Loslassen – ja, wenn es so einfach wäre…

Immer wieder bekommen Menschen, die noch mit der Vergangenheit beschäftigt sind, zu hören: „Du musst loslassen“, „Lass einfach los!“.

Ja, wenn es denn so einfach wäre – dann würde manche, mancher es ja glatt machen… Vielleicht.

Doch tatsächlich – ist es das eben oft nicht: einfach.

Im Gegenteil erleben Betroffene immer wieder, dass das Umfeld die Bemühungen, mit der Vergangenheit fertig zu werden, nur eine kleine Zeit lang verstehen und begleiten kann. Das Trauerjahr hat seine generelle Bekanntheit verloren. Im Gegenteil wird das Leben mit all seinen – technisch initiierten – Entwicklungen immer schneller. Manchem Beobachter wird es schon nach wenigen Wochen unheimlich, wenn weiterhin der alte Pulli mit dem Geruch des verlorenen Anderen im Bett liegt, die Jacke weiterhin an der Garderobe hängt, wenn bestimmte Fragen wieder und wieder gestellt werden und ewig die gleichen Geschichten erzählt werden.

Dabei zeigt dies nur eins: Es ist noch nicht vorbei. Die Vergangenheit ist noch nicht abgeschlossen. Zu vieles ist noch präsent. Lehren sind noch nicht (ausreichend) gelernt, und Schätze noch nicht (sicher) geborgen.

Und so kommt es, dass Menschen, die durch für sie schwierige Veränderungsphasen gehen, es als hilfreich erleben (können), sich gezielt der Erinnerung auszusetzen. Sei es, um einer Sehnsucht nachzugeben; den Widerstand kurzzeitig aufzugeben; den Kampf um die Zukunft ruhen zu lassen; einen Moment der Wahrheit Raum zu geben, die da sagt: „Das ist in mir, und es tut weh“, oder: „Das ist in mir, und ich möchte bitte gerade nicht so tun, als sei es anders“, oder: „Das ist in mir, und es gibt mir Kraft“, oder: „Das habe ich immer noch nicht verstanden!“. Wieder und wieder. Solange, bis Ruhe einkehrt. Vielleicht Frieden. Bis der Impuls, sich (ständig) der Vergangenheit zuzuwenden, nachlässt. Aufhört. Ausbleibt. Bis eben wahres Loslassen geschieht.

Denn: „Vergangenheit ist, wenn nichts mehr weh tut!“ (Mark Twain).

Es geht darum, offene Fragen zu beantworten. Es geht darum, die Essenz des Erlebten in sich aufzunehmendas Gute zu integrieren, das Schlechte zu durchleuchten, um es in Zukunft schneller erkennen und abwehren zu können.

Das macht Erinnerungsarbeit.
In Ritualen bekommt sie einen Rahmen, zeitlich, methodisch, zuverlässig. In Ritualen wie dem Anzünden einer Kerze und Andacht; im Tagebuch-Schreiben; im inneren Dialog; in Briefen, die sich voller Gedanken, Fragen und Überlegungen an einen Adressaten wenden, ohne abgeschickt zu werden; in begangenen Feier- und Gedenktagen.
Aber natürlich auch im Gespräch mit Familie, Freunden oder Nachbarn, mit anderen Betroffenen in Selbsthilfegruppen oder mit professionellen Zuhörern wie einem Pfarrer, einer Therapeutin oder  anderen Helferinnen und Helfern.

Das macht eigene und/oder unterstützte Arbeit ganz konkret mit der Wahrnehmung und Anerkennung von Bedürfnissen und Emotionen.
Zum Beispiel im Personenzentrierten Gespräch nach Carl Rogers oder mit der Gewaltfreie Kommunikation nach Marshall Rosenberg: Bei beiden steht das Einfühlen in die Bedürfnisse der Erzählenden ganz weit im Vordergrund, das in deren Aufatmen des Verstehens oder Verstanden-worden-seins  seine Bestätigung zu findet.

Das machen systemische Techniken, mit denen teilweise nach Mustern gesucht wird und vielfach – auch wieder durch intellektuelles oder emotionales Verstehen – Perspektivwechsel angeregt werden.

Und das macht auch die Verhaltenstherapie, wenn sie Wege und Methoden aufzeigt, um Erinnerungen, Bedürfnisse und Emotionen aufzuspüren, ihnen nachzuspüren, sie systematisch beobachten- und kennenzulernen.

Wenn loslassen einfach ist – dann geschieht es. Und genau deswegen ist es für Menschen, die abschließen können, weil sie keine offenen Anteile mehr in einem Verlust bearbeiten müssen, so schwierig zu verstehen, wenn andere es nicht können.

Wenn loslassen nicht einfach geschieht – dann gibt es noch Arbeit am Vergangenen, Verlorenen zu tun. Im Bedarfsfall mit Unterstützung. Und das ist in Ordnung so. Denn:

Vergangenheit ist erst, wenn nichts mehr weh tut.

Besser leben in Schlechtwetterzeiten

Zu leben mit Trauer, Kummer und Gram, nach einem Verlust, vielleicht einer Trennung, ist wahrlich nicht einfach.

Und dann ist da noch die Sache mit dem Wetter…

Schlechtes Wetter kann ein Segen sein. Oder ein Fluch.
Sonnenschein kann ein Segen sein. Oder ein Arsch*.

Und so sind manche manchmal dankbar für trübe Tage – wenn die eigene Stimmung sich deckt mit dem Grau da draußen; wenn sie gedeckelt wird von einem wolkenverhangenen Himmel vor der Tür. Mit ein wenig Glück ist es dann möglich, im Haus zu bleiben, in der Wohnung, im Bett. Wenn nicht – auch egal. Angeblich.

Sich einigeln zu können und nichts zu müssen, sich verweigern zu können ist manchmal ein Vorteil des Single-Daseins. Die Anforderungen bleiben flach. Der Preis: Aufmunterungen obligen der eigenen Verantwortung.

Dabei zeigt sich immer wieder eins: Dem Raum geben, was gerade ist – der Trauer, der Schwere, der Trübnis – ohne Gegenwehr, einfach nur da sein lassen… tut oft gut. Immer mal wieder wandelt sich dann das Einheitsgrau, der Kummer, die Schwäche, in einen Hauch von Lebendigkeit oder auch mehr – denn so ist sie, die Natur von Sein. Veränderlich. Und sei es in Nuancen.

Das zu wissen, kann helfen. Wenn es denn helfen darf. Im Trüb des Verlustes oder des Mangels, aber auch im Erlauben von etwas mehr Leichtigkeit, wenn sie sich zeigt oder gar im Ausprobieren von manch doch (was ein Scheiß*) hilfreicher Technik…

Die Natur von Sein:
Veränderlich.
Und sei es in Nuancen

Wie in Momenten, wenn es dann doch greift, dieses angebliche „Egal“, das in Wahrheit gar nicht egal ist, wenn man doch hinaus muss… Vielleicht mit Widerstand, Widerwillen, schwer und schlapp – und wenn es dann spürbar wird: Wetter ist Leben. Draußen ist (mehr) Licht. Selbst an grauen Tagen.

Ob ich will oder nicht: Rausgehen verändert etwas. Und irgendwie tut es gut – und ganz besonders an Tagen, an denen die Sehnsucht groß ist nach ein klein wenig Leichtigkeit, aber die Kraft gering für eine selbstinduzierte Stimmungsaufhellung.

In solchen Momenten sind jene im Vorteil, die in Gemeinschaft leben… Wenn Andere Sinn und Kraft geben; Andere, für die es sich zu leben lohnt, aufzustehen lohnt, auch in schweren Zeiten.
Doch wenn das graue Wetter da draußen eine zusätzliche Last bildet auf der Schwere des Seins, und es solch eine Wohltat wäre, ein klein wenig mehr Licht und Leichtigkeit zu erleben… Dann ist es ein Fluch.

Dann wäre oder ist Sonne von Nöten, und besonders hilfreich. Denn wenn sie scheint, wenn sie die Wohnung zum Leuchten bringt und Farbe hinein, wenn ihr Licht und ihre Kraft den Schleier der Schwermut durchwebt und Farbe ins Gemüt bringt, dann ist sie ein Segen, der den ganzen Tag aufhellt.

Und doch, blankem Hohn gleich, kann sich ein sonniger Morgen dem schweren Herzen aufdrängen: „Hey, da bin ich! Das lachende Leben! Freude, Geselligkeit, Licht, …“.

Arsch!*

Wenn die Kraft gerade nicht da ist, all das zu sein: freudig, gesellig, lachend. Was für eine Herausforderung, gar Überforderung kann da eine muntere Wetterlage sein! Wenn die Menschen um einen herum angesteckt sind, elektrisiert, aufgeladen von Licht und Wärme und guter Laune – dann ist es so anstrengend, so zu tun, als könne man mithalten, wo man es in Wahrheit doch gar nicht kann!

Und so bleibt es dabei – es wirkt erleichternd, dem Raum zu geben, was gerade ist. Im eigenen Gemüt, an diesem Tag. Und seien es drei Minuten auf der Toilette bei der Arbeit – den Kopf vielleicht in die Hände gestützt, die Augen geschlossen, getragen vom Möbel – nur für einen kleinen, bewussten Moment. Am besten wissend, ihm mehr Raum zu geben zu einer Zeit, da es möglich ist. In einer Zeit der zurückgezogenen Ruhe oder mit einem zugewandten Gegenüber. In einem Gespräch oder bei einem Ritual der Selbstfürsorge oder der Erinnerung, einer Meditation oder einer kleinen Yogareihe…

Und dem Wetter danken – oder ihm sagen: Du kannst mich mal!

*Fluchen und Schimpfworte nutzen, entstresst. Mehr dazu hier oder auch hier.

Trauer einfach gemacht

Als meine Oma starb, ging einer der wertvollsten Menschen aus meinem Leben.

Natürlich (?) war ich traurig. Natürlich (?) habe ich geweint. Noch heute kommt es vor, dass ich an sie denke, eine Schnute ziehe und ein kindlicher Teil sagt: „Das ist doch blöd!“. „Das“ meint, dass sie nicht mehr da ist. Ein Anflug von Bedauern und vermissen. Zum Beispiel ihre megaweichen, dauergewellten Haare. Ihre weiche Haut. Ihre warmen Umarmungen. Ihr Haus. Ihr Dorf.
Meine Oma war eine Kuscheloma.

Ich hatte mir gewünscht, dass meine Kinder sie kennenlernen. Weil sie mir eine tolle Oma war.
Ihr Kommentar?
„Bis du Kinder bekommst, bin ich längst nicht mehr da!“
Das nahm ich ihr übel!

Ich war nicht wichtig genug, als dass sie leben würde… So sah ich es.

Mit der Trauer ist es, wie mit allen Gefühlen: Kommt sie EIN-fach, ist sie.
Genau das. Sie ist, wie sie ist. EIN-fach.
Und alles, was einfach ist, ist weniger schwer.
Weniger schwer, als wenn es verworren, verwickelt, vermischt ist.
Alles, was einfach ist, darf sein.
Alles, was einfach ist, damit lässt sich – eben einfach – umgehen. In eine Richtung. Auf eine Art. Und das macht es leichter.
Nicht unbedingt leicht.
Aber leichter.
Oft steckt sogar Kraft dahinter oder darin, und kann wie ein Geschenk wirken.
Einfach gefühlt und einfach gelebt, gehen Gefühle vorbei, und anschließend ist da wieder Platz und Kraft für das, was eben anschließend da ist und/oder ansteht.

Da ich mich von meiner Oma verabschieden konnte – da ich wußte, dass sie sterben würde – und auch wußte, dass sie „die Nase voll hatte“ – war die Tatsache, dass sie bald sterben würden, als es absehbar wurde und als sie schließlich gestorben war, relativ einfach.

Vorher jedoch – war ich stinkig. Persönlich verletzt, enttäuscht – und nicht bereit, sie gehen zu lassen!

Ich hatte Glück.
Ich konnte den Knoten lösen, bevor sie starb.

Es muss etwa ein Jahr zuvor gewesen sein, als ich begann, meinen Frust und meine Enttäuschungen in Briefe zu stecken. Briefe an jene, die mich frustriert und enttäuscht hatten. Jedes Mal, wenn ein Thema mich umtrieb, begann ich, dies in einen „Brief“ an den „Auslöser“ zu fassen.

Das eindrücklichste Erlebnis* hatte ich mit dem Sterben meiner Oma.

Ich schrieb ihr, dass ich sie liebe. Wie wichtig sie mir sei. Das sie mir eine tolle Oma gewesen war!
Wenn ich als Kind bei ihr geschlafen hatte, hatte der Tag mit einer Runde kuscheln ab 9 Uhr begonnen. (Davor weigerte sie sich, wach zu werden!)
Abends vorm Fernseher hatte ich ihr die Haare gebürstet oder sie mir die Beine gekrault.
Ihre Umarmungen waren nah und kuschelig gewesen.
Sie war sehr klar und fair ihren Enkelkindern gegenüber. So bekam z.B. jede(r) bis zum 18. Geburtstag einen gewissen Geldbetrag. Danach nicht mehr. Punkt.
Man wußte, woran man bei ihr war.
Ich fand das gut.
All das schrieb ich ihr.

Und dann kam in etwa dies:
„Du warst mir eine so gute Oma, dass ich mir nichts schöneres vorstellen kann, als dass meine Kinder dich kennenlernen. Und es ist dir egal!
Das nehme ich dir übel.“

Da ich begann zu weinen.

Ich weinte,
bis ich
nicht mehr weinte.
Und es war in Ordnung.

Ich las den Text mehrmals. Und jedes Mal steigerte sich mit den Zeilen der Schmerz bis zu dieser Stelle, wo sich die gefühlte Zurückweisung in Tränen und Schluchzen Bahn brach.

Nach einer Weile jedoch hörte der größte Kummer auf.
Ich las die Zeilen wieder, und ich stimmte jeder einzelnen zu. Dies alles war meine Wahrheit. Klar und echt.
Die Aussicht, dass meine Oma gehen wollte und bald gehen würde – es war damals schon abzusehen – blieb mit Bedauern um den Abschied behaftet.
Doch in mir hatte sich etwas geändert.

Ich änderte den Satz „Und das nehme ich dir übel“ in „Das nahm ich dir bis jetzt übel. Aber wenn du gehen möchtest, dann ist es jetzt für mich ok. Dann bin ich bereit, dich gehen zu lassen!“.

Und es war wahr.

Als es schließlich soweit war, da habe ich sehr geweint. Ich hatte sie gerade noch einmal besucht. Ich sehe mich noch, wie ich gemeinsam mit meiner Mutter auf dem Parkplatz stehe. Weinend. Wissend, dass es das letzte Mal gewesen sein würde.
Aber es war einfach. Ich weinte, bis ich nicht mehr weinte. Und dann fuhr ich.

Bei der Trauerfeier – weinte ich. Und lachte ich. Und es war in Ordnung.

Als ich nach 11 Jahren (1,5 Jahre später) wieder eine eigene Wohnung bezog, dachte ich:
‚So. Jetzt noch Oma anrufen, und dann bin ich angekommen!‘.
Doch dann fiel mir ein, dass Oma nicht mehr da ist.
Mist.
Ein Gedanke.
Eine Reaktion.
Bedauern.
Aber kein Schmerz. Kein Kummer. Kein Groll. Einfach: Mist.

Heute ist mir meine Oma nicht mehr so nah. Es ist soviel Leben passiert seither, indem sie kein Teil mehr war, dass ihr Platz in den alten Erinnerungen ist. Manchmal – sehr selten mittlerweile – grüße ich sie unvermittelt, dann ist sie eben doch für einen Augenblick ganz nah. Und ich genieße es. Schön, dass sie war. Und vielleicht ist sie ja irgendwie sogar noch. So fühlt es sich zumindeste für mich an. Als hätte sie mal eben bei mir vorbeigeschaut.

Ein Hauch von Bedauern kann dann aufkommen. Einen Atemzug lang, vielleicht zwei. Ich atme es ein, und ich atme es aus. Kurz, ganz automatisch und völlig in Ordnung. Schließlich ist das Leben ohne sie. Das ist blöd.  

Aber es ist einfach. Und vergeht. Ganz einfach.

*Ich habe seither viele, viele Male und Themen auf diese oder ähnliche Art behandelt. Dabei habe ich wieder und wieder erlebt, wie befreiend es wirkt, Unausgesprochenes zu formulieren und Verworrenes zu klären. Und es waren tiefergehende Themen dabei als diese Verletzung, von der ich hier schreibe – aber dies war die erste für mich so deutlich wirksame Erfahrung damit.

Herrchen verwaist!

Ich bin 41 Jahre alt und lebe allein. Um mich herum habe ich meinen kleinen Freundeskreis, bin im Fußballverein vor Ort aktiv und ich habe einen guten Kontakt zu meiner Familie. Soweit alles gut.

Vor einigen Monaten musste ich aber meinen Hund Henry einschläfern lassen, ein Golden Retriever. 12 Jahre lang hat er mich durch dick und dünn begleitet, er war einfach immer da, und er hat gemerkt, wenn es mir nicht gut ging.

Ihn einschläfern zu lassen, war das Schwerste, was ich jemals tun musste. Er hatte eine Herzmuskelschwäche und ist fast daran erstickt, weil er nicht mehr richtig atmen konnte.

Es ist mir fast peinlich, das zuzugeben, aber ich bin immer noch sehr traurig, ganz besonders, wenn ich nach Hause komme und mein Kumpel nicht an der Tür auf mich wartet. Meine Freunde und Familie sagen, es sei ja „nur“ ein Hund gewesen, so ist das nun mal, Tiere sterben, es muss weitergehen und all diesen Mist. Nur helfen tut mir das nicht, ganz im Gegenteil. Er war mein bester Freund!

Nun frage ich mich, ob das normal ist, so lange um ein Tier zu trauern. Ich weiß doch, dass Henry ein wirklich gutes Leben hatte, und er war auch schon alt. Da müsste ich doch damit umgehen können und mich freuen, dass wir so lange Zeit miteinander hatten, oder?

Aber seit Henry tot ist, fühle ich mich wahnsinnig einsam und leer. Ich merke, dass ich mir noch so oft sagen kann, dass der Tod zum Leben gehört und diesen Kram, aber deshalb fühle ich mich kein bisschen besser.

Wie kann ich aus diesem Loch herauskommen und wieder das Gute in meinem Leben mehr wahrnehmen?
Carsten

Hallo Carsten,

der Tod gehört zum Leben dazu, das ist richtig.
Und das Abschiednehmen und Trauern gehört ebenfalls zum Leben dazu!

Was ist schon normal?
Ein Mittelwert.

Bei Manchen geht das sehr schnell und bei Anderen dauert es sogar länger als die eigentliche Zeit, die man miteinander hatte. Aber was ist schon normal? Eine Mittelwert, der über viele Einzelfälle hinweg errechnet wurde – dieses „normal“-Maß findet sich selten in Form einer echten Person.

Offenbar ist es noch keinem Ihrer Freunde oder Bekannten in einer Verlustsituation so (lange so) ergangen, wie es Ihnen geht. Vielleicht hat noch keiner Ihrer Freunde und Bekannten ein geliebtes Wesen verloren, das derart eindeutig loyal zugewandt war, wie Henry Ihnen. Vielleicht hat noch keiner Ihrer Freunde und Bekannten jemanden verloren, mit dem er oder sie eine solch lange oder intensive, innige Zeit verbracht hat. Oder vielleicht haben Ihre Freunde und Bekannten nur einfach andere Verarbeitungsmuster, denn eins ist ganz sicher: Keiner von Ihren Freunden und Bekannten IST (wie) Sie.

Henry war Ihr bester Freund. Ein Freund, der zuverlässig Freude signalisierte, wenn Sie nach Hause kamen. Ein Freund, mit dem Sie viel erlebt haben, und dabei war er immer ehrlich und vermutlich für Sie gut berechenbar. Über 12 Jahre. Das ist ein langer Zeitraum, in dem sich diese hochpositive, emotionale und wiederkehrende Erfahrung stabil und zuverlässig in Ihr Hirn eingeprägt hat, eine Zeit, in der starke Erinnerungsstrukturen in Ihrem Gehirn gewachsen sind.

Und jetzt ist er weg.

Ihre Wohnung, in der er zuvor auf Sie gewartet hat, ist leer. Sie kommen allein nach Hause, und Henry ist nicht da, um sie zu begrüßen. Henry ist nicht da, um ihm durchs Fell zu strubbeln, Sachen wie „komm her, mein Freund“ zu ihm zu sagen, die Nase in seine Locken zu stecken oder hinters Ohr oder die Stirn an seine Stirn zu legen; da ist kein fröhliches Herumtollen, Bälle oder Stöcke werfen, keine gemeinsamen Spaziergänge oder zuvor der herausfordernde Blick, der sagt: „Herrchen, ich muss raus! Los! Jetzt!“.

Sich zu verabschieden, ist ein Prozess. Je vertrauter die Verbindung war, umso intensiver kann die Erinnerung zurückkehren, wenn etwas so ähnlich ist, wie es einmal war. Und daher kann dieser Prozess dann vielleicht auch umso länger dauern.

Wir können unter der Erinnerung zusammenbrechen, wenn wir uns standhaft gegen sie behaupten wollen – oder wir können sie begrüßen, mit ihr gehen, vielleicht auch in das Loch hinein, den Schmerz fühlen, ihm Raum und vielleicht Gestalt geben und damit dem Verlorenen Wertschätzung entgegenbringen.

Ich erlaube mir, in der Betrachtung des Prozesses keinen Unterschied zu machen zwischen Mensch oder (tierischen) Freund. Daher gebe ich dies zu bedenken: Früher gab es für Menschen in unserer Kultur das „Trauerjahr“, eine ganze Runde all der besonderen Tage und Momente, die so ein Jahr bereit hält. Wir haben den Totensonntag, um in einem christlichen Rahmen der Gegangenen zu gedenken – ein Ritual, das auch die Sicherheit geben kann, nicht einfach nur zu vergessen.

Rituale helfen!

In Mexico wird der „Día de los Muertos“ gefeiert. Gefeiert! Ein Tag, an dem die Geister der Toten eingeladen werden, in die Mitte der Lebenden zurückzukehren – ein Ritual, das einen Rahmen gibt, in dem intensiv und positiv an die Gegangenen gedacht wird.

Und dann sind da Sie – und Sie können und wollen (!) nicht einfach nur akzeptieren, dass Ihr Kumpel nicht mehr da ist. In meinen Augen ist nichts daran „nicht normal“.

Geben Sie ihm, der Erinnerung, einen Platz in Ihrem Leben. Wie intensiv, das entscheiden Sie! Vielleicht nehmen Sie sich ein Bild und stellen es gut sichtbar auf. Wann immer Ihr Blick darauf fällt, können Sie sich einen kleinen Moment (oder auch eine längere Zeitspanne) nehmen, um an Henry zu denken. Vielleicht hängen Sie seine Leine neben die Tür, so dass Sie beim Heimkehren in einem kleinen Ritual in liebevoller Erinnerung „Hallo Henry“ sagen können. Vielleicht haben Sie ihm früher von Ihrem Tag erzählt – vielleicht tut es Ihnen gut, dies wieder zu tun: „Hey, alter Kumpel, ich weiß, du bist nicht mehr da, aber ich möchte Dir so gern erzählen…“. Vielleicht gehen Sie spazieren auf Ihren alten Wegen und erinnern sich daran, wie es war: „Na, Henry, weißt du noch? Hier hast du …“. Vielleicht möchten Sie einfach nur die Augen schließen, und sich vorstellen, wie Sie mit ihrem Freund herumtollen. Vielleicht gibt es auch ganz etwas anderes, das sich für Sie passend und gut anfühlt.

Und ja, sich zu erlauben, von ganzem Herzen traurig zu sein, kann sich gut anfühlen!

Es hilft, der Trauer
Raum zu geben

Vielleicht entdecken Sie in sich sogar Wut darüber, dass er sterben mußte, oder ein Gefühl von Schuld, weil er litt, und Sie es nicht verhindern konnten. Oder weil Sie ihn töten ließen – auch wenn es Henry von seiner Qual erlöst hat. Beim Trauern geht es oft um mehr, als nur um die pure Tatsache, dass jemand oder etwas im Leben fehlt.

Es hilft, der Trauer Raum zu geben. Und zu wissen, dass es dafür eine reservierte Zeit gibt (einen Atemzug lang, eine halbe Stunde, eine ganze Woche extra dafür genommenen Urlaub…) kann helfen, außerhalb dieser Zeit am normalen Leben (wieder) leicht(er) teilzunehmen.

Ein Hund ist ein Freund, wie es die wenigsten Menschen sein können. Er darf betrauert werden. Genau so und genau so lange, wie es für Sie richtig ist.

Ich wünsche Ihnen von Herzen alles Gute!
Katharina Hirsch