisches Geblubber wenn es heißt, Körper, Geist und Seele seien eins. Wir reagieren mit dem Körper, über Hormone und Nervenimpulse, mit Muskeln und Organen, auf Gedanken und Gefühle.

Im Gegensatz dazu bedeutet Selbstannahme, zu akzeptieren, wie wir sind oder nicht sind, wie wir handeln oder nicht handeln, wie wir fühlen oder nicht fühlen, was wir denken oder dass wir überhaupt denken. Mit dem Nebeneffekt: Keine Muskelanspannung, kein Luftanhalten, keine Ablenkung.

Sei achtsam im Umgang mit dir selbst, und wenn du merkst, dass es zu schwierig ist, dich dir selbst konzentriert zuzuwenden, dann hole dir bitte Unterstützung bei guten Freunden, einfühlsamen und vertrauenswürdigen Zuhörern oder Fachleuten.

Wie also kannst du vorgehen?

Es geht darum, dass du dich dir und deinen Wahrnehmungen und Empfindungen aufmerksam und freundlich zuwendest.

Dazu solltest du wissen, dass Emotionen Gefühle sind, die uns in Bewegung „hin zu“ oder „weg von“ einer Sache bringen wollen. Und diese Gefühle haben die Eigenschaft, sich schnell zu verändern – wenn ihnen keine Bremse (in Form von Anspannung) gesetzt wird. Wenn wir verstehen, wozu uns eine Emotion bewegen will – und der erste Handlungsimpuls verflogen ist – können wir nach einer sinnvollen Lösung Ausschau halten. Oft steht sie uns dann sogar klar und deutlich vor Augen, da die hilfreiche Verhaltensweise nicht mehr von der Emotion selbst vernebelt wird.

Kurz gesagt: Emotionen sind unsere Freunde. Wir müssen sie jedoch „zu nehmen“ lernen.

Nimm dir also ein wenig Zeit, in der du ungestört bist.

Beobachte deinen Atem. Auch er ist ein guter Freund, der dich unterstützt, das Leben (und Emotionen) fließen zu lassen. Den Atem zu beobachten kann generell sehr entspannend sein.
Dann erinnere dich an den Moment deiner Erkenntnis. Spüre in deinen Körper hinein, irgendwo wird er reagieren: mit Anspannung, kribbeln, Wärme, pulsieren, einem Unwohlsein, Aufregung….

Lasse deine Aufmerksamkeit auf dieser Reaktion ruhen. Erinnere dich wieder an deinen Atem, lasse ihn möglichst sanft und gleichmäßig fließen. Beobachte die Regung in dir weiter, und beobachte dein Denken. Vielleicht entstehen auch innere Bilder oder du hörst etwas. Lerne das Zusammenspiel aus Körper und Geist kennen. Lerne die Zusammenhänge kennen. Lasse deinen Atem weiter fließen.

Früher oder später wirst du vermutlich seufzen oder tief durchatmen. In diesem Moment hast du die Anspannung rund um die Reaktion losgelassen, vielleicht hast den Zusammenhang erkannt. Voraussichtlich fühlst du dich dann deutlich ruhiger und vielleicht so etwas wie Frieden in dir.

Ich wünsche dir von Herzen viel Erfolg!
Katharina