Heute schon gezweifelt?

Bild von Gerd Altmann auf Pixabay

Zweifel sind bei vielen Menschen nicht sonderlich beliebt.
Das kann ich verstehen. Zweifel zu bearbeiten ist durchaus herausfordernd!
Doch spätestens im Rückblick sind sie nicht das eigentliche Problem.

In meinem Leben gab es lange Zeit Menschen, die sagten: „Zweifel doch nicht dauernd! Mach dir nicht so viele Gedanken!“. Manchmal gibt es sie sogar heute noch.

Früher bewirkte diese Aufforderung, dass ich mich nun wirklich schlecht fühlte! Da waren nicht nur diese Zweifel, die mich verunsicherten – sie schwirrten in meinem Kopf herum, von links nach rechts, von vorne nach hinten, kreuz und quer und sie machten mich eng in der Brust, weil ich den Atem anhielt bei dem Versuch, eine Antwort zu finden – und jetzt war das auch noch falsch?! Ich sollte das einfach sein lassen?! Ja – wie denn???? Woher bekäme ich dann die Antwort, nach der ich suchte? Die Sicherheit, die Orientierung, die Idee, wie weiter vorgehen???
Die Anderen schienen einfach zu wissen, was sie zu tun hatten. Sie schienen zu wissen, was richtig war. Sie schienen zu wissen, worauf sie sich verlassen konnten. Irgendwie schienen sie alles zu wissen. Nur ich nicht. Ich war anscheinend nicht richtig – denn ich hatte ja Zweifel.

Klingt irgendwie vertraut?

*Bei den Zeugen Jehovas zum Beispiel werden Zweifel einzelner Anhänger mit Beten und dem Lesen von Bibelversen beantwortet. [Immerhin. Anm. KH]. Zweifel seien ein Zeichen für Glaubensunsicherheiten, heißt es. Naja… Stimmt ja auch. Schade nur (meine Worte! Für mache ist es eine wirkliche Katastrophe!), dass die Zeugen Jehovas anscheinend nur den Weg des Gehorsams akzeptieren – ‚denk wie wir! Sei wie wir! Ansonsten bist du für uns gestorben.‘ Das ist nicht sonderlich lebenstauglich.**

Denn Zweifel sind nicht das Problem!

Zweifel sind ein Zeichen dafür, dass jemand sich weiterentwickelt (hat). Ein Mensch mit Zweifeln hat über den Tellerrand seines bisherigen Universums hinausgeschaut, und dort etwas anderes entdeckt, als das, was bisher vertraut war und was bisher als richtig angesehen wurde. Bisher hat „es“ so funktioniert. Nun gibt es etwas, das anscheinend dazu nicht passt. Ups! Und jetzt?

Genau das sind Zweifel.

Es kann sein, dass das Altbekannte auch hinterher in meiner Welt noch absolute Gültigkeit hat. Und wenn ich in meiner alten Welt bleiben will, dann darf auch alles so bleiben, wie es bisher war. Vielleicht hat das Altbekannte in meiner Welt nach der Überprüfung immerhin noch eine relative Gültigkeit. Und auch das ist in Ordnung. Deswegen sind Zweifel nicht böse. Sie sind nicht per se eine Gefahr für den Status Quo. Ganz im Gegenteil – sie können sogar das Vertrauen in die bisherige Seins- und Lebensweise stärken. Wenn diese sich auch weiterhin als passend, stimmig, funktionierend erweist.

Wenn aber ich mich verändert habe, oder meine alte Welt, oder meine alte Welt irgendwie nicht gut (für mich) ist – dann führen die Zweifel dazu, neue Wege und neue Lösungen zu suchen. Und das ist absolut sinnvoll. Oft anstrengend. Manchmal schmerzhaft (ja, ist leider so). Vielleicht lang dauernd. Aber: sinnvoll.

Sicherheitshalber noch ein Hinweis: Im Kreis denken – auch grübeln genannt – führt nicht ans Ziel! Weiterdenken ist angesagt. Ausprobieren ist angesagt. Überprüfen ist angesagt. Wie genau das gehen kann, ist eine andere Geschichte und wird an anderer Stelle erzählt (z.B. hier).

Der Gewinn erfolgreichen in-Frage-Stellens?
Mehr Klarheit. Mehr innere Sicherheit. Mehr Gelassenheit. Zunehmende Lebenserfahrung. Leichtere Entscheidungen. Vielleicht auch noch dies und das. Und am Ende: Weisheit (falls ich mich irre – beweisen Sie mir das Gegenteil 😉 )

Ach ja – wie es mir heute geht, wenn Menschen mir sagen: „Zweifel doch nicht dauernd!“?
Gut! Irgendwann habe ich angefangen, meine Zweifel beim Schopf zu packen, meine Fragen zu stellen und Antworten zu suchen. In mir und meinen Gedanken und Emotionen, oder in Büchern, Lexika, Filmen, You-Tube, etc. Manchmal auch direkt bei Menschen. Und wenn mir heute jemand sagt, „Zweifel doch nicht dauernd“, dann erzähle vielleicht, wozu Zweifel gut sind. Oder ich denke über ihn: „Ok, du hast keine Ahnung!“ 😉

*Ein Beitrag von Sophie Jones, einer Aussteigerin bei den Zeugen Jehovas, hat mich zum Thema dieses Textes inspiriert.
**Infos von Sophie Jones am 02.04.2021 in der NDR Talk Show, Kommentare von mir!

Abteilungsleiterin in Nöten

Vor Kurzem wurde ich zur Abteilungsleiterin befördert. Das war schon lange mein Ziel, also könnte man meinen, ich würde mich freuen. Das tue ich auch. Fachlich kann ich die Aufgaben gut bewältigen. Doch immer wieder ertappe ich mich dabei, wie ich im Umgang mit meinen Mitarbeitern extrem unsicher werde. Am liebsten möchte ich mich dann in meinem Büro verstecken.

Ich habe ständig das Gefühl, zu versagen und dass die Leute mich nicht ernst nehmen. Bisher habe ich immer versucht, nicht weiter aufzufallen. Mit der Taktik bin ich auch gut durchgekommen. Doch wenn ich jetzt kritisiert werde, fehlt mir jegliche Widerstandskraft. Sicherlich ist vieles nicht halb so schlimm, wie ich meine, aber innerlich bin ich jedes Mal völlig fertig. Manchmal braucht es nur einen schiefen Blick, und schon fühle ich mich ganz klein und unfähig, angemessen zu reagieren.

Später bin ich dann wieder wütend auf mich selbst, weil ich so unfähig bin.
Den ganzen Stress nehme ich auch noch mit nach Hause und liege dann nachts oft wach. Wenn das so weiter geht, halte ich auf der Stelle nicht lange durch.

Hallo Abteilungsleiterin,

erst einmal: Herzlichen Glückwunsch!
Sie haben sich ein Ziel gesetzt, und Sie haben es erreicht! Dazu haben Sie nicht nur fachlich, sondern auch persönlich überzeugt. Es gibt in Ihrem Arbeitsumfeld also Menschen, die in Ihnen das ganze Potenzial sehen, die Aufgabe auszufüllen.

Ich kann…!

Auch Sie selbst sind offenbar davon überzeugt (genug), dass in Ihnen die Fähigkeiten stecken, die (An-)Leitung einer Abteilung zu übernehmen. Schließlich hatten Sie den Mut, sich auf die Stelle zu bewerben.
Welche Fähigkeiten sind es, die Sie selbst überzeugt haben? Wie haben Sie es geschafft, so weit zu kommen? Wie haben Sie es geschafft, andere von sich zu überzeugen?

Das ist Ihre Basis. Das ist Ihr „Kapital“. Machen Sie es sich bewusst. Wieder und wieder. Bis Sie es auch glauben.

Mein Vorschlag an Sie: Schreiben Sie es auf.

Sie könnten die Aussagen beginnen mit:
Ich kann…!
Ich weiß, wie/dass…!
Es ist mir schon gelungen, …!
Wenn abc, dann kann/weiß/mache ich xyz….

Vielleicht gibt es auch (in Ihrem Fall besonders wertvolle) Beispiele von
„Andere sagen, ich kann/weiß/mache…“.

Wenn Sie mit der Sammlung Ihrer Stärken fertig sind, hängen Sie diese Informationen an einen Ort, an dem Sie immer wieder diese Selbstbestätigungen, die auf Erfahrung und/oder Fremdeinschätzungen basieren, lesen können. Zum Beispiel in Ihrem Zuhause an den Badezimmerspiegel, an den Kleiderschrank, an die Ausgangstür oder jeden anderen Ort, der Ihnen passend erscheint.

Außerdem verwahren Sie ein zusätzliches Exemplar griffbereit in der Handtasche. So können Sie im Zweifelsfall immer wieder eine Portion Selbstachtung und Selbstwertbestätigung tanken.

Sollte die Taktik der positiven Selbstbestärkung nicht (gut genug) funktionieren, dann empfehle ich Ihnen, dass Sie sich aktive Unterstützung durch ein Gegenüber – in einem begleitenden Coaching oder durch eine Therapie – suchen. Dann könnten Sie im Dialog und bei wohlmeinender Unterstützung die Ursachen Ihrer Unsicherheit ergründen, die Vorteile ihrer bisherhigen Lieblings-Taktik würdigen und ggf. aufgekommene Fremd-Kritik hinterfragen lernen.

Außerdem böte es sich an, Techniken zur Stressreduktion zu erproben, um auf Dauer mehr innere Ruhe zu entwickeln.
Doch dies würde hier zu weit führen.
Daher verbleibe ich damit, Ihnen

von Herzen alles Gute

zu wünschen!

Freigeist im Käfig

Ich sage gerne spontan
„Ja“ zum Leben!

Seit vielen Jahren bin ich als Entrepreneur unterwegs. Ein kreativer Geist liefert mir immer wieder neue Inspiration und ebenso eine sehr gute Intuition.

Ich bin jemand der Abwechslung, Freiheit und Flexibilität schätz. Ohne wird es bei mir zu schnell zu ernst und ich lasse Sachen fallen.

Planungssysteme, Time Management und Co sind mir absolut vertraut. Ich setzte gerne und begeistert alles auf. Mit der Zeit passiert meist folgendes:
Die Leichtigkeit verliert sich und ich vergesse einmal aufgesetzte Systeme. Selbst Kalender Erinnerungen blende ich mental aus. Konsistenz ist die größte Herausforderung für mich in der Selbständigkeit.

Schon früh
wurde mir vermittelt,
ich müsse vernünftig,
ernsthaft und
erwachsen sein.

Teils nehme ich es als Wink vom Universum, dass etwas off ist. Doch im Kern habe ich inzwischen schon im Vorfeld Angst davor: „etwas wieder nicht durchzuziehen“.

Grundsätzlich habe ich sehr viel spontane Bewegung in meinem Leben erlebt. Sei dies große Umzüge mal eben ins Land zu meistern oder den 30sten Job zu machen… ich sage gerne spontan „Ja“ zum Leben!

Schon früh wurde mir eher vermittelt ich müsse vernünftig, ernsthaft und erwachsen sein. Also versuchte ich stets den Drang nach Freiheit, die Leichtigkeit, Begeisterungsfähigkeit und Wandelbarkeit zu besiegen und mich anzupassen. Mit dem Ergebnis, dass ich meine Natur nicht ändere, trotzdem zu viele Ideen und Begeisterung habe. Jedoch dabei mir nicht erlaube, all dies als Geschenk und Lebensfreude zu leben. Anstatt dessen versuche „ernsthaft und seriös“ zu sein. Mit dem Ende vom Lied: sprunghaft zu bleiben, nur dass Geschenk dabei nicht zu leben (Freude, Begeisterung, Positivität) sondern zu verurteilen…

Ich sehe hier zwei Seiten einer Medaille und möchte gerne nicht nur unter dem negativen Aspekt leiden, ja inzwischen sogar davor Angst haben… sondern die positive Seite davon genießen und Wege finden, auf „meine Art“ das Leben zu meistern. Mir selber treu bleibend und ohne Angst…

Vielleicht hast Du ein paar Gedanken dazu, wie ich diese Dynamik wandeln kann….?

Danke!!!

Lieber Freigeist,

du fragst, wie du die nagende, pieksende Stimme der Angst zum Schweigen bringen kannst, während du dich der sprudelnden Lebensfreude, Begeisterung, Schaffenskraft und immer wiederkehrenden Neuorientierung widmest.

Ich habe vielleicht eine Neuigkeit für dich: Die Angst – ist eine etwas überfürsorgliche, aber letztlich gutmeinende Freundin. Sie will, dass du bekommst oder behältst, was dir wichtig ist. Sie will für deine Sicherheit sorgen.
Doch leider ist sie mit ihren Lösungen durch Festhalten, Vermeiden und verkopfter Disziplin vielfach keine gute Ratgeberin.

Somit ist es schon sinnvoll, ihr zuzuhören, ihre Bedenken und Sorgen aufzunehmen – und dann zu prüfen, ob diese Sorgen berechtigt sind (manchmal sind sie es) oder ihr glaubhaft zu versichern, dass sie falsch liegt. Und das tut sie oft.

Mir fällt dazu Ronja Räubertochter ein (Romanfigur von Astrid Lindgren): Vater Mattis fordert Ronja immer wieder dazu auf, sich vor allerlei Gefahren zu hüten, unter anderem davor, in den Höllenschlund zu stürzen. Vermutlich meint er „Halte dich fern!“. Doch Ronja geht hin, und übt sich im Hüten. Wieder und wieder springt sie über den Höllenschlund, bis sie auf ihre Sprungfertigkeiten vertraut. Dort wird sie so schnell nicht hineinfallen. Eines Tages muss Mattis ansehen, wie sie über den Höllenschlund springt. Und auch er erkennt irgendwann an, dass Ronja sehr gut auf sich aufzupassen versteht.

Und wie lange musst du
an etwas dranbleiben,
damit es
als „durchgezogen“ gilt?

Wovor also möchte die Angst dich schützen? Worin sollst du dich „zu hüten üben“? Ist es vielleicht sogar längst so, dass du dich gut zu hüten verstehst?

Mit welchen Erfahrungswerten kannst du der Angst den Wind aus den Segeln nehmen? Worin bist du konsistent? Welche Aufgaben erfüllst du sowohl mit Leichtigkeit als auch mit Zuverlässigkeit? (Vielleicht in einem weniger regelmäßigen, weniger offensichtlichen Zeitmuster, aber vielleicht ja doch mit ganz klaren Grundbedingungen.)

Gibt es gemeinsame Nenner bei deinen unterschiedlichen Projekten, Jobs, Ideen? Welche Erfolge haben sich mit der Zeit eingestellt? Auf welche baust du vielleicht Stück für Stück auf?

Da dir Planungssysteme und Time Management „absolut vertraut“ sind, vermute ich, dass du sie schon oft entwickelt und angewendet hast. (Übrigens: Das scheint mir etwas Konsistentes zu sein.)
Haben sich manche davon für dich doch bewährt? Vielleicht sind sie dir selbstverständlich geworden, und du erkennst sie gar nicht als „erfolgreich drangeblieben“.
Und noch einmal allgemeiner gefragt: Was führt dazu, dass du an etwas dran bleibst? Und wie lange musst du an etwas dranbleiben, damit es als „durchgezogen“ gilt?

Also lausche den Argumenten deiner Angst, nutze deine Intuition und bitte um Inspiration für eine angemessene Form der Konsistenz. Ich bin zuversichtlich, dass die Lösung genau in dir liegt. Als der Person, die du bist.

Ich wünsche dir von Herzen viel Erfolg!
Katharina