Die verlorene Zukunft

Auf Kinder verzichten? Für ihn schon. Doch dann ist sie plötzlich schwanger.

Against all odds – allen Widrigkeiten zum Trotz

Am Telefon klingt ihre Stimme zart, fast zerbrechlich. Vor meinem inneren Auge sehe ich langes, hellblondes Haar, eine sehr zierliche Person – die Realität zeigt sich hinterher weniger ätherisch, der Beruf handfest, sowohl die soziale als auch die selbstunterstützende Kompetenz von überzeugender Klarheit.

Die Gesamtsituation beschreibt sie als komplex: schon länger liiert mit einem älteren Lebenspartner, für den weitere Kinder kein Thema mehr waren; gerade in einem neuen beruflichen Umfeld – und dann eine unerwartete, ungeplante Schwangerschaft.

„Ich dachte, ich hätte meinen Frieden damit gemacht, keine Kinder zu bekommen. Er war mir einfach wichtiger“, erzählt sie. Doch mit dem positiven Ergebnis sei ihr sofort klar gewesen, dass sie dieses hier haben wollte. Unbedingt, unumstößlich, „against all odds“, wie Phil Collins singt – allen Widrigkeiten zum Trotz!

Das Ende einer Zukunft

Der Partner hat sich noch nicht ganz zu seiner Haltung durchgerungen, die neue berufliche Situation ist noch ganz am Anfang, als sie erfährt, dass ihr Kind nicht mehr lebt. Sie muss es zur Welt bringen, ob sie will oder nicht.

Die Schwestern im Krankenhaus waren toll, sogar er war toll – „er war die ganze Zeit an meiner Seite!“ – doch nun geht das Leben weiter. Nur in ihrem Herzen trägt sie beständig den Schmerz um ihr totgeborenes Kind und um die potenzielle Zukunft. Dazu gesellt sich die Frage: Kann ich wirklich wieder zurück, kann ich wirklich auf ein eigenes Kind verzichten? Ihm zuliebe? Will ich das?

Was es zu klären gilt

Ich lasse sie erzählen. Bejahe den Konflikt, durch den sie gerade geht, als verständlich, als wichtig und herausfordernd. Hier geht es nicht nur um sie allein. Es geht um ihre Beziehung. Was diese trägt und was sie verschmerzen kann. Es geht um den Schmerz der eben erst geschenkten und so schnell wieder verlorenen Zukunft. Und es geht um die Frage, ob es jemals einen Menschen geben wird, den es nur durch sie geben kann. Es geht um die Sehnsucht nach Mutterschaft, um körperlich spürbares – wenn unerfüllt: schmerzhaftes! – Verlangen, um gänzlich andere Facetten von Leben, Fürsorge, Liebe, Entwicklung als die in einer reinen Paarbeziehung. Es kann um Neugier auf einen ganz bestimmten Menschen gehen und konkrete Vorstellungen – um ein Baby auf dem Arm, Kinderlachen und Kindertränen, die Welt aus Kinderaugen, leiten und lehren, anleiten und begleiten dürfen, und um so unendlich Vieles mehr und Unvorhersehbares.

Raum zum Heilen

Und während sie bei mir sitzt und erzählt, welchen Raum die Gedanken an ihr Kind einnehmen, obwohl sie doch gerade ein ganz neues Leben und ein ganz neues Umfeld kennenlernt, steigen die Tränen in ihr hoch. Sie erzählt von einem Teddy, den sie für ihr Baby gekauft hatte, und der nun allabendlich mit einer kurzen Geste nebenbei bedacht wird. Ich schlage ihr vor, dieser Geste ein wenig mehr bewusste Aufmerksamkeit zu schenken und lege ihr einen kleinen Platzhalter in die Hände. Sie nimmt ihn an und lässt sich auf ihre aufsteigenden Gefühle ein. Hier ist ein Platz, wo sie weinen kann.

Als sie geht, sagt sie: „Danke. Ich hatte befürchtet, meine Geschichte und meine Gefühle bekämen nicht genügend Raum. Doch ich konnte alles sagen, was mir wichtig war.“

„Ist ok, Schatz!“

Über die transformierende Kraft des Annehmens

In meinem letzten Podcästchen spreche ich darüber, dass sich Fehler zu Helfern wandeln können. Das größte Hindernis dazu ist jedoch oft die Abwehr, mit der wir auf Fehler und vor allem die damit einhergehenden (Selbst-)Bewertungen reagieren.

Bild von John Hain auf Pixabay

Heute zum Beispiel ist mir ein kleiner – monetär wirksamer – Fehler unterlaufen: Eine junge Frau nahm erstmals an meinem Yin-Yoga-Unterricht teil. Zum Abschluss der Stunde war es etwas chaotisch – mit dem Ergebnis, dass ich vergaß, ihr die Teilnahme in Rechnung zu stellen. Sie ging, ohne zu bezahlen.

Nachdem es mir aufgefallen war, verschaffte eine innere Stimme sich Gehör: „Oh mann! Wie konnte dir das denn schon wieder passieren?????“.
Können Sie den vorwurfsvollen Ton auch hören?

Eine typische Variante, darauf zu reagieren, ist (vor allem bei Frauen): Diesen inneren Kommentar wieder und wieder zu hören. Sich innerlich zu winden bei dem Versuch, ihm auszuweichen. Verzweifelt nach Antworten zu suchen. Und dabei mehr und mehr zu schrumpfen, weil keine der Antworten befriedigt, und schließlich mit einzustimmen in die vernichtende Bewertung: „Ja, wie konnte ich nur? Wie bescheuert ist das denn? Man könnte glatt meinen, das Geld würde auf Bäumen wachsen!“ Und so weiter, und so fort.

Oder … (!)

… es käme eine Reaktion, wie meine frühere Freundin M. sie häufig an den Tag legte:

Ich höre noch, wie sie „Ist ok, Schatz!“ zu mir sagte, wenn ich ihr wieder einmal meinen Frust (oder wie hier eine Verfehlung) verbal vor die Füße warf.  

Veränderung geschieht,
wenn alles so sein darf,
wie es ist.

Auch wenn ich bemerkte, dass mir ihre Reaktion gut tat, verstand ich das Wirk-Prinzip dahinter erst sehr viel später: Mit „Ist ok, Schatz!“ erlaubte sie (mir), das eine Situation so war, wie sie war. Sie erlaubte mir, zu empfinden, wie ich es tat. Zu denken, was ich dachte. Alles durfte so sein, wie es war. Einfach so. Ohne Widerstand, ohne Veränderungsaufforderung, kritikfrei, ohne Perspektivwechsel, ohne irgendeine Anforderung. Es durfte sein. Ich durfte sein. Und ich war nicht allein. Ich hatte eine Verbündete. Einfach so.

Und genau damit veränderte sie meine Situation.

Denn nun entspannte ich mich. Ich konnte durchatmen. Dies wieder bewirkte, dass auch meine Stimmung sich veränderte, und oft genug das beherrschende Thema gleich mit. Ganz einfach.

Und, wie ich heute weiß: Natürlich.

Heute weiß ich, dass in dem Moment, in dem Muskelspannungen sich lösen können (weil eine Abwehr nicht länger benötigt wird) und der Atem frei fließen kann, kann auch die aufgestaute, wortwörtlich ausgebremste Energie im Körper wieder frei fließen. Und diese Energie wird dann ganz automatisch von unserem Geist, in unserem Gehirn, auf Grundlage unserer Erfahrungen oder in einem kreativen Prozess, für eine Lösung des Problems eingesetzt*.

Heute gehört es zu meinem Arbeitsalltag, diesen Mechanismus zu fördern, ihn anderen zu vermitteln und ich liebe es, ihn zu beobachten.

Kehren wir zurück zu den Fehlern und ihrem Helferpotenzial:
Wenn wir also (durch einen unterstützenden, wohlwollenden Teil in uns selbst oder mit Unterstützung von Freunden oder Profis) akzeptieren können, dass wir einen Fehler gemacht haben („Ist ok, Schatz!“) – oder auch, dass wir mit uns schimpfen, weil wir einen Fehler gemacht haben – dann können wir kurz darauf in der Regel einen Schritt weiter gehen.

Dann können wir uns fragen: „Was mache ich jetzt damit?“.
In den Antworten finden wir vermutlich eine Strategie, die uns hilft, in Zukunft anders mit ähnlichen Situationen umzugehen.

Und: Voilà – aus einem Fehler… wurde ein Helfer.

*Manchmal heißt die Lösung, jemand anderen zu fragen, der hoffentlich mehr von der Lösung dieses Problems versteht, als wir selbst.

Podcästchen: Wie aus Fehlern Helfer werden

Es ist ziemlich unbeliebt, Fehler zu machen. Verständlich. Dabei lernen wir gerade aus ihnen!

Foto: Arek Socha auf Pixabay

Podcästchen: Gewinn durch Verlust

Irgendwo habe ich gelesen, dass es keinen Gewinn geben könne, wo kein Verlust entstehen könnte.
Und manchmal ergibt sich aus einem Verlust unerwartet ein Gewinn.
So wie in meiner kleinen Geschichte:

Und welche Erfahrung haben Sie/hast du mit einem Gewinn aus einem Verlust?
Bild von Gerd Altmann auf Pixabay

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Besser leben in Schlechtwetterzeiten

Zu leben mit Trauer, Kummer und Gram, nach einem Verlust, vielleicht einer Trennung, ist wahrlich nicht einfach.

Und dann ist da noch die Sache mit dem Wetter…

Schlechtes Wetter kann ein Segen sein. Oder ein Fluch.
Sonnenschein kann ein Segen sein. Oder ein Arsch*.

Und so sind manche manchmal dankbar für trübe Tage – wenn die eigene Stimmung sich deckt mit dem Grau da draußen; wenn sie gedeckelt wird von einem wolkenverhangenen Himmel vor der Tür. Mit ein wenig Glück ist es dann möglich, im Haus zu bleiben, in der Wohnung, im Bett. Wenn nicht – auch egal. Angeblich.

Sich einigeln zu können und nichts zu müssen, sich verweigern zu können ist manchmal ein Vorteil des Single-Daseins. Die Anforderungen bleiben flach. Der Preis: Aufmunterungen obligen der eigenen Verantwortung.

Dabei zeigt sich immer wieder eins: Dem Raum geben, was gerade ist – der Trauer, der Schwere, der Trübnis – ohne Gegenwehr, einfach nur da sein lassen… tut oft gut. Immer mal wieder wandelt sich dann das Einheitsgrau, der Kummer, die Schwäche, in einen Hauch von Lebendigkeit oder auch mehr – denn so ist sie, die Natur von Sein. Veränderlich. Und sei es in Nuancen.

Das zu wissen, kann helfen. Wenn es denn helfen darf. Im Trüb des Verlustes oder des Mangels, aber auch im Erlauben von etwas mehr Leichtigkeit, wenn sie sich zeigt oder gar im Ausprobieren von manch doch (was ein Scheiß*) hilfreicher Technik…

Die Natur von Sein:
Veränderlich.
Und sei es in Nuancen

Wie in Momenten, wenn es dann doch greift, dieses angebliche „Egal“, das in Wahrheit gar nicht egal ist, wenn man doch hinaus muss… Vielleicht mit Widerstand, Widerwillen, schwer und schlapp – und wenn es dann spürbar wird: Wetter ist Leben. Draußen ist (mehr) Licht. Selbst an grauen Tagen.

Ob ich will oder nicht: Rausgehen verändert etwas. Und irgendwie tut es gut – und ganz besonders an Tagen, an denen die Sehnsucht groß ist nach ein klein wenig Leichtigkeit, aber die Kraft gering für eine selbstinduzierte Stimmungsaufhellung.

In solchen Momenten sind jene im Vorteil, die in Gemeinschaft leben… Wenn Andere Sinn und Kraft geben; Andere, für die es sich zu leben lohnt, aufzustehen lohnt, auch in schweren Zeiten.
Doch wenn das graue Wetter da draußen eine zusätzliche Last bildet auf der Schwere des Seins, und es solch eine Wohltat wäre, ein klein wenig mehr Licht und Leichtigkeit zu erleben… Dann ist es ein Fluch.

Dann wäre oder ist Sonne von Nöten, und besonders hilfreich. Denn wenn sie scheint, wenn sie die Wohnung zum Leuchten bringt und Farbe hinein, wenn ihr Licht und ihre Kraft den Schleier der Schwermut durchwebt und Farbe ins Gemüt bringt, dann ist sie ein Segen, der den ganzen Tag aufhellt.

Und doch, blankem Hohn gleich, kann sich ein sonniger Morgen dem schweren Herzen aufdrängen: „Hey, da bin ich! Das lachende Leben! Freude, Geselligkeit, Licht, …“.

Arsch!*

Wenn die Kraft gerade nicht da ist, all das zu sein: freudig, gesellig, lachend. Was für eine Herausforderung, gar Überforderung kann da eine muntere Wetterlage sein! Wenn die Menschen um einen herum angesteckt sind, elektrisiert, aufgeladen von Licht und Wärme und guter Laune – dann ist es so anstrengend, so zu tun, als könne man mithalten, wo man es in Wahrheit doch gar nicht kann!

Und so bleibt es dabei – es wirkt erleichternd, dem Raum zu geben, was gerade ist. Im eigenen Gemüt, an diesem Tag. Und seien es drei Minuten auf der Toilette bei der Arbeit – den Kopf vielleicht in die Hände gestützt, die Augen geschlossen, getragen vom Möbel – nur für einen kleinen, bewussten Moment. Am besten wissend, ihm mehr Raum zu geben zu einer Zeit, da es möglich ist. In einer Zeit der zurückgezogenen Ruhe oder mit einem zugewandten Gegenüber. In einem Gespräch oder bei einem Ritual der Selbstfürsorge oder der Erinnerung, einer Meditation oder einer kleinen Yogareihe…

Und dem Wetter danken – oder ihm sagen: Du kannst mich mal!

*Fluchen und Schimpfworte nutzen, entstresst. Mehr dazu hier oder auch hier.

Trauer einfach gemacht

Als meine Oma starb, ging einer der wertvollsten Menschen aus meinem Leben.

Natürlich (?) war ich traurig. Natürlich (?) habe ich geweint. Noch heute kommt es vor, dass ich an sie denke, eine Schnute ziehe und ein kindlicher Teil sagt: „Das ist doch blöd!“. „Das“ meint, dass sie nicht mehr da ist. Ein Anflug von Bedauern und vermissen. Zum Beispiel ihre megaweichen, dauergewellten Haare. Ihre weiche Haut. Ihre warmen Umarmungen. Ihr Haus. Ihr Dorf.
Meine Oma war eine Kuscheloma.

Ich hatte mir gewünscht, dass meine Kinder sie kennenlernen. Weil sie mir eine tolle Oma war.
Ihr Kommentar?
„Bis du Kinder bekommst, bin ich längst nicht mehr da!“
Das nahm ich ihr übel!

Ich war nicht wichtig genug, als dass sie leben würde… So sah ich es.

Mit der Trauer ist es, wie mit allen Gefühlen: Kommt sie EIN-fach, ist sie.
Genau das. Sie ist, wie sie ist. EIN-fach.
Und alles, was einfach ist, ist weniger schwer.
Weniger schwer, als wenn es verworren, verwickelt, vermischt ist.
Alles, was einfach ist, darf sein.
Alles, was einfach ist, damit lässt sich – eben einfach – umgehen. In eine Richtung. Auf eine Art. Und das macht es leichter.
Nicht unbedingt leicht.
Aber leichter.
Oft steckt sogar Kraft dahinter oder darin, und kann wie ein Geschenk wirken.
Einfach gefühlt und einfach gelebt, gehen Gefühle vorbei, und anschließend ist da wieder Platz und Kraft für das, was eben anschließend da ist und/oder ansteht.

Da ich mich von meiner Oma verabschieden konnte – da ich wußte, dass sie sterben würde – und auch wußte, dass sie „die Nase voll hatte“ – war die Tatsache, dass sie bald sterben würden, als es absehbar wurde und als sie schließlich gestorben war, relativ einfach.

Vorher jedoch – war ich stinkig. Persönlich verletzt, enttäuscht – und nicht bereit, sie gehen zu lassen!

Ich hatte Glück.
Ich konnte den Knoten lösen, bevor sie starb.

Es muss etwa ein Jahr zuvor gewesen sein, als ich begann, meinen Frust und meine Enttäuschungen in Briefe zu stecken. Briefe an jene, die mich frustriert und enttäuscht hatten. Jedes Mal, wenn ein Thema mich umtrieb, begann ich, dies in einen „Brief“ an den „Auslöser“ zu fassen.

Das eindrücklichste Erlebnis* hatte ich mit dem Sterben meiner Oma.

Ich schrieb ihr, dass ich sie liebe. Wie wichtig sie mir sei. Das sie mir eine tolle Oma gewesen war!
Wenn ich als Kind bei ihr geschlafen hatte, hatte der Tag mit einer Runde kuscheln ab 9 Uhr begonnen. (Davor weigerte sie sich, wach zu werden!)
Abends vorm Fernseher hatte ich ihr die Haare gebürstet oder sie mir die Beine gekrault.
Ihre Umarmungen waren nah und kuschelig gewesen.
Sie war sehr klar und fair ihren Enkelkindern gegenüber. So bekam z.B. jede(r) bis zum 18. Geburtstag einen gewissen Geldbetrag. Danach nicht mehr. Punkt.
Man wußte, woran man bei ihr war.
Ich fand das gut.
All das schrieb ich ihr.

Und dann kam in etwa dies:
„Du warst mir eine so gute Oma, dass ich mir nichts schöneres vorstellen kann, als dass meine Kinder dich kennenlernen. Und es ist dir egal!
Das nehme ich dir übel.“

Da ich begann zu weinen.

Ich weinte,
bis ich
nicht mehr weinte.
Und es war in Ordnung.

Ich las den Text mehrmals. Und jedes Mal steigerte sich mit den Zeilen der Schmerz bis zu dieser Stelle, wo sich die gefühlte Zurückweisung in Tränen und Schluchzen Bahn brach.

Nach einer Weile jedoch hörte der größte Kummer auf.
Ich las die Zeilen wieder, und ich stimmte jeder einzelnen zu. Dies alles war meine Wahrheit. Klar und echt.
Die Aussicht, dass meine Oma gehen wollte und bald gehen würde – es war damals schon abzusehen – blieb mit Bedauern um den Abschied behaftet.
Doch in mir hatte sich etwas geändert.

Ich änderte den Satz „Und das nehme ich dir übel“ in „Das nahm ich dir bis jetzt übel. Aber wenn du gehen möchtest, dann ist es jetzt für mich ok. Dann bin ich bereit, dich gehen zu lassen!“.

Und es war wahr.

Als es schließlich soweit war, da habe ich sehr geweint. Ich hatte sie gerade noch einmal besucht. Ich sehe mich noch, wie ich gemeinsam mit meiner Mutter auf dem Parkplatz stehe. Weinend. Wissend, dass es das letzte Mal gewesen sein würde.
Aber es war einfach. Ich weinte, bis ich nicht mehr weinte. Und dann fuhr ich.

Bei der Trauerfeier – weinte ich. Und lachte ich. Und es war in Ordnung.

Als ich nach 11 Jahren (1,5 Jahre später) wieder eine eigene Wohnung bezog, dachte ich:
‚So. Jetzt noch Oma anrufen, und dann bin ich angekommen!‘.
Doch dann fiel mir ein, dass Oma nicht mehr da ist.
Mist.
Ein Gedanke.
Eine Reaktion.
Bedauern.
Aber kein Schmerz. Kein Kummer. Kein Groll. Einfach: Mist.

Heute ist mir meine Oma nicht mehr so nah. Es ist soviel Leben passiert seither, indem sie kein Teil mehr war, dass ihr Platz in den alten Erinnerungen ist. Manchmal – sehr selten mittlerweile – grüße ich sie unvermittelt, dann ist sie eben doch für einen Augenblick ganz nah. Und ich genieße es. Schön, dass sie war. Und vielleicht ist sie ja irgendwie sogar noch. So fühlt es sich zumindeste für mich an. Als hätte sie mal eben bei mir vorbeigeschaut.

Ein Hauch von Bedauern kann dann aufkommen. Einen Atemzug lang, vielleicht zwei. Ich atme es ein, und ich atme es aus. Kurz, ganz automatisch und völlig in Ordnung. Schließlich ist das Leben ohne sie. Das ist blöd.  

Aber es ist einfach. Und vergeht. Ganz einfach.

*Ich habe seither viele, viele Male und Themen auf diese oder ähnliche Art behandelt. Dabei habe ich wieder und wieder erlebt, wie befreiend es wirkt, Unausgesprochenes zu formulieren und Verworrenes zu klären. Und es waren tiefergehende Themen dabei als diese Verletzung, von der ich hier schreibe – aber dies war die erste für mich so deutlich wirksame Erfahrung damit.

Brainspotting – Spritzenphobie adé!

Im Alter von 9 Jahren musste mir vom Kieferchirurgen ein überzähliger Zahn herausoperiert werden.
Als die zahnmedizinische Fachangestellte die aufgezogene Spritze über mich hinweg an den Arzt übergeben wollte, flog mein Arm nach oben – und die Spritze in hohem Bogen durch den Raum.
Ein purer Reflex!
Spritzen machen mir einfach großen Stress.
Der Kieferchirurg schimpfte mit mir. Mein Vater schimpfte mit dem Kieferchirurgen und dessen Mitarbeiterin. Danach ging alles seinen Gang.

Nur die Angst vor Spritzen hat sich nicht verändert.
Trotz vieler Anläufe mit versuchter Tapferkeit ist es klüger, dass ich mich hinlege, wenn mich jemand pieksen will. Sämtliche Versuche, mir bewußt zu machen, dass der Einstich in keinem Verhältnis zu meiner Angst steht, scheiterten bisher kläglich. Ich weiß, wie ich mich ablenken oder nach und nach runterregeln kann. Es geht schon. Immer mit einigem Aufstand. Nur – weg… ging die Angst bisher trotzdem nicht!

Ich weiß, dass ich damit nicht alleine bin. Etwa 3 Prozent der Menschen in Deutschland haben mit mehr oder weniger starker Angst vor Nadeln zu tun. Wie auch ich, können viele mit allerlei Tricks lernen, ihr Angst zu kontrollieren. Doch Angst-Kontrolle ist nicht das Gleiche, wie angstfrei zu sein. Kontrolle muss ich immer wieder ausüben. Angstfreiheit – ließe mich einfach entspannt bleiben. Ich will die Freiheit!

Spritzenphobie ist keine Kopfsache. Die Angst steckt in den Knochen, der Körper macht Alarm, er verkrampft, teilweise bis in die Gefäße. Die Anspannung kann Übelkeit bis hin zum Erbrechen verursachen, oder Ohnmacht. In der Regel wissen die Betroffenen, dass ihre Angst der Sache nicht angemessen ist. Helfen tut dieses Wissen nicht.

Oft war selbst die angstauslösende Situation objektiv „nur halb so schlimm“. Und auch wenn bei Einigen schlimme und wiederholte Erfahrungen mit Nadeln die Angst verursacht haben, sind es viel häufiger objektiv betrachtet harmlose Erlebnisse, die der Mensch jedoch als kleines Kind nicht einsortieren und verstehen konnte.
Manchmal entspringt die spätere Angst sogar einfach nur der Beobachtung eines spritzenphobischen Erwachsenen. In diesen Fällen ist sie am Modell gelernt. Eigentlich ist dies ein genialer Mechanismus – aber manchmal eben nicht.

Zum Glück lässt sich diese Phobie in den meisten Fällen ganz gut behandeln.
Viele schwören auf Verhaltenstherapeutische Techniken. Ich nicht. Denn dann hätte ich längst keine Angst mehr.
Andere lassen sich durch Hypnose mit Entspannung und Suggestionen helfen. Auch diese hat gute Erfolgsquoten, habe ich gehört.

Ich selbst habe auf Brainspotting gesetzt. Nachdem ich die Technik vor einiger Zeit kennengelernt habe und sie mich sofort theoretisch und praktisch überzeugt hat, ist sie mein aktuelles Lieblingswerkzeug geworden. Brainspotting kommt ohne Fremddeutung oder Input aus. Es arbeitet mit dem, was in der Person selbst ist. Und ich habe es erfolgreich bei meiner Spritzenphobie angewendet.

Brainspotting regt Verarbeitungsprozesse im Gehirn an, indem die eigenen, im Körper entstehenden Empfindungen und Reaktionen durch die Blickrichtung der Augen beeinflusst werden.
Dazu ruft man sich zuerst die zu bearbeitende Situation ins Gedächtnis. Ich stellte mir also vor, mir solle gleich eine Impfung verabreicht werden. Als Reaktion zog sich erst etwas in meinem Bauch zusammen, dann verschoben sich die Empfindungen rasch direkt hinein ins Rückenmark.

Durch die Blickrichtung werden die Empfindungen und Reaktionen verstärkt oder abgeschwächt. So können sie im sicheren Rahmen durchgearbeitet werden und sich abreagieren.

Da viele Menschen mit ihren Emotionen und dazugehörigen Körperreaktionen nicht so vertraut sind, ist es in der Regel sinnvoll, dies durch eine*n Therapeuten/Therapeutin anleiten und begleiten zu lassen. Zum Beispiel durch mich.

Erfahrungen und Erinnerungen können sich zeigen und ganz nach dem eigenen Verständnis neu miteinander in Verbindung gebracht werden. Ich selbst hatte keine inneren Bilder. Nur die Empfindungen.

Irgendwann beruhigt sich der Ablauf.

Und genau so war es – erst dachte ich noch „Holla, wann hört das denn auf?“, im nächsten Moment ließen die Körperreaktionen deutlich nach. Immer wieder rief ich mir die Einstiegsvorstellung ins Gedächtnis – aber die Reaktion wurde nicht mehr so stark und ließ weiter nach. Anfangs wurde es immer leichter bei der Vorstellung des Desinfektionstupfers, der mir näher kam. Dann auch bei dem Bild der Nadel.

Irgendwann atmete ich einmal tief durch und war mir sicher: Wegzuschauen würde ausreichen, um gut durch die Impfung zu kommen. Für totale Freiheit von jeglicher Anspannung würde ich mir später noch einmal Zeit nehmen. Das war mir gerade nicht so wichtig.

Die Theorie konnte ich wenig später und sehr unerwartet in der Praxis meines Hausarztes überprüfen.

Der Tupfer? Null problemo!
Die Nadel? Ich überlegte noch, ob das da gerade ein Pieks gewesen war, oder ob er noch käme – da war es schon vorbei.
Und ja, ich hatte weggesehen.
Aber: Keine Anspannung. Keine Kreislaufprobleme. Und schon gar kein Umkippen.

Mein Fazit: Ich liebe Brainspotting. Es ist einfach genial. Und wirkt nicht nur bei Spritzenphobie. Wenn Sie es auch ausprobieren oder als therapeutische Intervention nutzen wollen, rufen Sie mich gern an!

Über den Anfang vom Ende eines ziemlich unglücklichen Lebens

Bild von John Hain auf Pixabay

Im Jahr 2006 hatte ich die Nase voll. Ich hatte einfach keine Lust mehr, mir selbst etwas vorzumachen. In meinem Tagebuch.

Bisher hatte stets eine Stimme aus dem Off meine Hand gelenkt, und meine Worte. Ich schrieb nicht für mich – ich schrieb für eine imaginäre Leserschaft meiner Zeilen. Auch meine inneren Monologe wandten sich an ein gesichtloses Publikum. In meinen eigenen Gedanken, in meinem Kopf, war ich nie frei, nie authentisch. In meiner inneren Welt war ich nie einfach nur ich.

Gleichzeitig litt ich an einer schlimmen Sorte von Einsamkeit: Jener in einer Beziehung. Vielfach ungesehen, ungehört, unerfüllt. Die innere und äußere Leere machten mir seit Jahren immer mehr zu schaffen.

Und dann gab es noch den eigentlichen Gamechanger: Ich griff mir ein Buch von Safi Nidiaye, „Aufwachen – und Lachen“, aus meinem Regal und las es zum wiederholten Mal. Laut Untertitel steht darin „der einfache Weg zur Freiheit von Ärger, Angst und Leid“ beschrieben. Und diesmal – wie auch immer mir das gelungen ist, mit kopfmäßiger Disziplin hatte es jedenfalls nichts zu tun – befolgte ich endlich die absolute Regel #1 bei Selbsthilfebüchern: „Du musst es auch anwenden. Lesen allein reicht nicht.“

Ekel – eine Emotion,
die Schädliches aus
dem eigenen System
herausbefördern will

Das erste schwer zu greifende Gefühl, das ich nach Safi’s Methode in mir entdeckte, war – Ekel!
Dazu hatte ich mir stundenlang bei einem meiner inneren Monologe zugesehen und zugehört. Ein Arbeitskollege war mir seinerzeit immer wieder zu sehr auf die Pelle gerückt, und ich hatte es nicht geschafft, ihn um mehr Abstand zu bitten oder gar, diesen klar und deutlich von ihm zu fordern!

Während ich mir also selbst bei meiner inneren Aufregung zusah, fragte ich mich immer wieder: „Worum genau geht es hier? Was ist das für ein Gefühl?“.

Schließlich überkam mich die Einsicht: Dieser körperliche Abstand zwischen uns, der mir viel zu gering war, verursachte mir Ekel – eine Emotion, die etwas möglicherweise schädliches aus dem eigenen System herausbefördern will. Hatte ich zuvor in dem ganzen Lamentieren auch mit mir selbst gehadert, war ich mit der Erkenntnis sofort auf meiner Seite! Was für eine Erlösung! 

Als der Mann mir eine Weile später am Kaffee-Automaten wieder einmal zu nah kam, fauchte ich ihn völlig unerwartet (auch für mich) an, er solle gefälligst einen Schritt zurücktreten!

Die Sache mit dem „ehrlich Tagebuch schreiben“ und die Arbeit darum, meine Emotionen kennen- und annehmen zu lernen – für mich gehören beide zusammen; sie gingen und gehen Hand in Hand. Heute greife ich fast immer zu Stift und Zettel, Tagebuch oder Laptop, wenn eine Situation mich nicht loslässt, und schreibe los: In ganzen oder in abgebrochenen Sätzen, in Stichworten, in Wiederholungen – manchmal Seitenlang – in ungehobelter Sprache, mit Schimpfworten oder sanft und freundlich, wenn nötig stümperhaft, suchend, schreibend, was ich eben gerade greifen kann…. Wie auch immer: Sobald ich auf den Punkt ausgedrückt habe, was ich wirklich fühle und denke, atme ich tief durch, entspanne – und das Thema ist abgehakt.

Was das mit dem Anfang vom Ende meines ziemlich unglücklichen Lebens zu tun hat?

Dies waren die ersten Schritte zu mir selbst, die anderes nach sich zogen: Kurz darauf ging meine leider viel zu lange viel zu unglückliche Partnerschaft mit einem Knall in die Brüche. Wir hatten nie gestritten. Aber an jenem Tag ließ ich erstmals ganz authentisch meinen Frust auf eine Situation, die unser Miteinander betraf, raus. Auch er muss von uns sehr frustriert gewesen sein, denn ihm platzte die Hutschnur und er reduzierte augenblicklich die Kommunikation mit mir auf das absolut unumgänglichste Mindestmaß – „Hallo“ und „Tschüß“, „Guten Morgen“ und „Gute Nacht“, manchmal „Danke“. Ich weiß bis heute nicht, wie die letzten Monate unseres Zusammenseins für ihn waren. Nach zwei Wochen Schweigen floh ich aus unserer Wohnung. Und das wars. Das war der Anfang vom Ende meines ziemlich unglücklichen Lebens.

Als nächstes folgte die Entscheidung, mich so lange mit mir selbst zu beschäftigen, bis ich wüßte, wo im Leben ich wirklich hinwollte und was mir ganz persönlich wichtig ist, damit ich es nie wieder vergessen würde – und schon gar nicht in einer neuen Partnerschaft! Ich habe es mir nicht einfach gemacht, es war nicht leicht und schon gar nicht „mal eben“, aber ich bin immer weiter gegangen. Und um es mit Michael Ende und mit Worten aus der Unendlichen Geschichte zu sagen: „Aber das ist eine andere Geschichte und soll ein anderes Mal erzählt werden.“